Was es für Barron bedeutet, Donald Trumps Kind zu sein

Berlin  Barron Trump ist das jüngste Kind von Donald Trump. Was das Leben als Präsidentensohn bedeutet, erklärt Psychologin Birgit Spieshöfer.

Der zehnjährige Barron Trump ist das jüngste von fünf Kindern des neuen US-Präsidenten Donald Trump.

Der zehnjährige Barron Trump ist das jüngste von fünf Kindern des neuen US-Präsidenten Donald Trump.

Foto: Pablo Martinez Monsivais / dpa

Bei aller Aufmerksamkeit um den neuen US-Präsidenten Donald Trump gerät auch eins seiner Familienmitglieder verstärkt ins Rampenlicht: sein jüngster Sohn Barron. Nach der Feier zu Trumps Amtsantritt warfen dem Zehnjährigen Medien und Öffentlichkeit vor gelangweilt und schlecht erzogen zu sein. Er wirke apathisch und hätte autistische Züge, hieß es.

Ein Angriff auf den jüngsten Trump-Spross überschritt schließlich jede Grenze des guten Geschmacks. Die US-Komödiantin Katie Rich twitterte, Barron werde der erste zu Hause unterrichtete Schul-Amokläufer der USA sein. Der Tweet wurde später gelöscht, Chelsea Clinton, als Tochter des ehemaligen US-Präsidenten Bill und der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton im Weißen Haus aufgewachsen, nahm den Jungen in Schutz. Sie forderte, er müsse einfach Kind sein dürfen.

Doch was bedeutet es für ein Kind, das so in der Öffentlichkeit steht, einfach Kind zu sein? Wie verkraftet ein Zehnjähriger den Medienrummel? Die Diplom-Psychologin Birgit Spieshöfer (48) wagt sich an den Versuch einer Einordnung. Weil es schwer ist, aus der Distanz verlässliche Interpretationen zu stellen, will sie im Interview allgemeingültige Regeln herausarbeiten, die prinzipiell für alle Kinder gelten, die in der Öffentlichkeit stehen.

Frau Spieshöfer, was bedeutet es für ein Kind, so in der Öffentlichkeit zu stehen wie der Sohn von Donald Trump?

Birgit Spieshöfer: Barron Trump ist ja noch ein Kind, er ist erst zehn Jahre alt. Das müssen wir uns bewusst machen. Als Zehnjähriger ist man mit so einer Situation überfordert, auf allen Ebenen: körperlich, emotional, geistig. Hier gilt nicht: Was mich nicht umbringt, macht mich stark. Der Druck der Öffentlichkeit hinterlässt Spuren. Da kann man ihm fast nur wünschen, dass er ein dickfelliger Typ ist.

Es kommt also auf die Persönlichkeit an?

Spieshöfer: Ja, denn da reagiert jedes Kind unterschiedlich, abhängig davon, wie sensibel es ist. Vielleicht lehne ich mich jetzt zu weit aus dem Fenster, aber im Fernsehen und auch auf Fotos macht Barron Trump auf mich den Eindruck, als sei er eher empfindsam, nicht so ein „Haudrauf“ wie sich sein Vater präsentiert. Der empfindsamere Typ reagiert viel stärker auf das, was in der Öffentlichkeit kritisiert wird, für das er vielleicht sogar diskreditiert wird. Das trifft auch auf das zu, was über die eigenen Eltern berichtet wird. Barron sollte so wenig wie möglich davon mitbekommen. Empfindsame Menschen nimmt so etwas auf jedenfalls deutlich mehr mit.

Die Situation ist für Barron Trump allerdings nicht neu.

Spieshöfer: Das stimmt. Er kennt das Leben in der Öffentlichkeit schon eine ganze Weile, eigentlich schon seit er ein Baby ist. Dass sein Vater jetzt der Präsident der Vereinigten Staaten ist, ist vielleicht nur das i-Tüpfelchen oben drauf.

Die Präsidentschaft zieht Barron Trump verstärkt selbst ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit. Was macht es mit einem Kind, wenn es selbst plötzlich scharfer Kritik ausgesetzt ist?

Spieshöfer: Meine Empfehlung ist vor allem, den Kontakt zu sozialen Medien möglichst lange hinauszuzögern und sie damit nicht einfach sich selbst zu überlassen. Kinder müssen einfach älter sein, bevor sie sich in die Hölle der sozialen Netzwerke begeben. Das ist oft schwierig umzusetzen, aber als Elternteil muss man eben bestimmte Grenzen setzen.

Wenn Barron Trump Anschuldigungen und Vorwürfe, die in den Medien und in sozialen Netzwerken an ihn gerichtet sind, mitbekommt, wird ihn das verunsichern – vor allem, wenn er tatsächlich eher der empfindsame Typ ist. Selbstzweifel können entstehen. Er ist eben noch ein Kind und Kinder empfinden die Welt als um sich kreisend. Das heißt, sie suchen die Fehler bei sich. Ein Beispiel: Kinder fühlen sich verantwortlich, wenn die Eltern sich trennen oder sie fühlen sich schuldig, wenn die Eltern sich streiten. Bei allem, was passiert, meinen sie, es hätte irgendwie mit ihnen zu tun. Das ist normal.

Wie kann man einem Kind wie Barron Trump dabei helfen, so etwas nicht zu sehr an sich heranzulassen?

