Ausgangssperre ab 21 Uhr – Frankreichs harter Corona-Weg

Paris.  Frankreichs Präsident Macron hat wegen der rasant steigenden Corona-Zahlen für viele Großstädte strenge Einschränkungen verordnet.

Corona in Europa: Diese Maßnahmen ergreift das Ausland

Im Kampf gegen die zweite Corona-Welle gibt es nicht nur in Deutschland immer schärfere Maßnahmen: Auch in vielen Nachbarländern wurden zuletzt neue Regelungen eingeführt, die den Alltag der Menschen zunehmend einschränken. Ein Überblick von Spanien über die Niederlande bis Tschechien.

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Lustlos wischt Hervé mit einem feuchten Lappen über die ohnehin blitzblanke Zinktheke des Bistros Les Oiseaux am Fuße des Pariser Montmartre-Hügels. Der mürrische Gesichtsausdruck des Gaststättenpächters ist trotz seines Mundschutzes unübersehbar. „Das ist ein Todeskuss“, bricht es schließlich aus ihm heraus.

Alle Gäste, die an diesem Morgen vor ihrem Morgenkaffee sitzen, wissen, worauf Hervé anspielt: den „couvre feu“ – sprich die ab Samstag und für mindestens vier Wochen geltende Sperrstunde von 21 bis sechs Uhr, die Emmanuel Macron am Vorabend verhängt hat. „Wir feiern nicht mehr, wir gehen keine Freunde mehr besuchen“, hatte der Präsident erklärt. Und den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Lesen Sie auch: Corona-Maßnahmen nützen nichts gegen Sorglosigkeit

Corona in Frankreich: Macron geht härter vor als erwartet

Die Franzosen wussten, dass ihnen wegen der rasant steigenden Corona-Infektionen (zuletzt 22.591 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden) neue Einschränkungen drohten. Aber Macron geht härter vor als erwartet. Die zwar nicht landesweit, aber von Lille über Paris und Lyon bis hin zu Toulouse und Marseille neun Ballungszentren betreffende Sperrstunde schockiert.

„Das ist eine weitere Ausgangssperre, nur dass sie ihren Namen nicht nennen will“, wettert einer der Kunden des Oiseaux. Niemand hier hat den harten, achtwöchigen Lockdown vergessen, mit dem Macron im Frühjahr seine Landsleute quasi in ihren Wohnungen einsperrte.

Paris ruft höchste Corona-Warnstufe aus
Paris ruft höchste Corona-Warnstufe aus

„Gegen die zweite Corona-Welle“

In Wahrheit will die Pariser Regierung einen zweiten, die Wirtschaft abwürgenden Lockdown um jeden Preis vermeiden. Aber „wir müssen Maßnahmen ergreifen gegen die zweite Corona-Welle, unsere Krankenhäuser sind bereits unter Druck“, begründete Macron seine Härte. Lesen Sie auch: Merkel muss in der Corona-Krise wieder sagen, wo es langgeht

Tatsächlich sind mehr als ein Drittel aller Betten auf den Intensivstationen mit Corona-Patienten belegt. „Das Virus schlägt in allen Altersklassen zu. Die Hälfte aller Covid-19-Patienten auf der Intensivstation sind unter 65 Jahre alt“, sagte Macron.

Experten befürworten Durchgreifen des Präsidenten

Von Experten wird das Durchgreifen des Präsidenten fast einhellig begrüßt. „Die Maßnahme war schon allein deswegen überfällig, weil sie den Menschen den Ernst der Lage vor Augen führt“, urteilt der Epidemiologe Pascal Crépey. Lesen Sie auch: Merkel setzt sich durch: EU macht Erdogan üppiges Angebot

Und für die am Pariser Krankenhaus Saint Louis arbeitende Professorin Anne-Claude Crémieux werden „endlich die notwendigen Lehren aus dieser Sanitätskrise gezogen“. Ohne die Sperrstunde in den Ballungszentren könnte die Entwicklung in den Augen der renommierten Virologin „schon im November in eine Katastrophe münden“.

Die Reaktionen sind zwiespältig

Bleibt die Frage, ob sich die rund 20 Millionen von der Sperrstunde betroffenen Franzosen der Einschränkung auch fügen werden. Die Reaktionen sind zwiespältig – sie reichen von Protesten einiger Lokalpolitiker, des Gaststättenverbandes und vieler Kulturschaffender (auch für Kinos und Theater gilt die Sperrstunde) bis hin zum Unmut oder zögerlich geäußerter Einsicht der Großstädter.

Mehrheitsfähig scheint allein ein weitverbreitetes Gefühl der Verunsicherung zu sein. Das hat nicht nur mit dem Virus zu tun, das laut Umfragen rund der Hälfte der Franzosen Angst macht. Großes Unbehagen macht sich auch an dem aus dem militärischen Vokabular stammenden Begriff „couvre feu“ fest. Sperrstunden sind in Frankreich seit Jahrhunderten nur in Kriegszeiten verhängt worden – das letzte Mal in den 1940er-Jahren von den Nazi-Besatzern. Lesen Sie auch: Corona: In diesen Ländern türmt sich die zweite Welle auf

Krisenmanagement der Regierung umstritten

Für Gaststättenbetreiber wie Hervé ist die Katastrophe schon da. Trotz der staatlichen Nothilfen, die jetzt noch einmal aufgestockt werden sollen, fürchtet er den Ruin. Sonnabend wird er Les Oiseaux schließen, vielleicht für immer.

Ebenso umstritten wie die Sperrstunde ist das Krisenmanagement der Regierung. Hatten im März noch 55 Prozent der Bürger eine gute Meinung von deren Umgang mit der Corona-Epidemie, waren es im September nur noch 35 Prozent. „Ich brauche Sie alle. Nur wenn wir gemeinsam die Vorsicht wahren, ist ein Leben mit dem Virus möglich“, warb der Präsident um das kollektive Verantwortungsbewusstsein. Lesen Sie auch: Merkel-Besuch bei Macron: Zwei gegen das Coronavirus

Wobei Macrons Vertrauen in seine Landsleute Grenzen hat. Die Sperrstunde gilt unter Strafandrohung und wird von der Polizei überwacht. Für Ausnahmefälle wie Beschäftigte mit Nachtschicht soll es Passierscheine geben. Wer nach 21 Uhr in den Metropolen ohne stichhaltige Begründung auf der Straße erwischt wird, muss ein Bußgeld von 135 Euro zahlen. Im Wiederholungsfall sind 1500 Euro fällig.

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