Kriminalität

Drogen: Handel mit Kokain eskaliert – Ermittler warnen

Lesedauer: 11 Minuten
Rekordkokainfund im Hafen in Hamburg

Rekordkokainfund im Hafen in Hamburg

Der Zoll hat im Hamburger Hafen die größte Menge an Kokain gefunden, die jemals in Europa beschlagnahmt wurde. Insgesamt wurden dort mehr als 16 Tonnen der Droge entdeckt; später wurden in Belgien weitere sieben Tonnen Kokain beschlagnahmt.

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Hamburg/Berlin.  Ermittler stellen immer neue Rekordmengen an Kokain sicher. Die Behörden sind alarmiert – sie warnen vor einer Eskalation der Gewalt.

Was auf dem Monitor der Zollfahnder flackert, ist nur noch das Gerippe eines Lastwagens, ein Lkw-Skelett. Die Umrisse der Reifen sind zu erkennen, die Stahlträger der Ladefläche, das Gehäuse der Zugmaschine, alles weiße, graue und schwarze Linien und Flächen. Ein 40-Tonner im riesigen Röntgenapparat.

Das Kokain könnte überall versteckt sein. Hinter doppelten Böden, in Hohlräumen, hinter Planen, in Fässern oder Kartons. Als ein Lastwagen mit einem Container aus Paraguay Mitte Februar durch die High-Tech-Röntgenanlage des Zolls im Hamburger Hafen fährt, fallen den Fahndern Schatten auf dem Monitor auf. Sie durchsuchen die geladenen Blechboxen mit Spachtelmasse

1700 Kanister mit Spachtelmasse – und kiloweise Kokain

Die Ermittlerinnen und Ermittler des Zolls hatten einen Tipp von der Polizei in den Niederlanden bekommen. Eine Lieferung mit mehreren Containern nehmen sie daraufhin ins Visier, aufgeladen in Paraguay, Zwischenstopp in Argentinien, Zielort Hamburg.

Am Ende der Durchsuchungen stehen die Beamten im Hafen vor dem größten Fund an Kokain, der jemals in Europa sichergestellt wurde. 16 Tonnen, kiloweise versteckt in mehr als 1700 Kanistern mit der klebrigen, stinkenden Spachtelmasse.

Manch ein Ermittler traut sich kaum noch, das Wort „Rekordfund“ in den Mund zu nehmen. Denn die Rekorde wurden in den vergangenen Jahren immer wieder gebrochen. 2017 stellte der Zoll bundesweit mehr als acht Tonnen sicher. 2018 und 2019 und 2020 waren es schon jedes Jahr mehr als zehn Tonnen. Und nun, Mitte Februar, entdecken die Ermittler an nur einem Tag 16 Tonnen Kokain. „Der Straßenverkaufswert der Drogen liegt zwischen 1,5 und 3,5 Milliarden Euro“, sagt René Matschke, der Leiter der Zollfahndung in Hamburg.

Der Anbau von Kokain in Lateinamerika steigt insgesamt an

Die Welt ist im Drogenrausch, Kokain erlebt einen Boom. Dieser Boom hat längst Europa erreicht, und damit auch Deutschland. Woran liegt das?

Zum einen ist der Anbau von Kokain in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Peru, Bolivien, vor allem Kolumbien sind die Kokain-Kammern der Welt. Der aktuelle Drogenbericht der Vereinten Nationen hält eine Verdopplung der Anbaumengen in den Jahren 2014 bis 2018 fest.

Die Gründe für den Anstieg: Die Bauern in Lateinamerika bauen insgesamt mehr Kokablätter auf ihren Feldern an, die Ernte lohnt sich oftmals mehr als bei herkömmlichen Landwirtschaftsprodukten. Die Preise für den Rohstoff sind gefallen. Zugleich konnten die Hersteller der Droge ihre Labore verbessern, und aus einem geernteten Hektar Koka-Blättern immer mehr reines Kokain produzieren.

Bis zu 60.000 Menschen in Deutschland sind abhängig von Kokain

Doch auch der Absatzmarkt ist gewachsen, Kokain hat in Europa längst den Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden. Es sei ein „Megathema“, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Laut ihrer Stelle sind mittlerweile 40.000 bis 60.000 Menschen in Deutschland kokainabhängig. Die Zahl der Kokain-Toten hat sich in fünf Jahren fast verdoppelt.

