Elf Tote in Chile – Präsident sucht Dialog mit Opposition

Berlin.  Preiserhöhungen für U-Bahntickets haben in Chile schwere Unruhen ausgelöst. Jetzt verspricht die Regierung soziale Verbesserungen.

Proteste in Chile halten an

Chiles Präsident Sebastián Piñera sprach nach einer Krisensitzung, davon, dass sich das Land im Krieg befände.

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Nach tagelangen schweren Unruhen mit mindestens elf Toten hat Chiles Präsident Sebastián Piñera hat die Opposition aufgerufen, gemeinsam mit der Regierung Lösungen für die soziale Krise im Land zu finden. „Wir arbeiten an einem Rekonstruktionsplan“, sagte Piñera am Montagabend (Ortszeit). Ziel sei eine Anhebung der Renten, eine Senkung der Medikamentenpreise und eine bessere Regelung der Strompreise.

Piñera verteidigte seine Worte vom Vortag, als er von einem „Krieg“ gegen einen höchst gewalttätigen Feind sprach. „Ich habe hart gesprochen, weil mich der Schaden und der Schmerz empören, den diese Gewalt und dieses Verbrechertum verursachen“, sagte der Staatschef. Auslöser der Proteste war eine Preiserhöhung für U-Bahn-Tickets in Santiago von umgerechnet vier Euro-Cent.

Chiles Präsident Piñera spricht von „Krieg“

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte und frühere chilenische Präsidentin, Michelle Bachelet, hat ein Ende der Gewalt und einen Dialog zwischen Politik und Zivilgesellschaft in ihrem Heimatland gefordert. Alle Beteiligten sollten sich zurückhalten und eine weitere Polarisierung vermeiden, erklärte Bachelet in Genf. Bachelet bekleidete zweimal das Präsidentenamt in Chile.

Am Sonntag hatte Piñera von einem „Krieg“ gesprochen, der auf den Straßen stattfinde: „Wir sind im Krieg mit einem machtvollen und unerbittlichen Feind, der nichts und niemanden respektiert“, so Piñera in einer TV-Ansprache. Ziel vieler Protestierender sei es, größtmöglichen Schaden anzurichten.

Chile: Mindestens elf Tote bei Unruhen

Fünf der bisher elf Toten wurden in einer geplünderten und in Brand gesetzten Kleiderfabrik in Santiago de Chile geborgen, wie die Feuerwehr am Sonntagabend mitteilte. Am Morgen waren in zwei Supermärkten der Hauptstadt zwei Frauen und ein Mann ebenfalls bei Bränden nach Plünderungen umgekommen.

Auf dieser Google-Karte sehen Sie, wo Santiago de Chile liegt.

Weitere zwei Tote wurden in der ausgebrannten Halle einer Baumarktkette im Süden Santiagos aufgefunden, teilte Bürgermeisterin Karla Rubilar mit. Auch in Coquimbo, im Norden Chiles, kam mindestens ein Mann bei den Unruhen ums Leben.

Chile: Protest eskaliert – Menschen massiv enttäuscht von Politik

Eigentlich ging es nur um eine geringfügige Preiserhöhung. Der öffentliche Nahverkehr wurde teurer – in der Folge entbrannte im südamerikanischen Chile eine heftige Protestwelle, Präsident Piñera rief den Ausnahmezustand aus. Am Samstagabend machte Piñera die Tariferhöhung der U-Bahn rückgängig. „Ich habe die Stimme meiner Mitbürger gehört“, so der Präsident. Allerdings sitzen Enttäuschung und Wut offensichtlich deutlich tiefer.

Tatsächlich geht es den Demonstranten nicht nur um die Ticketerhöhung: Seit Jahren würde das Land von sozialer Ungerechtigkeit gebeutelt, erklären die Demonstranten. Das marode Gesundheits- und Rentensystem treibt viele immer wieder in existenzielle Krisen. Regierungsentscheidungen, Wasser und Wälder zu privatisieren, führt zu Ausbeutung und Naturkatastrophen.

Die Situation in der Hauptstadt eskaliert seit knapp einer Woche zunehmend. In der Nacht zu Sonntag gab es die ersten Todesfälle – nachdem der Präsident die Ausgangssperre verhängt hatte. In sozialen Netzwerken waren Gruppen zu sehen, die laut und randalierend durch die Straßen ziehen. Bahnstationen, Häuser und Autos brennen – initiiert wurden die Proteste vor allem von Studentengruppen.

Chile: Präsident verhängt den Ausnahmezustand

„Es geht nicht um die Preiserhöhung an sich“, berichtet ein Chilene unserer Redaktion am Telefon. „Es geht um das System. Wir müssen mehr für Bildung zahlen als alle anderen Länder in Südamerika verlangen. Unser Gesundheitssystem gehört zu den teuersten.“ Die Politiker seien korrupt, die Polizei vertrauensunwürdig.

Ein anderer beschreibt die Situation als „extrem kompliziert“ – „Der Präsident mauert, der wütende Mob zündet alles an, die normalen Leute protestieren friedlich, aber sie werden abgeführt, Opfer von Gewalt.“ Chile präsentiere sich als fortschrittliches Land, als weiter entwickelt als viele Nachbarn, „die Wahrheit ist: es ist alles auf sehr brüchigem Boden gebaut – und wir sehen jetzt, was passiert, wenn die Erde anfängt zu beben.“

Ausgangssperre nicht mehr nur in Santiago, Flüge fallen aus

Nach Brandanschlägen auf U-Bahn-Stationen und Busse gilt seit Samstag eine Ausgangssperre in der chilenischen Hauptstadt, die in der Nacht zum Sonntag auf Valparaíso, Concepción und Rancagua ausgeweitet wurde.

Rund 9400 Militärs wurden nach Angaben des Verteidigungsministeriums eingesetzt. Über 60 Supermärkte wurden in verschiedenen Städten geplündert und mindestens sechs in Brand gesetzt. Knapp hundert Flüge wurden ausgesetzt, weil die Besatzungen die Flughäfen nicht erreichen konnten.

Umgerechnet wurden die Fahrpreise um vier Cent pro Ticket erhöht – angesichts der steigenden Lebenserhaltungskosten, denen die vergleichsweise niedrigenden Gehälter in vielen Branchen kaum angepasst werden, ist das für viele, die täglich mehrere Fahrten machen müssen, eine Herausforderung. Auch Stromtarife sind kürzlich erhöht worden, um durchschnittlich 10 Prozent.

Auch in

wegen der separatistischen Gewalt. (ses/dpa)

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