"Diese Woche"-Podcast: Die Aufnahme von Menschen aus Moria

Braunschweig.  Chefredakteur Armin Maus spricht im Podcast über Fluchtursachen, die unwürdigen Bedingungen in Moria und die Verantwortung der EU.

Migranten schlafen am Rand einer Straße, die von Moria nach Mytilene führt, vor ihrem Zelt. Die griechische Polizei hat am 17. September damit begonnen, die verbliebenen Migranten aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria zu holen. Sie sollen in ein neues, provisorisches Zeltlager ziehen, das die Behörden errichtet haben.

Migranten schlafen am Rand einer Straße, die von Moria nach Mytilene führt, vor ihrem Zelt. Die griechische Polizei hat am 17. September damit begonnen, die verbliebenen Migranten aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria zu holen. Sie sollen in ein neues, provisorisches Zeltlager ziehen, das die Behörden errichtet haben.

Foto: Petros Giannakouris/AP/dpa

Schon lange hat unsere Leserinnen und Leser keine Frage mehr so bewegt wie diese: Sollte Deutschland den obdachlos gewordenen Flüchtlingen von Moria helfen? Viele Leserbriefe und Kommentare haben uns erreicht, alle klar, sachlich und nachvollziehbar argumentiert, aber mit einem diametral entgegengesetzten Ergebnis.

Man muss den Menschen in Not helfen, sagen die einen. Man darf nicht eine Brandstiftung honorieren und viele zur Nachahmung animieren, sagen die anderen. Dazwischen ist nichts.

Die Journalisten sind sich ebenfalls nicht einig. Jörg Quoos und Matthias Iken haben diese Woche in unserer Zeitung ihre Standpunkte pro und contra formuliert. Jedem von ihnen kann man folgen, ohne sich naiv oder unmenschlich fühlen zu müssen.

Die Lage der Flüchtlinge ist nicht normal

Auch die politische Antwort ist bisher wenig eindeutig. Deutschland macht keine Anstalten, die Opfer der Brandkatastrophe en bloc aufzunehmen. Aber die Zahl der Wenigen, die kommen dürfen, ist auf Druck der Sozialdemokraten gestiegen. Andere europäische Staaten ducken sich komplett weg.

Lebensrettend ist, dass die von den europäischen Partnern weitgehend alleingelassenen griechischen Behörden das Chaos auf Lesbos langsam in den Griff bekommen. Schrittweise stellen sie den schlechten Stand vor dem Brand wieder her. Dank der Notquartiere müssen die Flüchtlinge wenigstens nicht mehr unter freiem Himmel schlafen.

Dürfen wir deshalb schon von einer „Normalisierung“ sprechen? Wenn wir seriös bleiben wollen, sollten wir dieses Wort meiden. Denn an der Lage der Flüchtlinge ist nichts Normales. Die Menschen hängen unter kaum menschenwürdigen Bedingungen auf einer Insel fest. Von geregelten Asylverfahren, die Asylberechtigte von Nichtberechtigten scheiden, kann keine Rede sein. Die Brücken in die Heimat haben sie abgebrochen, manche freiwillig, andere aus Not und Todesangst.

Keine Gedanken um Verteilungsgerechtigkeit

Die Diskussion über Helfen oder Nichthelfen hat, so legitim sie ist, eine Schwäche. Sie klebt an der aktuellen Situation wie ein Kaugummi am Absatz. Die Frage, warum Menschen ihre Heimat verlassen, spielt so gut wie keine Rolle. Dafür werden viele bei der Motivsuche der Brandstiftung erstaunlich schnell fündig. Vokabeln wie „Wirtschaftsflüchtlinge“ ballern durch die Luft. Zu diesem Kampfbegriff passt die Vorstellung, 12.500 Flüchtlinge hätten sich planvoll zur Brandstiftung zusammengerottet, um kollektiv ihre Ausreise nach Deutschland zu erpressen. Die vorsichtige Gegenfrage, ob man sich denn bewusst sei, dass dieses Kollektiv dann seine eigene Dezimierung durch Verbrennen in Kauf genommen hätte, dringt gegen das Narrativ vom Erpressungsversuch schwer durch.

