„Ehrenmord“ in Salzgitter: Täter zu lebenslanger Haft verurteilt

Salzgitter.  Dem Mann wurde vorgeworfen, den Lebensgefährten seiner Schwester erschossen zu haben. Das Landgericht befand ihn des Mordes für schuldig.

Das Opfer hat sein Auto auf einem Hinterhof-Parkplatz abgestellt und telefoniert mit seinen Mutter, als ihn hinterrücks fünf Schüsse treffen.  Die Polizei findet seine Tasche und das Telefon am Tatort.

Das Opfer hat sein Auto auf einem Hinterhof-Parkplatz abgestellt und telefoniert mit seinen Mutter, als ihn hinterrücks fünf Schüsse treffen. Die Polizei findet seine Tasche und das Telefon am Tatort.

Foto: Rudolf Karliczeck / BZV

Diese Geschichte aus Salzgitter ist keine Geschichte einer Beziehung ohne Makel. Aber doch die einer Liebe auf den ersten Blick. Die eines Paares, das sich von Widerständen nicht aufhalten lassen wollte. Das Tradition, Religion und Ethnie beiseite schob. Und nichts dabei fand, dass eine junge muslimische Kurdin aus Syrien mit einem irakischen Christen zusammen ist.

Schon bald nachdem sie von der Liebe ihrer Nichte Shirin zu dem Iraker Milad erfuhr, riet ihre Schwester: Trenne dich. Sonst endet es mit Mord. Und genau so kam es auch, glaubt die neunte große Strafkammer des Landgerichts Braunschweig. Die Richter gelangten zu der Überzeugung, dass der Bruder von Shirin A. (24) ihren Milad hinterrücks erschoss, um die „Familienehre“ wiederherzustellen. Am 26. Januar 2019 auf einem schummrigen Hinterhof an der Berliner Straße in Salzgitter-Lebenstedt. Ein heimtückischer Mord aus niedrigen Beweggründen, befand das Schwurgericht – und verhängte am Donnerstag eine lebenslange Freiheitsstrafe. Dazu stellte es die besondere Schwere der Schuld fest. Dass der Angeklagte Alaa A. (34) nach 15 Jahren vorzeitig freikommt, ist sehr unwahrscheinlich, falls diese Entscheidung rechtskräftig wird.

Erst war sie die Prinzessin der Familie, am Ende nannte ihr älterer Bruder sie nur noch die „Dreckige“, hält Richter Ralf-Michael Polomski dem Angeklagten bei der Begründung des Urteils vor. Der nahm den Schuldspruch auf wie fast den gesamten im August gestarteten Prozess: gelassen, mit sich im Reinen.

Der Angeklagte habe auf einem Parkplatz über eine Stunde lang auf den Lebensgefährten seiner Schwester gewartet, schildert der Richter. Als der aus dem Auto stieg, habe Alaa A. aus kurzer Distanz fünf Schüsse abgefeuert. Sanitäter versuchten noch, das Opfer zu reanimieren. Polomski nennt es eine Hinrichtung: „Das Opfer musste weg. Es störte. Sie haben ihr eigenes Urteil gefällt und vollstreckt.“

Die Familie des Angeklagten soll die Beziehung als Schande empfunden haben. Im Raum stand auch, dass die junge Frau konvertiert war. Drei Monate vor der Tat hatte die Mutter ihrer Tochter gesagt: „Wenn wir dich töten und ihn töten, dann kann keiner mehr schlecht über uns reden.“ Das zeigt ein Video, das Shirin heimlich aufnahm. Wenig später floh sie aus der elterlichen Wohnung. Beamte richteten sich an die Familie des Angeklagten, um Schlimmeres zu verhindern. Eine Vermittlerin hat den Eindruck: Da ist nichts zu machen.

Doch war Alaa A. auch der Mann, der die Schüsse abfeuerte? Ein Geständnis gibt es nicht, die Tatwaffe wurde nie gefunden. Niemand beobachtete Alaa A. bei der Schussabgabe. „Wir mussten das Urteil auf Indizien stützen“, sagt der Vorsitzende des Schwurgerichts. Die allerdings seien in der Summe so eindeutig, dass „keine Zweifel bleiben, dass hier der richtige sitzt“.

