Kriegt Schweden noch die Kurve?

Stockholm/Berlin.  Schweden ging einen eher laschen Corona-Weg, setzte auf Freiwilligkeit. Jetzt steigen die Todeszahlen. Die Regierung reagiert - zu spät?

Schwedens Corona-Sonderweg: "Viele sind nicht einverstanden"

Während in den meisten europäischen Ländern das öffentliche Leben zum Stillstand gekommen ist, geht Schweden in der Corona-Krise einen Sonderweg. Bei Kritik an dem vergleichsweise entspannten Umgang mit der Pandemie verweisen Politiker auf den Rat der Gesundheitsbehörde. Nicht jeder Schwede ist mit dem Vorgehen einverstanden.

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  • Im Gegensatz zu Deutschland und den meisten anderen EU-Ländern ließ Schweden seinen Bürgern viel Freiraum gegen die Coronavirus-Krise
  • Kindergärten und Grundschulen bis zur neunten Klasse sind anders als Gymnasien und Unis weiter offen
  • Das Gleiche gilt für Restaurants, Kneipen und Cafés, die ihre Gäste seit kurzem aber nur noch am Tisch bedienen dürfen
  • Damit war Schweden im Grunde das letzte EU-Land ohne extrem scharfe Maßnahmen gegen Covid-19. Nun sind Besuche in Altenheimen verboten, denn die Lage in den Kliniken verschärft sich.
  • Aktuell gibt es in Schweden mehr als 5500 Infizierte, über 300 Menschen sind bereits an der Lungenkrankheit gestorben

Selbst beim schwedischen König scheint das Prinzip Hoffnung zu regieren. In einem großen Video-Interview mit der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ erklärte Carl XVI. Gustaf dieser Tage auf die Frage, was er vom bislang eher laxen Umgang seines Landes mit der Corona-Bedrohung halte: „Wir werden sehen, was dabei rauskommt.“ Die Grenzen für EU-Bürger sind unverändert offen, ebenso die meisten Geschäfte, Restaurants, Cafés. Kinder dürfen in Grundschulen und Kitas. Anders als in den Alpen waren die Skigebiete in Nordschweden noch lange in Betrieb, erst am Dienstag kündigten die Betreiber die Schließung an.

Der 73 Jahre alte Carl Gustaf hat sich zusammen mit seiner aus Deutschland stammenden Frau, Königin Silvia (76), auf Schloss Stenhammar weit weg von Stockholm zurückgezogen. Er hoffe, dass die Behörden und Experten mit ihrer Erfahrung die richtigen Entscheidungen treffen. Schweden sei stark: „Wir sind ein enorm gut organisiertes Land.“

Das hält der König von Schwedens Sonderweg in der Corona-Krise

Beim Staatsoberhaupt scheint das Prinzip Hoffnung zu regieren. In einem großen Video-Interview mit der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ erklärte der König jetzt auf die Frage, was er vom Sonderweg seines Landes bei der Corona-Bekämpfung halte: „Wir werden sehen, was dabei rauskommt.“ Er hoffe, dass die Behörden und Experten mit ihrer Erfahrung die richtigen Entscheidungen treffen. Schweden sei stark: „Wir sind ein enorm gut organisiertes Land.“

Das mag richtig sein. Das kleine, wirtschaftsstarke und digitalisierte Königreich ist stolz auf seine Unabhängigkeit. Äußere Bedrohungen sind den Schweden fremd. Dank ihrer Neutralität blieben sie vom Zweiten Weltkrieg verschont. Der letzte Krieg auf schwedischem Boden fand 1809 gegen die Russen statt. Carl Gustafs Vorfahren mussten danach Finnland abtreten. Nun haben es die Schweden wie der Rest der Welt mit einem unsichtbaren, heimtückischen Gegner zutun. Lesen Sie hier: Schwedens Corona-Weg sorgt für Entsetzen bei Markus Lanz.

Und der Rest Europas reibt sich verwundert die Augen, warum Busse und Bahnen in Stockholm rappelvoll sind, während die Deutschen in den eigenen vier Wänden hocken müssen. Sind die Virologen in Stockholm klüger – oder wird sich das lasche Krisenmanagement rächen?

