Anschlag auf Synagoge in Halle: Was wir wissen und was nicht

Berlin/Halle.  In Halle sterben zwei Menschen durch Schüsse. Ein Anschlag auf eine Synagoge, der für Entsetzen sorgt. Was wir wissen – und was nicht.

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Es sind schreckliche und verstörende Bilder, die offenbar mit dem Handy aufgenommen wurden: Um die Mittagszeit am Mittwoch stoppt ein Mann seinen VW Golf auf der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle. Er steigt aus, stellt sich hinter das Auto und schießt die Straße entlang. Mindestens vier Mal feuert er sein Gewehr ab. Dann steigt er ein und fährt weiter.

Nur bruchstückhaft wird am Mittwoch klar, was in Halle – und in dem wenige Kilometer entfernt liegenden Ort Landsberg – passiert. Fakt ist: Am Ende des Tages haben zwei Menschen durch Schüsse ihr Leben verloren. Weitere liegen mit zum Teil schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Den Hauptverdächtigen, einen 27 Jahre alten Deutschen, nimmt die Polizei fest. Ob es Mittäter oder Helfer gibt, bleibt zunächst offen. Der Generalbundesanwalt übernimmt die Ermittlungen. Er geht nach Angaben von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) von einem rechtsextremen und antisemitischen Motiv aus.

Anschlag auf Synagoge in Halle – Das Wichtigste in Kürze:

  • In Halle hat ein mutmaßlich Rechtsextremer einen Anschlag auf eine Synagoge verübt
  • Dabei sind zwei Menschen getötet und zwei weitere angeschossen worden
  • Die Tat löste weltweit Entsetzen aus

Anschlag in Halle: Was ist im Paulusviertel passiert?

Um kurz vor 13 Uhr am Mittwochnachmittag meldet die Polizei Halle einen Großeinsatz. Schon zu diesem Zeitpunkt ist nach Angaben der Sicherheitsbehörden klar, dass „Personen getötet“ wurden. „Täter flüchtig“, schreibt die Polizei auf Twitter. Und: „Bitte bleiben Sie in Ihren Wohnungen oder suchen Sie sichere Orte auf.“ Offiziell spricht die Polizei von einer „Amoklage“.

Der Tatort, an dem der Mann aus dem Auto steigt und schießt, liegt nördlich der Altstadt von Halle. Nur rund 500 Meter entfernt befindet sich die Synagoge der Stadt. Hier feiern Gemeindemitglieder am Mittwoch Jom Kippur, das höchste jüdische Fest. Etwa 80 Personen befinden sich mittags in der Synagoge.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, richtet sich der Angriff des Täters direkt gegen die Synagoge. „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, sagt Privorozki wenige Stunden nach dem Angriff.

Sprengsätze vor Synagoge in Halle

Die Türen hätten aber standgehalten. Der Täter hätte außerdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagt der Vorsitzende. Später heißt es, auch Sprengsätze sollen vor der Synagoge platziert worden sein. Detonationen gab es aber nicht. Augenzeugen berichten von Granaten oder Molotowcocktails, die über die Mauer des Friedhofs geworfen worden sein sollen.

Durch die Schüsse vor der Synagoge stirbt dort eine offenbar zufällig vorbeikommende Frau. In einem Döner-Imbiss an der Ludwig-Wucherer-Straße erschießt der Täter einen Mann. An den umstehenden Häusern in der Straße gibt es Einschusslöcher.

Das deutet darauf hin, dass er die Schüsse offenbar wahllos abgibt. In welcher zeitlichen Abfolge die Taten geschehen, ist vorerst unklar. Der Täter soll in der Nähe der Synagoge ein Taxi gestohlen haben und geflohen sein.

Der Polizeieinsatz in Halle dauert bis in den Abend. Die Einsatzkräfte suchen die Straßen von oben mit Drohnen ab. Der Dönerladen wird mit Robotern durchsucht, weil dort Handgranaten und Feuerwerkskörper platziert worden sein könnten. Ganze Straßenzüge sind abgeriegelt. Spezialkräfte aus dem Nachbar-Bundesland Sachsen werden nach Halle beordert.

Die Busse und Bahnen in Halle stellen ihren Betrieb bis zum späten Nachmittag ein. Der Hauptbahnhof der Stadt wird schon am Mittag gesperrt. Erst um 18 Uhr wird die Sperrung aufgehoben. Züge können dort wieder halten und müssen keine Umwege mehr fahren. Reporter berichten aber noch am Abend von einer fast menschenleeren Stadt und von einer Art Ausnahmezustand. Viele Menschen können nach Feierabend zunächst nicht in ihre Wohnungen.