Da sind die Schmauchspuren an der Hand und der Jackentasche von Alaa A. Da sind die Drohungen, die er gegenüber dem Freund seiner Schwester ausgestoßen habe. Da ist der Hinweis seines Arbeitgebers, dass A. ihn nach einer Waffe gefragt habe, um seine Schwester zu töten. Da sind die Zeugen, die eine Person, deren Beschreibung auf den Angeklagten passt, kurz vor der Tat gesehen hätten. Da ist die auffällige Kleidung dieser Person, die auf einem Überwachungsvideo dokumentiert ist – und die auffällig der ähnelt, die A. bei seiner Festnahme trug.

Die Beweisaufnahme gestaltete sich aufwändig. Zahlreiche Sachverständige und Zeugen wurden gehört. Die Verteidigung hatte in ihrem Plädoyer bezweifelt, dass die Indizien reichen und einen Freispruch gefordert. Doch das Gericht folgt dem Strafantrag des Ersten Staatsanwalts Christian Wolters. Gründe für einen Strafnachlass sah das Gericht nicht. „Polizei und Justiz können einen zu allem entschlossenen Täter nicht aufhalten“, so Polomski. Zudem hätten die Behörden in diesem Fall vieles versucht. Ohne Familie in ein Schutzprogramm zu gehen, habe Milad A. abgelehnt. Am Ende, sagt der Kammervorsitzende, gebe es nur Verlierer. Milad A. verlor sein Leben. Seine Mutter ihren Sohn, die Schwester den Bruder. Seine Freundin verlor den Partner – und ihre Familie. Sie lebt unter neuem Namen an einem geheimen Ort. Alaa A. verlor die Freiheit. „War es das wert?“, fragt ihn der Richter.

Alaa A. braust auf. Zum ersten Mal spricht er. Nicht, um sich zu erklären. Auch das Opfer ist ihm keine Silbe wert. Er beschwert sich, dass Spezialkräfte der Polizei auf der Suche nach dem Täter die Wohnungstür seiner Eltern beschädigten und Angehörige festsetzten. „Ist das Demokratie?“, fragt er und fordert eine Entschädigung.

Gegen seine Familie wird noch wegen des Verdachts der Beihilfe oder Anstiftung zum Mord ermittelt. Weil sie ihre Tochter geschlagen und sie und ihren Partner bedroht haben sollen, sind die Eltern und ein weiterer Bruder vor dem Amtsgericht Salzgitter angeklagt. Schon im September 2018, so der Vorwurf, hätten die Eltern Milad A. gedroht, dass er sterben müsse, da er die Familie zerstört habe. Auf sein Angebot, die Beziehung zu beenden, hätten sie gesagt: Dafür ist es zu spät.

CHRONOLOGIE DER EREIGNISSE

Milad A. kommt mit 16 Jahren nach Deutschland. Er und seine Familie fühlen sich als Christen im Irak nicht mehr sicher. In Salzgitter macht er eine Ausbildung zum Friseur. 2016 lernt er Shirin A., die Schwester des Angeklagten, kennen und lieben. Sie entstammt einer kurdisch-islamischen Familie aus Nordsyrien.

1. November 2018: Shirin schneidet heimlich ein Gespräch mit ihrer Mutter mit. Die äußert, die Beziehung sei „eine Schande“ und droht, ihrem Bruder Alaa davon zu berichten. Sie nimmt zudem an, Shirin sei zum Christentum konvertiert. Die Drohungen und Schläge sollen bereits Monate zuvor begonnen haben.

14. November: Die junge Frau flieht durch das Badezimmerfenster aus der elterlichen Wohnung. Die Polizei bringt sie in ein Frauenhaus. Kurz vor der Tat zieht sie zu Milad, der drei Häuser von ihrem Bruder entfernt wohnt.

17. November: Shirins Eltern suchen Milad A. in dessen Friseursalon auf. Der Angeklagte soll geäußert haben: „Ich bringe Dich um.“ Seitdem lebt Milad in Angst, führt Pfefferspray bei sich, parkt sein Auto um.

19. November: Der Chef von Alaa A. berichtet einem Dritten, dass der ihn vergeblich nach einer Waffe fragte, um seine Schwester zu töten. Im Dezember erfährt die Polizei davon. Im Januar bittet Alaa A. seinen Chef um 600 Euro. Für die Tatwaffe?

26. Januar 2019, 20.35 Uhr: In Lebenstedt wird Milad A. niedergeschossen, als er sein Auto abstellt. Einen Tag später taucht der Tatverdächtige Alaa A. an der örtlichen Polizeiwache auf, wo Verwandte verhört werden. Man erkennt ihn nur zufällig und nimmt ihn fest. Seitdem sitzt der 34-Jährige in Untersuchungshaft.

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