Je höher die Produktion, desto günstiger die Marktpreise. Die bisher nicht öffentliche Antwort des Bundesinnenministeriums auf Anfrage der Grünen im Bundestag, die unserer Redaktion vorliegt, zeigt, wie der Preis in den vergangenen Jahren gesunken ist. 2016 lag der „Straßenpreis“ in Deutschland noch bei rund 76 Euro pro Gramm, 2019 nur noch bei 69 Euro. Auch sinkende Preise heizen den Konsum an. Kokain, so sagen Experten, ist nicht mehr nur eine Droge einer Elite, nicht mehr nur der Schickeria-Rausch.

Sinkender Preis, hohe Nachfrage – das setzt die Kriminellen unter Druck. „Sie müssen immer mehr Kokain transportieren und verkaufen, um die Umsätze stabil zu halten“, sagt Fabrizio Rella von der italienischen Finanzpolizei, Guardia di Finanza, unserer Redaktion.

Es sind organisierte Banden, die den internationalen Handel mit Kokain bestimmen. Unter ihnen Mafiagruppen, allen voran die italienische Ndrangheta und mexikanische Drogenkartelle. Die Bundesregierung schreibt aber auch: „Bei der Einfuhr nach Europa und der Weiterverteilung innerhalb Europas spielen insbesondere Tätergruppierungen aus den Balkanstaaten eine herausragende Rolle.“

Kokain-Kartelle gehen Zweckbündnisse ein – und sind multinational aufgestellt

Doch gerade beim Handel mit Kokain in Deutschland dominieren nicht nur ausländische Gruppen. Von den mehr als 4000 Tatverdächtigen, die die Polizei 2019 beim Kokaingeschäft registrierte, waren mehr als 40 Prozent deutsche Staatsbürger.

Was den Sicherheitsbehörden auffällt: Es sind mittlerweile multinational agierende Netzwerke. Banden gehen Zweckbündnisse ein, um den globalen Markt für Drogen zu bedienen. Die organisierten Kriminellen agieren „sehr flexibel, netzwerkartig und den Erfordernissen eines funktionierenden (illegalen) Marktes entsprechend“, schreibt das Innenministerium.

Als die Hamburger Zollfahnder die Lieferung mit 16 Tonnen Kokain entdecken, lassen sie die illegale Ware unter hoher Bewachung, und doch so unauffällig wie möglich, im Hafen lagern. Die Ermittler wollen sehen, wer sich für das Kokain interessiert. Wer es abholen will, oder wohin die Drogen möglicherweise geliefert werden. Doch mehrere Tage passiert nichts.

Ein 28 Jahre alter Logistiker – das kleinste Rad im Räderwerk des Kokain-Handels

Dann schlagen die Ermittler in den Niederlanden zu. Sie nehmen den 28 Jahre alte Atif S. fest. Im kleinen Ort Bleskensgraaf bei Rotterdam sind laut Branchen-Seiten im Internet mehrere Firmen auf S. zugeschrieben, darunter „Global Carga“ und „Shipment Solutions“. Dort sollten die Container mit dem Kokain laut Lieferprotokoll landen.

Den Ermittlern ist klar: der junge Mann dürfte nur das kleinste Rad im Räderwerk der Drogenkartelle sein. Seine Geschäfte fielen auf, waren erst frisch gegründet, bekamen dennoch wuchtige Lieferungen laut Protokoll. In den Analysen des Warenverkehrs der Ermittler ist so etwas auffällig. Und auch Atif S. war ihnen schon bekannt.

Drogenhandel: Organisierte Banden ändern ständig Strategie

Ein erster Erfolg. Und ein seltener. Oftmals gelingt nach der Beschlagnahme von Drogen nicht einmal eine erste Festnahme. Die Polizei hat im Fall der 16-Tonnen-Lieferung nun eine „Anpacke“, wie es im Ermittler-Deutsch heißt.

Die Ermittlungen der vergangenen Jahre würden zeigen, dass die organisierten Banden immer wieder ihre Strategien verändern, sagt Frank Buckenhofer, Zoll-Experte bei der Gewerkschaft der Polizei. „Mal wird Kokain in kleinen Mengen geschmuggelt, dafür tausendfach in kurzer Zeit, zum Beispiel über Westafrika, etwa in dem junge Flugreisende die Drogen schlucken und im Körper transportieren. Und mal in großen Mengen und per Container auf dem Seeweg.“ Wichtig für die Drogenkartelle sei: Sie wollen den Sicherheitsbehörden keine Muster aufzeigen.

Mehr Kokain in Frachtflügen sichergestellt – aufgrund von Corona

In der Corona-Krise müssen sich die Drogenbanden neu organisieren. Denn: Der Flugverkehr ist eingebrochen. Auch die Bundesregierung hält fest, dass der Schmuggel im Luftverkehr durch Kuriere in den letzten Monaten aufgrund der Einschränkungen durch die Pandemie rückläufig gewesen sei.

