Gemeinsam-Preis 2019: Wie Geschichten die Kunst nahe bringen

Braunschweig.  Regina Schultz führt Menschen mit geistiger Beeinträchtigung mit einer besonderen Methode an die Gemälde des Herzog-Anton-Ulrich-Museums heran.

Regina Schultz bringt Menschen mit Beeinträchtigung die Kunst im Herzog-Anton-Ulrich-Museum näher. 

Regina Schultz bringt Menschen mit Beeinträchtigung die Kunst im Herzog-Anton-Ulrich-Museum näher. 

Foto: Ann Claire Richter

Ein bislang einmaliges pädagogisches Projekt am Herzog-Anton-Ulrich-Museum: Regina Schultz und ihr Helferteam bringen Menschen mit geistigen Einschränkungen die Kunst auf ungewöhnliche Weise nahe. Timeslips heißt die Methode, die auf der Liebe der Menschen zum Geschichtenerzählen basiert. Ziel ist, ihnen eine Tür zum öffentlichen Kulturleben zu öffnen und sie mit der Kultur ihrer Heimatregion vertraut zu machen.

Die Sache funktioniert wie folgt: Vor einem Kunstwerk werden den Kursteilnehmern von einem Moderator Fragen gestellt. Was fühlen die Menschen auf den Bildern gerade? Was denken sie? Worüber reden sie? Was wünschen sie sich? Wovor haben sie Angst? Fragen über Fragen, deren Antworten sich am Ende zu einer zu einer Geschichte rund um das Kunstwerk formen. Einer Story, die aufgeschrieben und allen schließlich noch einmal vorgelesen wird. „Eine Geschichte, in der sich alle Beteiligten wiederfinden, die ihre Gefühle berührt und stimuliert“, betont Regina Schultz.

Der Versuch, Menschen mit Beeinträchtigungen am lebenslangen Lernen und am kulturellen Angebot teilhaben zu lassen, ist für die 73 Jahre alte Erzieherin und Heilpädagogin voll und ganz gelungen. Die Sache liegt ihr sehr am Herzen, und sie ist glücklich, dass sie funktioniert. „Die Teilnehmer sind mit Begeisterung dabei; sie öffnen sich, schätzen es, mit anderen ins Gespräch zu kommen und dabei ernst genommen zu werden“, sagt sie.

Die Timeslip-Methode hat die Amerikanerin Dr. Anne Basting Ende der 1990er-Jahre ursprünglich für Menschen mit Demenz entwickelt. „Ich kenne bislang keine Methode, in der Menschen mit Beeinträchtigungen lustvoller und interessanter Kultur vermittelt werden kann. Auf diese Weise macht es einfach allen Spaß“, schwärmt Regina Schultz. Das Herzog-Anton-Ulrich-Museum kooperiert bei diesem Projekt mit der Evangelischen Stiftung Neuerkerode. Neuerdings ist auch das Integrations- und Therapiezentrum des DRK in Wolfenbüttel mit im Boot.

Unermüdlich wirbt Regina Schultz Geld ein für ihr Projekt. Denn auch wenn das Konzept ankommt, hakt es immer wieder an der Finanzierung. Die Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz, die Bürgerstiftung und andere Unterstützer helfen immer wieder gerne aus, weil sie das Konzept so gelungen finden.

Dazu gehört auch das „Erzählcafé“. Bei Cappuccino und Torte geht der Austausch weiter und über die Kunst hinaus. Dann bieten die Bilder Anregungen, über das eigene Leben nachzudenken. „Menschen teilen gern Lebenserinnerungen mit anderen“, meint Regina Schultz.

Die Geschichten der Kursteilnehmer haben es nun auch an die Öffentlichkeit geschafft: Anfang März trug Sprecher Roland Kremer sie im KULT-Theater, Braunschweigs kleinster Bühne, zu Akkordeonmusik und passenden Liedern vor. „Das war eine wunderbare Sache“, schwärmt Regina Schultz. Wiederholung beabsichtigt.

Fakten

Name des Kandidaten: Regina Schultz und Helferteam

Das Ziel: Menschen mit Beeinträchtigung eine Tür zum öffentlichen Kulturleben zu öffnen

Kontakt: E-Mail: jr.schultz @web. de

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