Neues Sturmgewehr für die Bundeswehr kommt von Haenel

Berlin.  Das Sturmgewehr der Bundeswehr soll nicht mehr von Heckler & Koch geliefert werden. Die Entscheidung könnte jedoch angezweifelt werden.

Das Verteidigungsministerium will das neue Sturmgewehr der Bundeswehr von dem Thüringer Hersteller C.G. Haenel beziehen.

Das Verteidigungsministerium will das neue Sturmgewehr der Bundeswehr von dem Thüringer Hersteller C.G. Haenel beziehen.

Foto: Daniel Karmann / dpa

Die Bundeswehr bekommt ein neues Sturmgewehr – nur welches, das war bislang noch offen. Nach einem langwierigen Auswahlverfahren steht der Nachfolger des G36 von Heckler & Koch nun fest. Den Zuschlag soll die Thüringer Waffenschmiede C.G. Haenel erhalten. Darüber informierten die Spitzen des Verteidigungsministeriums am Montag Fachpolitiker aus den Reihen der großen Koalition. Am Dienstag folgte dann die Bestätigung des Ministeriums: Haenel hat die Ausschreibung gewonnen.

Die Fabrik aus Suhl galt ursprünglich als Außenseiter in dem Bieterrennen. Doch in den durchgeführten Tests und Prüfserien unter Führung des Beschaffungsamtes (BAAINBw) erwies sich die Waffe von Haenel als technisch besser als die Konkurrenzgewehre. Zudem soll sie auch im Angebot „wirtschaftlicher“ sein, hieß es.

Heckler & Koch könnte Auswahlentscheidung anzweifeln

Für Heckler & Koch endet damit eine Ära: Das Unternehmen liefert seit Ende der 50er-Jahre sein Sturmgewehr an die Bundeswehr. Zunächst das G3, seit den 90er-Jahren das Nachfolgermodell G36. Dessen Aus hatte die damalige Bundesverteidigungsministerin und heutige EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen 2015 nach anhaltender Kritik über die Treffgenauigkeit unter Extrembedingungen verkündet. Das G36 habe, „so wie es heute konstruiert ist, keine Zukunft in der Bundeswehr“, sagte sie.

In der Folge kam es im 2017 eröffneten Bieterverfahren zu einigen Querelen zwischen Heckler & Koch und dem Verteidigungsministerium. So hatte die Firma im vergangenen Jahr mitten im laufenden Vergabeprozess das Ministerium kritisiert und in einem Schreiben an von der Leyen eine Festlegung auf ein größeres Kaliber gefordert. Bemängelt wurde dabei auch, es gebe keine faire und sachkundige Auswahl für das G36-Nachfolgemodell.

Dennoch hatten die Oberndorfer ein Angebot für die 120.000 Waffen in einem Finanzumfang von etwa 250 Millionen Euro abgegeben. Dass nun mit Haenel, nach 60 Jahren der Zusammenarbeit, ein anderer Hersteller den Vorzug erhält, stößt bei Heckler & Koch offenbar bitter auf.

Einem Bericht des „Spiegel“ zufolge schrieb Mehrheitsgesellschafter Andreas Heeschen noch am Montagabend die politischen Entscheidungsträger in Berlin an. Er „bedauere diese Entwicklung zutiefst“, wird Heeschen zitiert. Theoretisch könnte Heckler & Koch die Auswahlentscheidung vor der Vergabekammer des Bundes noch anzweifeln. Ob die verschuldeten Oberndorfer, für die ein Sieg im Bieterwettbewerb auch finanziell Entlastung bedeutet hätte, von dieser Möglichkeit Gebrauch machen werden, ist noch offen.

Parlament soll zeitnah über neues Sturmgewehr entscheiden

„Unterlegenen Bietern steht immer der Rechtsweg offen“, hieß es aus dem Verteidigungsministerium. Die Auswertung sei noch nicht rechtswirksam. Allerdings käme eine solche Verzögerung ungelegen, will das Ministerium das Parlament schließlich noch in diesem Jahr mit der Entscheidung über das neue Sturmgewehr der Bundeswehr befassen.

Heckler & Koch dürfte in der Abwägung der Entscheidung, ob die Auswahlentscheidung angezweifelt wird, auch berücksichtigen, dass die Geschäfte mit der Bundeswehr auch ohne die verlorene Paradedisziplin, dem Sturmgewehr, weitergehen. Mit Maschinengewehren, Granatwerfern und modernisierten G36-Gewehren wird die Firma auch in Zukunft die Soldaten beliefern.

Hohe technische Anforderungen an die Waffen

Das Zusammenspiel von Gewicht, Lauflänge, Munition und Treffleistung ist bei Waffen technisch komplex. Das Kaliber der Munition bedingt Durchschlagskraft, aber begrenzt auch, wie viel Schuss am Mann mitgeführt werden können – des Gewichts wegen.

Nur war in der Ausschreibung kein Kaliber der Waffe festgelegt, allerdings ein Gewicht. Die Bundeswehr forderte zudem ein Gewehr, das für alle Klimazonen geeignet ist. Von der Feuerkraft her muss es den Feind vorübergehend niederhalten können, also in die Deckung zwingen. In einer solchen Situation darf die Präzision schon mal hinter die Feuerkraft zurücktreten. Das Ziel muss aber bald darauf wieder mit hoher Wahrscheinlichkeit getroffen werden. Das ist eine Voraussetzung, um Unbeteiligte und Zivilisten nicht unbeabsichtigt zu treffen.

Haenel gehört einer arabischer Holding

Haenel liefert der Bundeswehr bereits ein Scharfschützengewehr. Das Unternehmen gehört zur Merkel Gruppe, die Teil der Tawazun Holding (Vereinigte Arabische Emirate) ist. Dass das heutige Unternehmen von arabischem Geld abhängig sein könnte, hat offenkundig nicht gestört. Im Jahr 2008 hatte C.G. Haenel den Betrieb als Neugründung wieder aufgenommen. Der einstige Gründer und Namensgeber Carl Gottlieb Haenel hatte von 1840 an die industrielle Waffenfertigung in Suhl etabliert.

Ein dritter Bieter – Sig Sauer (Eckernförde) – hatte sich noch aus der laufenden Ausschreibung zurückgezogen. Sig Sauer beklagte dabei eine Ungleichbehandlung und machte dies auch am beschränkten Zugang zu Testmunition fest, über die Heckler & Koch wegen anderer Lieferbeziehungen verfüge und daraus Vorteil ziehen könne.

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(yah/mit dpa)

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