Spieshöfer: Wenn jemand massiv mit solchen Aussagen zu seiner Person und Angriffen konfrontiert ist, wie es jetzt bei Barron Trump der Fall ist und sein wird, ist es wichtig, dass jemand da ist, der ihm sagt: Das hat nichts mit dir zu tun. Jemand muss ihm helfen, unterscheiden zu lernen, wann Kritik angebracht und wirklich etwas mit ihm zu tun hat. Etwa wenn er in der Schule einen Streich gemacht hat und dafür die Verantwortung übernehmen muss, dann hat das etwas mit ihm zu tun. Eine Vertrauensperson muss ihm einen realistischen Blick für solche Dinge geben. Und da ist sein Vater, wie ich ihn beurteilen würde, nicht richtig geeignet dafür.

Warum ist Donald Trump dafür nicht die richtige Person?

Spieshöfer: Zum einen – und das ist ein Problem, das viele finanziell privilegierte Menschen haben – hat er einfach den Blick für die Realität verloren. So jemand kann auch seinem Kind den Blick für die Realität nicht weitergeben. Zum anderen kann jemand, der selbst keine Kritik an sich ranlässt, seinem Kind auch nicht beibringen, für die Ansichten anderer offen zu sein. Ich brauche Selbstakzeptanz, um mich mit Bewertungen und Meinungen Anderer auseinandersetzen zu können.

Was ich bei Donald Trump sehe, ist Unsicherheit. Ich würde sagen, er hat Selbstzweifel, sonst würde er nicht so auftreten, wie er es tut. Er hat diese inneren Unsicherheiten allerdings gut weggebunkert, so dass er sie selbst nicht mehr wahrnimmt. So funktioniert der Mechanismus: Je lauter ich draußen trommele, um so weniger höre ich die unliebsame innere Stimme. Das gilt übrigens für viele Männer.

Barron Trump braucht eigentlich eine Bezugsperson, der er sich anvertrauen kann und die verlässlich für ihn da ist. Es ist in so einem Fall tatsächlich gut, jemanden von außen zu haben. Damit meine ich nicht gleich einen Psychologen, aber jemanden, der mit Kindern umgehen, der ihm Vertrauensperson sein kann. Donald und Melania Trump werden künftig gar nicht mehr so verfügbar sein können, wie sie es vielleicht vorher waren.

Welche Rolle spielen dann überhaupt die Eltern?

Spieshöfer: Die Eltern sind immer Vorbilder für Kinder, das muss man sich vor Augen halten. Die haben eine ganz spezielle Funktion. Über Donald Trump habe ich gelesen, dass er offenbar selbst wenig emotionalen Kontakt zu seinem Vater hatte, also eine weniger starke Bindung. Bei seinem Vater ging es wohl viel um Leistung. Deshalb steckt Donald Trump nun in der Zwickmühle: Wie gehe ich mit meinem eigenen Sohn um? Inwieweit trage ich das weiter, was ich durch meinen Vater gelernt habe?

Barron Trump wächst ja offenbar wirklich bei seinen Eltern auf und nicht in der Obhut einer Nanny, heißt es. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Donald Trump einen anderen Weg einschlägt als sein Vater. Das wäre eine große Herausforderung für ihn, weil er es ja selbst nicht so erlebt hat.

Man darf auch nicht nur auf Donald Trump blicken. Die Mutter ist genauso wichtig. Melania Trump wird möglicherweise im Privaten sogar mehr Einfluss haben, als wir bisher wahrnehmen. Ihr Mann schiebt sie vielleicht auf der Bühne ein bisschen hin und her, aber es kann durchaus sein, dass sie im Privaten eine größere Rolle spielt. Dass sie mit dem Jungen erstmal im Trump Tower in New York bleibt, bis er das Schuljahr beendet hat und sie mit ihm nicht gleich ins Weiße Haus zieht, deutet zumindest darauf hin.

Gibt es etwas, was Melania und Donald Trump falsch machen?

Spiehöfer: Die größte Pflicht von Eltern ist es, ihre Kinder zu schützen. Denn Kinder sind abhängig von ihnen und unglaublich verletzlich. In der Kindheit bilden sich unsere Grundlagen für das weitere Leben. Ein Kind von zehn Jahren sollte deutlich mehr aus der Öffentlichkeit herausgehalten werden. Denn es geht ja um Donald Trump, nicht um seinen Sohn. Für die Öffentlichkeit sollte Barron völlig irrelevant sein. Es geht tatsächlich um das, was Chelsea Clinton auf Twitter geschrieben hat: Er sollte einfach Kind sein dürfen.

Einfach Kind sein dürfen – Was bedeutet das überhaupt?

Speishöfer: Einfach Kind zu sein, heißt für mich, dass Eltern versuchen sollten, ihren Kindern normale Werte zu vermitteln. Sie sollten wirklich lange aus der Öffentlichkeit herausgehalten werden und nicht mit dem Gefühl aufwachsen, dass es für sie keine Grenzen gibt. Sie sollten mit einem Gefühl für Realität aufwachsen. Sie sollten erkennen, dass sie vielleicht besonders viel Geld haben und damit privilegiert sind, dass das aber woanders ganz anders aussieht.

Kind sein zu dürfen bedeutet auch, einen Bezug zu den Eltern aufzubauen, klare Regeln gesetzt zu bekommen, klare Ansprechpartner zu haben. Eltern müssen Kindern Freiräume geben, in denen sie sich entfalten können, aber auch entsprechende Grenzen setzen, um ihnen eine Richtung zu weisen. Das ist der Job von Eltern.

Barron Trump wächst wie ein Einzelkind auf. Ist die Belastung durch die verstärkte Aufmerksamkeit noch größer als für Präsidentenkinder mit etwa gleichaltrigen Geschwistern?

Spieshöfer: Ich glaube schon. Geschwister können sich in schwierigen Situationen gegenseitig Halt geben. Jemand ist da, mit dem man reden kann. Derjenige steht das gleiche durch, ist in einer ähnlichen Situation. Barron Trump ist einfach ziemlich allein.

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