Die Regierung hört auf den schwedischen Christian Drosten

Die Regierung von Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven hat lange eher zurückhaltend auf die Corona-Krise reagiert. Die Grenzen für EU-Bürger sind offen, ebenso die Schulen bis zur 9. Klasse und die Kitas. Uni sind dagegen geschlossen, Abschlussprüfungen wurden abgesagt. In Stockholm sind Busse und U-Bahnen voll wie immer. Jeder, der keine Symptome zeige, könne wie immer zur Arbeit gehen, lautet die Empfehlung der Gesundheitsämter. Inzwischen hat die Regierung die Zügel straffer angezogen. Gesundheits- und Sozialministerin Lena Hallengren verkündete zunächst nur Einschränkungen für den Betrieb in Bars, Restaurants und Cafés. Dort darf nur noch am Tisch oder außer Haus serviert werden.

Die Regierung hört im Kampf gegen Corona auf Anders Tegnell. Er ist der Chef-Epidemiologe, ein schwedischer Christian Drosten. Mit Turnschuhen und Pulli wirkt der 63-Jährige jünger, als er ist. Anfang der Woche sagte er, niemand wisse, welche Strategie in welchem Land gegen Covid-19 richtig oder falsch sei. Die Schweden seien es gewohnt, auf Freiwilligkeit zu setzen.

Der oberste Seuchenbekämpfer glaubt, dass ein Großteil der Bevölkerung nach und nach das Virus übersteht und so eine Herdenimmunität aufbaut. Dafür musste er im sonst so konsensorientierten Land bereits viel Kritik einstecken. Auch Großbritannien und die Niederlande schlugen zunächst diesen Weg ein, haben nach massiven Warnungen mittlerweile aber schärfere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus getroffen.

Am Donnerstag hörte sich Tegnell dann deutlich besorgter an. „Wir sind auf einem neuen Niveau“, räumte er ein. Denn die Zahlen steigen: Schweden hat nun mehr als 5500 bestätigte Corona-Fälle. 308 Menschen sind bislang gestorben, darunter eine erst 26 Jahre alte Frau. Das benachbarte Norwegen meldete bei ähnlich viel Infizierten zuletzt 51 Tote. Tegnell erklärte, es treffe vor allem ältere Schweden über 70. Die Intensivstationen füllen sich, erste Feldlazarette im Großraum Stockholm werden gebaut. Allein in der Hauptstadt haben sich in 45 Altersheimen rund 230 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt.

Das jüngste Corona-Opfer in Schweden war erst 26

Hält das in den vergangenen Jahren auf Kosteneffizienz getrimmte Gesundheitssystem den steigenden Zahlen an Corona-infizierten Patienten stand?

  • Schweden hat mittlerweile über 5500 Fälle, 308 Patienten sind gestorben.
  • Darunter als bisher jüngstes Opfer im Land eine 26 Jahre alte Frau, die das Corona-Virus hatte und in einer Stockholmer Klinik starb.
  • Innerhalb von zehn Tagen wurden die Intensivplätze nun verdoppelt, außerdem wird in Stockholm ein Feldlazarett mit 600 Betten errichtet.

Der für die Gesundheitsversorgung der Hauptstadt zuständige Direktor Björn Eriksson sagte „Dagens Nyheter“: „Der Sturm ist da, und er gewinnt an Stärke.“

Deutsche und schwedische Experten werfen der Regierung in Stockholm vor, die Gefahr massiv unterschätzt zu haben. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der das schwedische Gesundheitssystem seit Jahren analysiert, ist überrascht, wie relativ entspannt die Behörden dort agierten. „Ich halte das für unvertretbar und sehr riskant“, sagte der Bundestagsabgeordnete und Medizinprofessor unserer Redaktion.

Deutsche Experten warnen: „Schweden ist ein schlechtes Beispiel“

Anerkannte Computer-Rechenmodelle sagten für die Herdenimmunität-Strategie hohe Todeszahlen voraus, warnte Lauterbach. Die schwedischen Kliniken seien für einen Ansturm von Corona-Patienten nicht gerüstet. Schweden habe wenige Topkliniken für schwere Fälle, die Krankenhäuser in der Fläche hätten aber zu wenig Intensiv- und Beatmungskapazitäten.

