Neues Leben in altem Wendeburger Traditionsgeschäft

Wendeburg.  Ein Café, Wohnungen, ein Geschäft: Christian Göhe und Jürgen Göhe beleben den Laden von „Tante Anne“ in Wendeburg wieder neu.

Jürgen Göhe und sein Sohn Christian Göhe stehen vor der Backsteinfassade des einstigen Traditionsgeschäfts „Willi Meier“. Sehr lange hat das Haus leer gestanden. Jetzt wird es neu belebt.

Jürgen Göhe und sein Sohn Christian Göhe stehen vor der Backsteinfassade des einstigen Traditionsgeschäfts „Willi Meier“. Sehr lange hat das Haus leer gestanden. Jetzt wird es neu belebt.

Foto: Bettina Stenftenagel

Ein Gerüst steht am Haus und es tut sich was in Tante Annes früherem Laden an der Peiner Straße, Ecke Meierholz. Im ehemaligen Laden soll ein Bistro oder Café entstehen, oben zwei Wohnungen und aus der einstigen Fahrradwerkstatt werden Geschäftsräume. Hinter dem Projekt steht der Wendeburger Christian Göhe. Er hat das Haus, das sehr lange leer stand, bereits 2018 gekauft und nun mit dem Umbauarbeiten begonnen. „Zumindest mit denen, für die wir keinen Bauantrag brauchen“, sagt er. Denn er will auch ein neues Dach aufbringen, um etwas mehr Platz für eine Wohnung zu gewinnen. „Der Bauantrag liegt aber schon fast ein Jahr beim Landkreis“, bedauert Göhe die lange Wartezeit.

„Wenn wir vor dem Winter noch weiter kommen wollen, dann drängt jetzt die Zeit“, sagt Christians Göhes Vater Jürgen Göhe, der sich als alterfahrener Bauingenieur mit um die Baustelle kümmert. Jürgen Göhe? Ja, genau der: der Diplom-Bauingenieur, langjährige Brandschutzprüfer des Landkreises Peine, Kreisbrandmeister von 1990 bis 2002 und Ehrenkreisbrandmeister hat im Ruhestand eine neue Aufgabe in Angriff genommen. Der markante Klinkerbau ist bereits das dritte Projekt, das er zusammen mit seinem Sohn umbaut. „Er hat alle Bauberufe von der Pike auf gelernt“, betont Christian Göhe, der einen ganz anderen Beruf hat: Er ist Pilot, Coronabedingt zurzeit aber vorwiegend zu Hause.

Wohnraum für Geflüchtete, hauptsächlich Familien mit Kindern

Christian Göhe saniert aber nicht einfach nur alte Häuser – er verfolgt damit ein besonderes Ziel: „Ich schaffe Wohnraum für geflüchtete Familien mit Kindern“, sagt er. So wohnen in dem umgebauten Haus am Specken in Wendeburg bereits Flüchtlinge, genau so in Lengede. Dort haben die Privatinvestoren die alte Bäckerei gekauft, zu Wohnungen für Asylbewerber und Flüchtlinge umgebaut und an die Gemeinde vermietet. Dort wie in Wendeburg wurden und werden ausschließlich Handwerker aus der Region beauftragt.

Wer in die einstige Fahrradwerkstatt einzieht, steht schon fest. „Ein ortsansässiges Unternehmen“, sagt Christian Göhe. Der neue Laden bekommt einen eigenen Zugang von der Peiner Straße. Bis die Wohnungen fertig sind, wird es noch dauern. Neben Flüchtlingen sollen hier auch Wendeburger einziehen, „ich möchte meine Mieter durchmischen, das erleichtert die Integration“, sagt Christian Göhe.

In Tante Annes Laden gab es bunte Tüten

Zu dem alten Wendeburger Laden von „Tante Anne“ hat er eine besondere Beziehung. „Ich bin in Bettmar groß geworden, aber ich hatte einen guten Schulfreund in Wendeburg und war dadurch oft hier. Im Laden haben wir bunte Tüten gekauft“, erinnert er sich. „Und überhaupt – hier hat man alles bekommen“, erzählt er, während er an einem Fahrrad schraubt – einem von vielen, die er sammelt und wieder flott macht: für die Wendeburger Flüchtlinge.

Das Telefon klingelt, Handwerker schauen rein, auch Monika Giesen, Flüchtlingssozialarbeiterin der Gemeinde: Alle haben etwas mit Christian Göhe zu bereden. „Ein ganz normaler Tag“, sagt er mit einem Lachen – und mit einem Dankeschön an seine Frau: „Simone gibt mir nicht nur die Freiheit, alle diese insgesamt doch sehr zeitintensiven Tätigkeiten neben meiner Vollzeitbeschäftigung als Pilot bei der Lufthansa auszuüben, sondern sie unterstützt mich neben ihrer Arbeit als medizinisch-technische Assistentin im städtischen Klinikum Braunschweig auch noch zu Hause im Backoffice“, betont Christian Göhe. Weitere Unterstützung ist eventuell in Sicht: Sohn Max hat gerade sein Orientierungsstudium an der Technischen Universität Braunschweig BS begonnen hat und will den Familienbetrieb je nach Kapazität unterstützen.

Tante Annes Laden – trotz Supermarkt und Billig-Discounter hat er sich seit 1920 in Wendeburg gehalten. Mit jedem Kunden hielt Tante Anne einen kleinen Plausch. Noch mit 81 Jahren stand sie hinterm Tresen – inzwischen ist sie im Pflegeheim. Anne Ahrens hatte das Geschäft 1990 von ihrem Vater übernommen, nachdem ihr Vater gestorben war. Schon vorher hatte sie mitgearbeitet.

Willi Meier hatte das Grundstück an der Peiner Straße, Ecke Meierholz 1934 gekauft und dort das Geschäft plus Wohnhaus gebaut. Vor dem Umzug war das Geschäft an der Braunschweiger Straße – dort stand die erste Tanksäule Wendeburgs auf dem Fußweg.

Das Geschäft „Willi Meier“ entwickelte sich zum Zentrum des Dorfes. Verkauft wurden unter anderem Fahrräder, Motorräder, Fahrradzubehör, Elektronik, Porzellan und Küchengeräte – und wer in den Laden wollte, der sagte für gewöhnlich: „Wir gehen zu Klempner Meier.“

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