Der Hass im Internet ist mitverantwortlich für Gewalt

Berlin  Vor allem die rechte Szene hetzt im Netz gegen Andersdenkende. Wir müssen uns energischer dagegen wehren. Denn Hass ist keine Meinung.

Seehofer: Rechtsextremismus erhebliche Gefahr für freiheitliche Gesellschaft

Laut Bundesinnenminister gibt es bisher keine Hinweise darauf, ob der Verdächtige mit rechtsextremen Verbindungen im Fall der Lübcke-Tötung allein oder in Gemeinschaft gehandelt hat.

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Ein beliebter Spruch der gewalttätigen rechtsextremen Szene ist: „Taten statt Worte.“ Für die Terrorzelle des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) war es dieser Gedanke, mit dem sie die Morde an zehn Menschen für sich rechtfertigte. Doch das ist nur ein Teil der Strategie. Längst gilt für Extremisten: Auch Worte sind Taten. Worte sind Waffen.

Walter Lübcke wurde auf seiner Terrasse erschossen. Dringend tatverdächtig ist der Neonazi Stephan E. Doch die Ermittlungen laufen noch, das Tatmotiv muss eindeutig geklärt werden, und auch die Frage, ob hinter dem Mord sogar ein Netzwerk von Rechten stand. Doch ganz egal, wie die Ermittlungen ausgehen werden – schon jetzt ist klar: Der erschossene Politiker Lübcke war Opfer einer gezielten Hasskampagne vor allem im Internet. Vor und nach seinem Tod.

Es ist abscheulich, was manche Menschen dort posten. Doch um die Dimensionen des Hasses zu verstehen, muss man – so sehr es schmerzt – hinschauen. „Der Kasper aus Kassel macht es nicht mehr lange“, hetzt ein Nutzer, als Lübcke, der sich für eine liberale Asylpolitik einsetzte, zur Zielscheibe der Rechten wird. „Die Drecksau hat den Gnadenschuss bekommen!“, schreibt ein Nutzer nach dem Mord.

Hass stiftet Menschen zu Verbrechen an

Rechtsradikale nutzen vor allem Facebook, Twitter, Kommentarforen, aber auch eigene Chaträume, in denen sich ausschließlich Radikale tummeln. Massenhaft werden über verachtende Bildmontagen, Witze, Mordaufrufe Menschen mit einer anderen Meinung ins Visier einer rechten Troll-Armee genommen. Das Kalkül ist auch: Hetzen – bis sich einzelne Radikalisierte aus der anonymen, digitalen Masse lösen und zuschlagen.

So, wie es ein Rechtsextremist 2015 tat, als er mit einem Messer auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker losging. So, wie es der Attentäter im australischen Christchurch im März tat, als er mit Waffen in zwei Moscheen zog und 51 Menschen erschoss.

Hass stiftet Menschen zu Verbrechen an. Das gibt es nicht erst seitdem das Internet zum zentralen Kommunikationsmedium geworden ist. Nur ein Beispiel: In der Weimarer Republik wurde von rechtsradikalen Straßentrupps mit Flugblättern, Schlachtrufen und Kampfliedern etwa gegen Reichsaußenminister Walther Rathenau gehetzt. Der Politiker wurde durch Rechtsextreme getötet.

Das Internet macht die Hetze effektiver

Doch mit dem Internet erreicht Hetze eine neue Schnelligkeit. Und Hetzer können gezielter und massenhaft gegen einzelne ihrer Gegner vorgehen. Und je stärker die Debatte vergiftet wird, desto mehr werden Abwertung und Menschenfeindlichkeit zum Alltag. Desto mehr werden sie als „sagbar“ akzeptiert.

Damit muss Schluss sein. Wir dürfen uns an Hetze nicht gewöhnen. Und jeder kann etwas dagegen tun. Zum Beispiel: Hetze und Straftaten wie Mordaufrufe melden. Bei Portalen wie www.hass-im-netz.info oder der Internet-Beschwerdestelle (einfach in die Suchmaschine eingeben).

Schon jetzt können Strafverfolger selbst anonyme Profile identifizieren und Straftäter ausfindig machen. Zuletzt gab es Razzien gegen Hasskommentatoren in 13 Bundesländern. Doch oftmals hinkt der Staat im Kampf gegen Hetze hinterher, kann wenig ausrichten. Auch Unternehmen wie Twitter und Facebook tun viel – aber doch nicht entschlossen genug.

Jeder einzelne Mensch muss zuhören – aber auch rote Linien setzen. Und bei Hass gegenhalten. Mit Zuspruch für Minderheiten, mit verbaler Unterstützung für Menschen, die im Visier von Radikalen sind. Starten wir die digitale Friedensmission! Stellen wir uns Hetze entgegen – denn Hass ist keine Meinung.

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