Gleichzeitig seien „vermehrt Sicherstellungen von Kokain bei Frachtflügen“ festgestellt worden. „Darüber hinaus ist insgesamt ein tendenzieller Anstieg des Rauschgiftangebotes im Darknet zu beobachten.“ Da der Passagierverkehr zurückgeht, kann der Zoll in der Pandemie zugleich mehr Container in den deutschen Seehäfen kontrollieren – 2020 war es eine Steigerung der Kontrollen um 63 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Erklärt das die Rekordfunde auf dem Seeweg? Decken Ermittler jetzt sogar nur die Mengen auf, die längst schon in den Jahren davor verschifft wurden?

„Sie schmuggeln Drogen, aber auch Waffen und Menschen, etwa Prostituierte“

Von Südamerika nach Europa konnten sich die Kriminellen über Jahre Transportwege aufbauen. Der Zoll kann und darf nicht alle Container kontrollieren, die Mengen an Kokain, die unentdeckt bleiben, schätzen Experten auf ein Vielfaches der beschlagnahmten illegalen Ware – trotz Rekordfunde. Die Bundesregierung hält fest: „In allen bedeutenden europäischen Seehäfen haben sich Täterstrukturen etabliert, die eng mit den Organisatoren des Kokainschmuggels zusammenarbeiten und sich auf die Entnahme von Kokainlieferungen aus Containern oder Containerschiffen spezialisiert haben.“

Und wer erst einmal Wege für den Schmuggel etabliert habe, der könne „flexibel agieren“, sagt Zoll-Experte Buckenhofer. „Sie schmuggeln Drogen, aber auch Waffen und Menschen, etwa Prostituierte. Je nach dem, was der Markt verlangt.“

Verliert der Staat den Kampf im Drogenkrieg?

„Wir müssen uns klar vor Augen führen, dass die Milliarden-Umsätze aus dem illegalen Drogenhandel dazu geeignet sind, enormen wirtschaftlichen und politischen Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben“, sagt die Innenexpertin der Grünen, Irene Mihalic. „Die stetige Zunahme des internationalen Kokainhandels muss ein Alarmsignal sein.“

So hält auch die Bundesregierung fest, dass die „erheblichen Gewinne“ aus dem Kokainhandel der kriminellen Vereinigung neben Investitionen in neue Drogendeals auch „dem Erwerb von Luxusgütern dienen und letztlich auch in die legale Wirtschaft investiert werden“.

Die Sicherheitsbehörden sehen einen weiteren besorgniserregenden Trend. „Eine Zunahme des Kokainhandels kann zum anderen zu vermehrten Gewaltdelikten führen, wenn Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppierungen der Organisierten Kriminalität gewaltsam ausgetragen werden“, schreibt das Innenministerium.

Mit High-Tech-Röntgenanlagen gegen die Kokain-Kartelle

Wie weit das gehen kann, zeigt ein Blick nach Belgien und in die Niederlande. Noch deutlich vor Hamburg sind die Häfen von Rotterdam und Antwerpen zu Europas Drogenumschlagplätzen gewachsen. Kriminelle schrecken nicht vor Mordanschlägen auf Anwälte zurück, bedrohen Kronzeugen. Ermittler entdeckten in einer Bar sogar einen abgeschlagenen Kopf – Szenen, wie sie sonst nur in TV-Serien vorkommen. Manche Experten sprechen schon von einem „Narco-Staat“ mitten in Europa.

Der italienische Finanzermittler Rella hebt hervor, dass die Technik der Zollbehörden und der Polizei im Kampf gegen den großen Schmuggel immer besser werde: So wie die High-Tech-Röntgenanlage des Zolls im Hamburger Hafen. Und auch die verbesserte Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsbehörden innerhalb Europas sei zentral, so Rella.

Die Bundesregierung hebt hervor, dass die Kooperation über Ermittler des Bundeskriminalamtes in Südamerika und den Niederlanden forciert werde. Zudem will die Regierung stärker in den Kampf gegen Geldwäsche investieren, denn die Gewinne aus dem Drogenschmuggel müssen gewaschen werden. Ein Moment, der für Ermittler einen Erfolg bei der Aufdeckung von Drogengeld verspricht.

Grünen-Politikerin Mihalic hält eine weitere Strategie im Kampf gegen den Kokain-Boom für entscheidend: die Suchtprävention. Wo weniger konsumiert wird, wird auch weniger gehandelt. Nur leider, sagt Mihalic, lasse die Bundesregierung keine klare Strategie in der Drogenpolitik erkennen.

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