Lauterbach sagte, die europäische Medizinerszene schaue mit großem Unverständnis auf die Reaktion der Schweden: „Das ist ein schlechtes Beispiel.“ Deutschland sei auf einem besseren Weg. Eine befristete Vollbremsung mit dem drastischen Herunterfahren sozialer Kontakte sei vernünftig, um Zeit zu gewinnen und eine Überlastung der Krankenhäuser zu vermeiden. Er hoffe, dass die Stockholmer Regierung bald die Notbremse ziehe wie der Rest Europas.

Tatsächlich zieht Stockholm nun die Zügel straffer an. Besuche in Altenheimen sind seit 1. April untersagt, ebenso größere Versammlungen mit mehr als 50 Personen. Der Stockholmer Bischof sagte alle Gottesdienste ab. Regierungschef Löfven rief alle Bürger mit Symptomen auf, zu Hause zu bleiben und auf unnötige Reisen zu verzichten. „Die Gefahr ist nicht vorbei.“ Der Gipfel der Krise komme noch.

Trotz Coronavirus: Hotels und Gondeln waren voll - wird Åre ein zweites Ischgl?

Traumhafte Pistenabenteuer im schwedischen Pulverschnee, während der Rest Europas in Corona-Quarantäne in den eigenen vier Wänden schmort? Ein schlechter Scherz? Von wegen. Die Ski-Hochburg Åre in Nordschweden lockte Urlauber bis zuletzt mit Last-Minute-Angeboten. Die Sache hat nur einen Haken. Auch in der 2800-Seelen-Gemeinde Åre, 600 Kilometer nördlich von Stockholm gelegen, ist Corona längst angekommen.

Während in den Alpen oder im Nachbarland Norwegen längst alle Lifte dicht waren, lief der Skibetrieb auf dem 1400 Meter hohen Berg Åreskutan munter weiter. Hatte Schweden nichts aus dem Corona-Ausbruch im österreichischen Ischgl gelernt? Der Skiort in den Alpen gilt als einer der zentralen Seuchenherde in Europa. Von dort aus kehrten Tausende Urlauber nach Deutschland und eben Skandinavien zurück, viele davon nach Einschätzung von Fachleuten längst infiziert. Erst am Dienstag erklärten sich die Betreiber bereit, die schwedischen Pisten zu schließen. Damit fällt in dem 30.000-Beten-Ort das lukrative Ostergeschäft aus.

Tipps vom König: Bücher lesen, Aufräumen und Haus streichen

Tine Klintevall, eine Tierärztin und Virologin im Ruhestand, forderte in einem Beitrag für „Dagens Nyheter“ alle Schweden auf, nicht nach Åre zu kommen. Sie wohnt in dem kleinen Nest Hallen in der Kommune Åre. An Osterwochenenden würden zwischen 2.000 bis 3.000 Autos den Ort passieren - pro Tag.

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Noch Anfang der Woche tummelten sich in Åre nichtsdestotrotz wieder Skifahrer. Alle 39 Lifte waren in Betrieb, 87 der 89 Pisten offen, Schneehöhe 1,08 Meter. Der Appell von Virologin Klintevall an ihre Landsleute und ausländische Touristen: „Bleibt Ostern zu Hause! Es kommen noch andere Osterferien!“

Andere namhafte Virologen und Experten widersprechen ebenfalls seit langem der Strategie der Regierung offen und fordern härtere Maßnahmen zur Corona-Eindämmung. In der sonst meist konsensverliebten Gesellschaft tobt ein Meinungskampf um den richtigen Weg durch die Krise.

Und was rät Schwedens König? „Es herrscht eine neue Geschwindigkeit. Niemand hat geglaubt, dass so etwas in Schweden passieren kann.“Carl Gustaf empfiehlt seinen Landsleuten, auf die Fachleute zu hören und möglichst viel Zeit zu Hause zu verbringen. Man könne doch ein Buch lesen, aufräumen oder das Haus streichen. Er selbst lese gerade viel, skype mit seinen Enkelkindern und wolle ein altes Sofa restaurieren.

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