Terroralarm

Hagener Synagoge: Verdächtiger muss in Untersuchungshaft

| Lesedauer: 6 Minuten
Polizei bewacht Hagener Synagoge

Anschlag auf Synagoge in Hagen vereitelt

Wegen eines geplanten Anschlages auf die Synagoge in Hagen sichert die Polizei das Gebäude und die Umgebung.

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Berlin  Wegen mutmaßlicher Terrorpläne gegen eine Synagoge in NRW waren vier Menschen festgenommen worden. Nun gibt es einen Haftbefehl.

Das Amtsgericht Hagen hat nach dem vereitelten Anschlag auf eine Synagoge Haftbefehl erlassen - wegen des dringenden Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Der Verdächtige befinde sich in Untersuchungshaft, erklärte die Düsseldorfer Generalstaatsanwaltschaft am Freitagabend.

Die Warnung vor dem Anschlag kam aus dem Ausland. Ein Nachrichtendienst meldete den deutschen Behörden einen auffälligen Chatverkehr über das Internet. Beteiligt daran: ein 16-Jähriger aus Hagen. Syrischer Staatsbürger, noch ein Teenager, aber offenbar stark radikalisiert. Ein mutmaßlicher Islamist.

Wenig ist bekannt über den Chat. Die Ermittlungen laufen. Am Donnerstagnachmittag sagt Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) vor den Pressekameras nur, dass aus dem Chatverlauf eine "klare Tatzeit, Tatort und Täter benannt waren". Der Hinweis ließ auf eine "islamistisch motivierte Bedrohungslage" schließen.

Das Ziel: die Synagoge in Hagen. Die Tatzeit: der Gottesdienst zum Jom-Kippur-Fest, die wichtigste Feierlichkeit im jüdischen Glauben. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen dem Verdacht nach, ob der 16-Jährige und mögliche Komplizen einen Anschlag mit Sprengstoff auf die Gläubigen geplant haben. Das soll der Chatverlauf nahelegen. Die Generalstaatsanwaltschaft in Düsseldorf ermittelt wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat.

Der Vater soll nach Informationen unserer Redaktion seit 2014 in Deutschland sein, bekam einen Flüchtlingsstatus nach Genfer Flüchtlingskonvention. Von München kam er demnach nach Hagen. Der 16-jährige Sohn soll 2015 von Beirut nach Hagen nachgezogen sein.

Synagoge in Hagen - Drei Verdächtige freigelassen

Morgens um acht Uhr nehmen Polizisten den 16 Jahre alten Terrorverdächtigen im Bereich des Busbahnhofs in Hagen fest. Spezialkräfte durchsuchen die Wohnung des Syrers, auch zwei Brüder und den Vater trifft die Polizei dort an, auch sie werden vorläufig festgenommen. Gegen sie bestehe aber derzeit kein Tatverdacht, erklärt die Generalstaatsanwaltschaft. Die Drei werden am Abend freigelassen.

Auch eine Entlassung des 16-Jährigen steht offenbar bevor. „Der Verdacht hat sich nicht bestätigt“, sagt sein Anwalt Ishan Tanyolu am Abend. "Es wird keine Vorführung beim Haftrichter geben."

Die Generalstaatsanwaltschaft klingt noch zurückhaltender: Den Kontakt zu einem Bombenbau-Experten via "Telegram" habe der 16-Jährige zugegeben, Anschlagsabsichten auf die Synagoge aber bestritten, sagt der Sprecher.

Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe, der sich einschaltet, wenn die Tat eine „besondere Bedeutung“ hat oder eine Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe vorliegt, hat den Fall bis Donnerstagabend nicht übernommen. Auch ist nicht bekannt, dass die Ermittler in den Wohnungen Sprengstoff oder Waffen entdeckt haben.

In der Synagoge war offenbar nur noch der Gemeindevorsitzende. Per Telefon versuchte er alle Mitglieder zu erreichen und zu warnen.

Schock sitzt in Hagen tief

Draußen schützten zahlreiche Polizisten die Synagoge in Hagen. Eigentlich wollten sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde hier zum Feiern treffen. Die gesamte Nacht standen zwei Polizeiwagen vor dem Gebäude. Die Beamten waren mit Maschinenpistolen bewaffnet. Nur Anwohner ließen die Beamten durch.

Es sind Bilder, die Erinnerungen wach werden lassen: Vor zwei Jahren hatte ein Rechtsextremist die Synagoge in Halle in Sachsen-Anhalt angegriffen. So weit ist es in Hagen nicht gekommen. Spürhunde und Spezialkräfte durchsuchten noch am Mittwoch die Synagoge. „Es konnten vor Ort keine Hinweise auf eine Gefährdung festgestellt werden“, teilte die Polizei Dortmund in einer um 1.39 Uhr in der Nacht verbreiteten Mitteilung mit. NRW-Landeschef und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet sagt am Donnerstag: „Die unmittelbare Gefahr ist gebannt.“

Und doch sitzt der Schock in Hagen tief. Christiane Bertram von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Hagen und Umgebung sagte unserer Redaktion: „Ich bin schockiert und kann es einfach nicht fassen. Dass so etwas ausgerechnet zu Jom Kippur passiert, ist einfach schrecklich.“

Hagen holte im Mai eine Israel-Fahne wieder ein – aus Angst

Nach der Festnahme der Tatverdächtigen sagte CDU-Chef Laschet: „Wer sich hier inte­griert, soll sich integrieren, soll Deutsch lernen und soll auch einen Job ausüben und der darf auch bleiben. Aber der, der terroristische Taten plant, muss des Landes verbracht werden.“

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz schrieb auf Twitter: „Es schmerzt, dass Jüdinnen und Juden in Hagen einer solchen Bedrohungslage ausgesetzt sind und Jom Kippur nicht gemeinsam feiern können. Es ist unsere Pflicht, alles zu ihrem Schutz zu tun und bei Gefahr sofort einzuschreiten.“

Hagen und die jüdische Gemeinde – vor wenigen Monaten war das schon einmal Thema in den Schlagzeilen. Im Mai hatte die Stadt Hagen, um an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel zu erinnern, die israelische Flagge gehisst. Weil an diesem Tag die Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina eskalierte, fürchtete man, dass dieses Zeichen von Muslimen falsch interpretiert werden könnte. Als Folge holte die Stadt die Fahne wieder ein.

Erinnerungen an tödliches Attentat in Halle 2019

Am 15. September begann dieses Jahr der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur (Versöhnungstag). Eigentlich hätte sich die jüdische Gemeinde in Hagen daher am Abend zum Gebet getroffen. Wegen der möglichen Gefährdung wurde der Gottesdienst jedoch abgesagt.

Die Geschehnisse wecken Erinnerungen an die Anschläge von Halle. Im Jahr 2019 hatte ebenfalls zum Jom-Kippur-Fest ein rechtsextremer Attentäter zwei Menschen in der Nähe einer Synagoge erschossen und zwei weitere verletzt. Dank der massiven Tür der Synagoge konnte der Täter jedoch nicht in das Gebäude selbst eindringen. Dadurch wurde ein Blutbad unter den anwesenden Gläubigen verhindert.

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