Um 18.15 Uhr twittert die Polizei Halle: „Die Gefährdungslage für die Bevölkerung wird nicht mehr als akut eingestuft. Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben.“

Am Donnerstag berichtet Innenminister Holger Stahlknecht bei einer Pressekonferenz vom Ablauf des Polizeieinsatzes nach dem Angriff auf die Synagoge:

  • Um 12 Uhr erfolgt der Notruf aus der Synagoge – im Hintergrund sind Schüsse zu hören
  • Um 12.04 Uhr dann der Notruf mit der Nachricht, dass jemand erschossen wurde
  • Um 12.11 Uhr waren laut Stahlknecht die ersten Kräfte der Polizei vor Ort – der Täter nicht mehr
  • An der Synagoge hielt sich der Täter sieben Minuten auf
  • Den Döner-Imbiss erreichte er elf Minuten später
  • 45 Sekunden später warf er einen Sprengsatz, beschoss Personen – und trifft sein zweites Opfer
  • Wenig später schossen Polizisten auf den Täter – er wurde am Hals getroffen
  • Um 13 Uhr gab es eine Meldung, der Mann schieße auf Menschen in einem nahe gelegenen Ort, es gab zwei Verletzte
  • Eineinhalb Stunden nach dem ersten Notruf wurde er festgenommen

Opfer von Halle: Was ist über sie bekannt?

Es handelt sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Halle sowie einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. Die Frau war am Mittwochmittag von dem schwer bewaffneten Täter vor der Synagoge erschossen worden, der Mann wenig später in einem nahen Dönerladen.

Merkel nimmt an Mahnwache teil

Auf seiner Flucht hatte der mutmaßliche Rechtsextremist auch zwei Menschen verletzt. Bei ihnen soll es sich nach dpa-Informationen um ein Ehepaar handeln, das im 15 Kilometer entfernten Landsberg ein Geschäft betreibt. Die 40 Jahre alte Frau und der 41 Jahre alte Mann werden mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt.

Anschlag von Halle: Was ist in Landsberg geschehen?

Der 15.000-Einwohner-Ort liegt rund 15 Kilometer östlich von Halle an der Bundesstraße 100. Augenzeugen berichten, dass in dem Ort Schüsse fallen. Über die Warn-App „Katwarn“ setzt die Polizei eine Warnung auch für Landsberg ab.

Darin heißt es: „Schusswaffengebrauch im Bereich Landsberg, Gebäude und Wohnungen nicht verlassen. Von Fenster und Türen fern bleiben.“ Es soll in Landsberg einen Verletzten geben. Die Polizei riegelt den Ort bis zum Abend fast vollständig ab. Es soll eine Festnahme geben.

Die Polizei ist bis tief in die Nacht vor Ort, durchsucht am Abend Häuser. Angeblich soll das Fluchtfahrzeug von Stephan B. in dem Ort stehen, angeblich soll sich in dem Auto eine große Menge Sprengstoff befunden haben. Die Ermittler bestätigen dies bislang jedoch nicht.

Täter von Halle: Was ist über Stephan B. bekannt?

Die von Augenzeugen verbreiteten Fotos und Videosequenzen zeigen immer nur einen Täter: Er trägt eine Art dunkelgrüne Einsatzuniform und einen Helm, auf dem eine Videokamera befestigt ist. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen ist er Deutscher. Stephan B. aus Halle soll 27 Jahre alt sein und aus dem Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt stammen. Der Mann ist den Behörden laut ersten Informationen bisher nicht als Teil der rechtsextremen Szene in Sachsen-Anhalt aufgefallen.

„Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse müssen wir davon ausgehen, dass es sich zumindest um einen antisemitischen Angriff handelt“, sagt Innenminister Seehofer (CSU) am Mittwochabend. „Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist heute ein schwarzer Tag. Ein schwer bewaffneter Täter hat versucht, in eine Synagoge einzudringen, in der sich rund 80 Menschen aufhielten.“

Vor und während des Angriffs auf die Synagoge dreht der Täter ein etwa halbstündiges Video. Er lädt es anschließend im Internet hoch. Darin stellt er sich mit einem Phantasienamen vor und behauptet, den Holocaust habe es nie gegeben.

Video von Anschlag in Halle auf Twitch gestreamt

Das im Internet aufgetauchte Bekennervideo aus Halle und ein „Manifest“ des mutmaßlichen Täters sind nach dpa-Informationen authentisch. Nach Angaben der Streaming-Plattform Twitch soll das Video von rund 2200 Menschen angesehen worden sein, bevor es dann nach 30 Minuten gelöscht wurde. In dem Video ist zu sehen, wie der Filmende vergeblich versucht, die Synagoge zu stürmen.

Dann schießt er auf der Straße einer Passantin mehrfach in den Rücken. Die Frau bleibt leblos neben dem Fahrzeug des Täters liegen. Es ist auch zu sehen, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Zu Beginn des Videos gibt der mutmaßliche Täter in schlechtem Englisch antisemitische Äußerungen von sich.

Anwohner in Halle zeigen Anteilnahme

Während der Tat schimpft der Täter dann mehrfach über „Juden“ und „Kanaken“, auch das ist nach Angaben aus Sicherheitskreisen auf dem Video zu hören. Ein Zeuge, der den Tod des weiblichen Opfers vor der Synagoge beobachtet hat, beschreibt den Täter so: „Der war gekleidet wie ein Polizist – in totaler Kampfausrüstung, mit Helm und Schutzkleidung“. Er soll mit Schrotflinte und Maschinengewehr bewaffnet gewesen sein.

