Ehrenmord-Prozess von Salzgitter: Ex-Chef belastet Angeklagten

Lebenstedt.  Alaa A. (33) soll ihn nach einer Waffe gefragt und einen Mord angekündigt haben, erklärte ein Zeuge vor Gericht.

Am Rande dieses Parkplatzes soll Alaa A. den Partner seiner Schwester an einem Samstag Ende Januar erschossen haben.

Am Rande dieses Parkplatzes soll Alaa A. den Partner seiner Schwester an einem Samstag Ende Januar erschossen haben.

Foto: Erik Westermann / BZV

Die Aussage seines früheren Chefs am siebten Tag im „Ehrenmord“-Prozess vor dem Landgericht in Braunschweig war nicht eben vorteilhaft für den Angeklagten. Zwar lobte der Geschäftsführer einer Baufirma den Hilfsarbeiter Alaa A. (33) als fleißig, pünktlich und gutherzig. Jemand, „der sein Brot mit den Kollegen teilt“.

Aber der Zeuge berichtete am Donnerstag eben auch von einer anderen Seite des Syrers. Der sich im November krankschreiben ließ, weil er kaum mehr schlafen konnte vor Gram darüber, dass seine Schwester ihre syrisch-kurdische Familie für einen Iraker verließ, einen Nicht-Muslim. Der ihm erzählt habe, er wolle die Schwester und deren Freund töten und ihn nach einer Waffe gefragt habe.

Der Angeklagte soll ihm und den Kollegen sein Leid geklagt haben: Wenn er nicht zur Waffe greifen würde, täte es einer seiner Brüder. „Meine Schwester ist ein gläubiger Mensch, wie kann sie mit so einem zusammen sein“, soll Alaa A., der im Prozess bisher schweigt, geäußert haben. Obwohl A. dem Zeugen zufolge nicht religiös sei.

Als A. ihn dann nach einer Schusswaffe fragte, „bin ich richtig sauer geworden“, berichtet der 52-jährige Zeuge. „Ich habe ihm gesagt: Du bist jung. Willst du dir dein Leben versauen?“

Zu einem späteren Zeitpunkt übergab der Zeuge dem Angeklagten dann 600 Euro, um die der gebeten hatte. Für Miete und Strom. Möglicherweise nutzte A. das Geld jedoch, um die Tatwaffe zu kaufen. Warum er nicht die Polizei informierte, als der Angeklagte eine Pistole wollte, will Steffen Stern aus dem Verteidiger-Trio von dem Geschäftsführer wissen? „Ich hätte einfach nie gedacht, dass er so etwas wirklich macht.“ „Geschockt“ sei er gewesen, als Alaa A. seine Ankündigungen im Januar offensichtlich doch in die Tat umgesetzt habe. Mit fünf Schüssen aus einem Revolver habe er den Freund seiner Schwester niedergestreckt, heißt es in der Anklage.

Schmauchspuren beim Angeklagten

Der Rest des Verhandlungstages widmete sich einigen der Indizien, die nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nur den Schluss zulassen, dass es der 33-Jährige war, der am Abend des 26. Januar auf Milad A. schoss – und nicht einer seiner Verwandten oder ein Dritter. Das Gericht hörte zwei Sachverständige des Landeskriminalamtes: einen Chemiker, der Asservate auf Schmauchspuren prüfte. Eine Biochemikerin, die die auffällige Jacke des Angeklagten untersuchte.

Weder an den Händen des Bruders von Alaa A. noch bei seinem Vater fand man demzufolge Schmauchspuren. Nur bei dem Angeklagten – wenn auch in geringer Zahl. Das jedoch sei möglicherweise dadurch zu erklären, dass er sich kurz vor der Sicherung der Spuren noch einmal die Händen gewaschen hat. „So etwas kann reichen, um Schmauchpartikel zu entfernen“, erklärte der Gutachter.

Dass die Partikel von einer Waffe stammen, sei eindeutig. Von welcher oder welchen Projektilen, das lasse sich allerdings nicht sagen. Infrage käme im Zweifel theoretisch sogar eine bestimmte Art von Schreckschusswaffe. Dass A. eine solche Waffe besaß, ist aber nicht bekannt. Die Schmauchpartikel könnten im Prinzip auch durch Berührungen übertragen werden, räumte der Gutachter ein. Auffällig scheint jedoch, dass sich in der Innentasche der Jacke von Alaa A. viele solcher Partikel fanden.

Die Lieblingsjacke des Angeklagten spielte weiter eine zentrale Rolle: Die zweite Sachverständige wurde zur Frage gehört, ob es die Jacke ist, die an einer auffälligen Person auf einem Überwachungsvideo des angrenzenden Getränkemarktes vom Tatabend zu sehen ist. Das jedoch konnte die Biochemikerin aufgrund der schlechten Bildqualität nicht eindeutig sagen. „Es ist nicht auszuschließen.“

Die Person auf den Videos trägt eine Jacke mit Fellkragen. Hatte die Jacke des Beschuldigten einen solchen Kragen – der jedoch entfernt wurde? Die Wissenschaftlerin fand Faserreste, die auf Kunstfell hindeuten könnten. Klar scheint zudem, dass nachträglich etwas abgeschnitten wurde, das am Rand der Kapuze mit Schlaufen befestigt war.

Auch ein Personenspürhund, den die Polizei kurz nach der Tat einsetzte, weist in Richtung des Angeklagten als möglichem Täter. Der Hund, schildert sein Hundeführer, schnüffelte an einer Socke von Alaa A. – und fand in dem Hinterhof, auf dem die tödlichen Schüsse fielen, eine offenbar frische Fährte, der er folgte – bis vor die Wohnung des Angeklagten in unmittelbarer Nachbarschaft zum Tatort.

Der Prozess wird fortgesetzt. Das Urteil ist voraussichtlich für Mitte Dezember zu erwarten.

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