Stellen wir weitere Fragen. Darf ein Mensch, dem es durch Glück und Abstammung geschenkt ist, in einem wohlhabenden Land zu leben, anderen vorwerfen, dass sie dem Elend in einem der vielen Armenhäuser der Welt entfliehen wollen? Sollte ein Mensch, der in einem freiheitlichen Rechtsstaat leben darf, anderen mit der Moralkeule drohen, die aus Staaten kommen, die von korrupten Diktatoren in den Ruin getrieben werden? Ist es unser Verdienst, dass wir nicht in einem Land leben, das von den Großmächten zum Schauplatz blutiger Stellvertreterkriege gemacht wurde? Oder: Wie viel von unserem Reichtum verdanken wir der Ausbeutung der Schwachen, deren Bodenschätze, Agrarerzeugnisse und Arbeitskraft wir und unsere Vorfahren nutzen, ohne uns allzu viel Gedanken um Verteilungsgerechtigkeit zu machen?

Gute Gründe, ihre Heimat zu verlassen

Sie werden vielleicht antworten, dass wir alle hart für unseren Wohlstand arbeiten, wie schon unsere Eltern und Großeltern. Sie könnten sagen: Wir haben ihn im doppelten Sinn des Wortes verdient. Das ist ja auch nicht falsch. Und selbstverständlich können wir nicht alle, die mühselig und beladen sind, nach Deutschland holen. Aber wir müssten unsere Nasen nicht ganz so hoch tragen. Wer nachdenkt, welche Folgen ein anderer Lauf der Geschichte für unser Land und seine Menschen gehabt hätte, wird schnell demütig.

Und begegnet Flüchtlinge dann vielleicht nicht mehr mit rechtschaffener Entrüstung. Dann wird es leichter, über die Krankheit nachzudenken, deren Symptom Flüchtlingslager wie Moria sind. Die Menschen haben leider sehr gute Gründe, ihre Heimat zu verlassen. Sie kommen aus einer Welt der Willkür, der Gewalt, der Armut und der Perspektivlosigkeit.

Durch Stacheldraht, Waffen und einen obszönen Vertrag mit dem Erdogan-Regime können wir sie von unseren Grenzen fernhalten. Aber der Druck wird steigen. Der deutsch-äthiopische Unternehmensberater Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, hat schon vor Jahren bei einem Leserforum unserer Zeitung zu Afrika davor gewarnt: Millionen sitzen auf gepackten Koffern, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft sehen. Die Klimaveränderung vergrößert den Druck, die Kriege und Bürgerkriege in Nordafrika auch.

Testosteron-Monster wie Trump und Putin

Wenn wir uns eines Tages nicht mehr über Flüchtlingstrecks und Elends-Camps streiten wollen, müssen wir anfangen, die Krankheit zu behandeln. Da müssen Diktatoren gebändigt, Kriege beendet, Entwicklungsprogramme gestartet werden.

Zugegeben: In einer Welt, die von Testosteron-Monstern wie Trump und Putin beherrscht wird, in der die Vereinten Nationen nur noch ein Debattierclub sind, der auf den Lauf der Welt weniger Einfluss hat als eine Aktionärsversammlung von VW, in der gemeinsames Handeln die Ausnahme ist und der Verzicht auf kurzfristigen Eigennutz gar nicht mehr vorkommt – in einer solchen Welt mag dieser Gedanke kindlich naiv wirken.

Aber vielleicht ist das ja gar kein Tadel, sondern ein Kompliment. Kinder haben ein sicheres Gefühl dafür, wer für sie gut ist. Wir können von ihnen lernen.

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