Nach Anschlägen in Nizza und Wien: Sorge vor neuem Terror

Brüssel/Berlin.  In Europa spürt die Islamisten-Szene Auftrieb nach dem Karikaturenstreit in Frankreich –Schulen und Krankenhäuser könnten Ziele sein.

Wien will dem Terror trotzen

Noch steht Wien unter Schock und trauert nach dem offenbar islamistisch motiviertem Terroranschlag. Doch die Bewohner der österreichischen Hauptstadt wollen sich nicht dem Terror beugen und beharren darauf, in einer freien und sicheren Stadt zu leben.

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Nach dem jüngsten Terrorangriff in Österreich wächst in Europa die Sorge vor einer neuen Welle islamistischer Anschläge. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) warnte am Donnerstag im Bundestag: „Mit Anschlägen muss auch bei uns jederzeit gerechnet werden.“ Neben Frankreich, das seine Grenzkontrollen verschärfte, hat auch Großbritannien bereits seine offizielle Terrorwarnstufe auf „ernst“ angehoben.

Schulen und Krankenhäuser könnten Ziele weiterer Anschläge sein

Dschihadisten hätten massiv zu Angriffen aufgerufen, in europäischen Nachrichtendiensten werde schon seit Monaten vor einem Anstieg des Bedrohungsniveaus gewarnt, sagte der britische Sicherheitsexperte Olivier Guitta unserer Redaktion. „Es könnte morgen in Deutschland, Spanien, Dänemark, Großbritannien oder Belgien passieren“, so der Direktor von Globalstrat in London. „Die wahrscheinlichen potenziellen Ziele für Dschihadisten sind in den nächsten Monaten Schulen und Krankenhäuser.“

Auch der Terrorismusexperte Peter Neumann, spricht von einer „erhöhten Spannungslage“: Es wäre nicht überraschend, „wenn in den nächsten zwei, drei Wochen irgendwo in Europa wieder ein Anschlag passiert“.

Einzeltäter mit Wurzeln in der dschihadistischen Szene, die auf eigene Faust handelten, ohne große Koordination und ohne Anweisung vom „Islamischen Staat“ (IS) – „das wird das Muster sein, mit dem die Gesellschaften und die Sicherheitsbehörden in Europa in den nächsten Monaten zu tun haben werden“, meinte Neumann.

Innenminister Seehofer sieht „ungeheure Bedrohung“

Innerhalb weniger Wochen hatten Islamisten jetzt bei vier Anschlägen zehn Menschen getötet und mehr als 20 verletzt. In Frankreich enthauptete ein Flüchtling mit tschetschenischen Wurzeln den Lehrer Samuel Paty, in Nizza tötete ein Tunesier mit einem Messer zwei Menschen in einer Kirche, in Dresden erstach ein Flüchtling aus Syrien einen Mann auf offener Straße, zuletzt erschoss ein Islamist mit nordmazedonischem Hintergrund in Wien vier Menschen.

Seehofer berichtete, bei dem Anschlag in Wien gebe es „auch Bezüge nach Deutschland hin zu Gefährdern“. Er sagte, der Fall habe die „ungeheure Bedrohung“ durch islamistischen Terror vor Augen geführt.

Die Eskalation wurde durch die Konflikte in Frankreich angetrieben: Parallel zum Pariser Gerichtsprozess um die Charlie-Hebdo-Morde 2015 entbrannte dort der Streit um Mohammed-Karikaturen neu; auch unter deutschen Islamisten regis­trierten Sicherheitsbehörden deshalb Gewaltaufrufe.

Schwacher IS, aber die Bedrohung war immer da

„Zwei, drei Jahre war die dschihadistische Szene enttäuscht und frustriert – in einer Art Sinnkrise“, sagt Terrorexperte Neumann, „das ist mit den Konflikten in Frankreich jetzt vorbei.“ Es gebe das Gefühl einer neuen Dynamik, verstärkt nach den jüngsten Anschlägen. Neumann, der Professor am Londoner Kings College ist, fürchtet nun „so etwas wie eine Kettenreaktion“. Lesen Sie hier: Terrorangriff in Nizza: Frankreich „im Krieg“ mit Islamisten

Potenzielle Täter gebe es genug. Die Bedrohung war ja nie verschwunden, die Anschläge etwa auf eine Polizeistation in Frankreich oder auf eine Straßenbahn im niederländischen Utrecht im vorigen Jahr standen nur nicht mehr so stark im Blickfeld der Öffentlichkeit.

Zur falschen Beruhigung trug bei, dass der IS massiv geschwächt ist und derzeit in Westeuropa nicht selbst Anschläge organisieren kann. Laut Analyse der EU-Polizeibehörde Europol sind Dschihadisten nun eher über lose Netzwerke verbunden; Terroristen für vergleichsweise einfache Tatpläne würden öfter über Freunde oder Familienmitglieder rekrutiert, was die Polizeiarbeit erschwert.

14 Attentate in Europa vereitelt

Die Sicherheitsbehörden in Europa haben dennoch voriges Jahr 14 Attentate vereitelt, drei davon in Deutschland, und über 400 Terrorverdächtige verhaftet – vor allem in Frankreich, aber auch in Spanien, Österreich, Deutschland, in den Niederlanden, Dänemark und Italien. Der Verfassungsschutz spricht von rund 2000 Islamisten allein in Deutschland, denen die Beteiligung an einem Anschlag zugetraut wird. Hintergrund: Islamistischer Terror: Wie viele Zeitbomben ticken noch?

Kurzfristig geht es für die Sicherheitsbehörden vor allem um die Beobachtung von Gefährdern. Die wird bald noch schwieriger: „In den nächsten zwei Jahren werden in Europa Hunderte Dschihadisten, die Mitte des vorigen Jahrzehnts zu Haftstrafen verurteilt wurden, auf freien Fuß kommen“, warnt Terrorexperte Neumann. „In vielen Fällen haben die sich im Gefängnis weiter radikalisiert.“ Ein großes Problem, denn: Viele europäische Staaten seien darauf nicht vorbereitet.

Mehr zum Thema: Kommentar: Der Kampf gegen den Islamismus kommt seit 9/11 kaum voran

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