Bei dem VW Golf, aus dem der Mann am Mittag auf der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle aussteigt, handelt es sich offenbar um einen Mietwagen. Zugelassen ist er in der Stadt Euskirchen in Nordrhein-Westfalen. Dieses Kennzeichen wird von mehreren Mietwagenfirmen verwendet. Angeblich ist der Wagen vom 7. bis 10. Oktober gemietet.

Auch am Donnerstag gehen die Behörden von einem Einzeltäter aus. Der Generalbundesanwalt legt jedoch den Fokus auch auf die Frage, ob Stephan B. Mitwisser oder Helfer hatte.

Laut Beschreibung seines Vaters, der sich gegenüber „Bild“ äußerte, ist Stephan B. ein Eigenbrötler, der viel Zeit im Internet verbrachte und der seinen Vater zuletzt nicht mehr an sich heranließ. Der 27-Jährige, der offenbar von Fremdenhass motiviert war, wohnte bei seiner Mutter.

Am Donnerstagnachmittag wurde Stephan B. in Karlsruhe der Bundesanwaltschaft übergeben.

Halle- Dieses Augenzeugen-Video zeigt den Schützen

Was bedeutet die Tat von Halle für andere Städten und Bundesländer?

Alle Bundesländer verstärken nach dem Angriff vom Mittwoch den Polizeischutz vor Synagogen. Die Bundespolizei verstärkt ihre Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen, vor allem in Mitteldeutschland. Die Behörden im nahen Leipzig überlegen kurz, ob sie das Lichtfest absagen sollen.

Sie entscheiden sich dagegen. Das Sicherheitskonzept sei auch auf Geschehnisse wie in Halle vorbereitet, teilt die Polizei mit. Es gebe mehr Einsatzkräfte und aktuell keine Bedrohungslage.

Wie reagiert die jüdische Gemeinde in Deutschland?

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat nach dem Angriff auf eine Synagoge in Halle/Saale schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös“, teilte Schuster am Mittwochabend mit. „Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt.“ Nur glückliche Umstände hätten ein Massaker verhindert, sagte Schuster in Würzburg.

Zentralrat der Juden äußert sich schockiert

Mit Blick darauf, dass am vergangenen Freitag in Berlin ein Mann mit Messer vor einer Synagoge gestoppt wurde, appellierte Schuster zudem an strengeres Vorgehen der Justiz nach Angriffen und Angriffsversuchen. In letzter Zeit sei eine „Verschiebung der roten Linie“ zu beobachten, und auf Worte folgten Taten, sagte Schuster.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, warf der Polizei eine zu langsame Reaktion beim versuchten Angriff auf die Synagoge vor. „Die waren zu spät vor Ort“, sagte Privorozki in einem Video, das am Mittwoch vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus auf Twitter veröffentlicht wurde. Mindestens zehn Minuten hätten sie gebraucht, als er angerufen und gesagt habe: „bewaffneter Anschlag gegen die Synagoge“. Privorozki machte deutlich, dass mehrfach auch in Sachsen-Anhalt der Wunsch nach Polizeischutz für Synagogen geäußert worden sei – „genauso wie in großen Städten wie Berlin, München Frankfurt“.

Wie reagiert die Politik auf den Vorfall?

Etliche Politikerinnen und Politiker aus der ganzen Welt erklärten ihre Bestürzung und drückten ihr Mitgefühl aus. „Dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande“, sagte unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach dem Besuch der betroffenen Synagoge. „Wer jetzt noch einen Funken Verständnis zeigt für Rechtsextremismus und Rassenhass, wer die Bereitschaft anderer fördert durch das Schüren von Hass, wer politisch motivierte Gewalt gegen Andersdenkende, Andersgläubige oder auch Repräsentanten demokratischer Institutionen, wenn ich an den Fall Walter Lübcke denke – wer das rechtfertigt, der macht sich mitschuldig.“

Bundespräsident besucht Synagoge in Halle

Bundesinnenminister Horst Seehofer nannte die Tat auf einer Pressekonferenz am Donnerstag „eine Schande für unser Land“. „Wir müssen leider der Wahrheit ins Gesicht blicken, und die Wahrheit lautet, die Bedrohungslage durch Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus in Deutschland ist sehr hoch. Die Gewaltbereitschaft ist sehr hoch. Die Waffenaffinität ist sehr hoch.“ Neben Islamismus sei dies die zentrale Herausforderung für Deutschland.

Angehen müsse man vor allem die Hassparolen und das, „was im Internet abläuft“. Hass sei immer die Grundlage für Gewalt. Seehofer führte an, dass er noch nie erlebt habe, wie ein Opfer ins Lächerliche gezogen und der Täter gefeiert wurde, wie es nach dem Tod von Politiker Walter Lübcke der Fall gewesen sei.

Unterwegs seien „Systemgegner“. Es gehe um die Verteidigung der demokratischen Grundordnung. Ohne die Bürger einzuschränken. Seehofer sagte: Die Sicherheitsbehörden werden massiv aufgestockt.

(mit ba/ses/dpa)