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Schweden in der Pandemie: „Es ist, als gäbe es kein Corona“

| Lesedauer: 5 Minuten
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Stockholm.  Keine Maskenpflicht, offene Gastronomie: Die Schweden stehen hinter dem Kurs der Regierung. Eine Bilanz zu dem umstrittenen Sonderweg.

  • Schweden ging in der Corona-Krise einen anderen Weg als die meisten Länder
  • Es gab keine generelle Pflicht zum Tragen der Masken, keine strengen Corona-Regeln
  • Hat sich der schwedische Sonderweg in der Corona-Krise bewährt?

Die Sonne scheint auf Stockholm. 26 Grad. Der kurze nordische Sommer kündigt sich schüchtern an. In der Arstabucht im Stadtbezirk Södermalm glitzert das Wasser. Auf der Wiese sitzen die Menschen dicht an dicht und genießen die Wärme. Ohne Abstand. Ohne Masken.

Die 27-jährige Paulina blickt von der Brücke nach Liljeholmen auf die Liegewiese hinunter. „Es ist so, als gäbe es kein Corona in Schweden. So war das fast die ganze Zeit“, sagt die Stockholmer Psychologiestudentin. Es schwingt Verwunderung in ihren Worten mit, aber auch etwas Stolz. „Nur vor Weihnachten war die Angst spürbar. Im Supermarkt gingen sich die Leute aus dem Weg. Man wollte die Eltern nicht anstecken“, fügt sie hinzu.

An ihrer rechten Hand hält sie Tochter Andrea. Wären die Kindergärten nicht durchgängig geöffnet gewesen, hätte die alleinerziehende Schwedin auf Studium und Nebenjob verzichten müssen. Auch in den Ganztagsschulen bis zur zehnten Klasse fand der Unterricht zumeist statt.

Schweden: Unbelastetes Lebensgefühl, dafür viele Corona-Tote

Der schwedische Sonderweg, der vergleichsweise liberale Umgang mit der Corona-Krise, sorgte weltweit für Schlagzeilen. Bis heute kennt das skandinavische Land keine Maskenpflicht. Ein richtiger Lockdown, wie im Rest Europas, ist nie verfügt worden. Es gab keine Hamsterkäufe, keinen Klopapiermangel, kein apokalyptisches Lebensgefühl.

Allerdings sind die Schweden vergleichsweise diszipliniert. Sie beherzigen die Hygieneregeln. Die Bitte der Behörden, Menschenansammlungen zu meiden, befolgen viele. U-Bahnen, Busse und Stadtzentren sind in diesem einen Jahr tatsächlich deutlich leerer gewesen als sonst. Unis und die Oberstufen der Schulen gingen freiwillig in den Fernunterricht. Aber: Fitnessstudios, Friseursalons, Bars und Büchereien blieben geöffnet. Schweden gibt sich selbstsicher und locker.

Allerdings hat der mehr als ein Jahr andauernde schwedische Sonderweg auch Schattenseiten. So ist die Sterblichkeitsrate relativ hoch. In Schweden verloren 1430 Menschen pro eine Million Einwohner wegen Covid-19 ihr Leben. In Deutschland gab es nur 1050 Todesfälle.

Die Hälfte aller Corona-Toten wohnten in Altenheimen

Aber auch in Schweden ist man mittlerweile der Meinung, dass das Land in einem Punkt versagt hat: Die Regierung habe die Altenheime zu spät geschützt, sagen viele. Rund die Hälfte der 14.500 Covid-Toten waren Frauen und Männer, die in Seniorenresidenzen wohnten. Viele von ihnen starben in der ersten Corona-Welle. Allein in Stockholm gelangte das Virus über infiziertes Pflegepersonal zeitweise in mehr als ein Drittel aller Heime.

Als dann endlich Masken und Plastikvisiere für Pflegekräfte kamen, stritten sich Arbeitsschutzbehörden, Arbeitgeber und Gewerkschaften bis hin zum Verwaltungsgericht über deren Einsatz. Das fatale Ergebnis: Altenheime sollten individuell entscheiden, wann Schutzausrüstung zu tragen sei und wann nicht. Ein Machtwort vom Gesundheitsamt hätte unzählige Leben retten können.

Wichtig dabei: In Schwedens Altenheimen leben besonders hochbetagte und schwache Menschen. Der Wohlfahrtsstaat ermöglicht den Bürgerinnen und Bürgern, so lange wie möglich zu Hause zu wohnen.

Altenpflegekräfte werden zudem oft pro Stunde bezahlt. Sie kamen zu Beginn der Pandemie auch mit Symptomen häufig ungeschützt zur Arbeit. Viele stammen aus ärmeren Gesellschaftsschichten, haben einen Migrationshintergrund und leben mit vielen anderen Menschen auf engem Raum. In dieser Gruppe hatte sich das Virus zeitweise besonders stark ausgebreitet. Lesen Sie hier: Report: So haben Heimbewohner in der Pandemie gelitten

König erklärt Schweden im Kampf gegen Corona für gescheitert

Der Direktor für Notfälle der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Michael Ryan, nimmt Schweden in dieser Frage allerdings in Schutz. „So wie viele andere Länder in Europa wurde auch Schweden von besonders vielen Erkrankungen in der Altenpflege getroffen. Das ist tragisch, aber nicht einzigartig“, unterstreicht Ryan.

Verantwortlich für Schwedens Sonderweg ist der Chef-Epidemiologe Anders Tegnell. Der 65-Jährige ist Ratgeber der Regierung. Von Anfang an hat er die Herdenimmunität, die Durchseuchung der Gesellschaft, gepredigt und harte Maßnahmen abgelehnt. „Länder wie Spanien oder Belgien haben ihre Bevölkerung Masken tragen lassen – trotzdem gingen die Infektionszahlen hoch. Zu glauben, dass Masken unser Problem lösen können, ist jedenfalls sehr gefährlich“, so Tegnell.

Die große Mehrheit der Bevölkerung steht hinter dem Kurs des Arztes. Schweden habe Corona im Griff und habe die richtige Strategie gefahren, sagen die meisten Menschen in Umfragen. Eine prominente Gegenstimme gab es allerdings: „Ich denke, dass wir gescheitert sind“, rügte König Carl XVI. Gustaf im Dezember die eigene Regierung.

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