Geldautomaten-Sprenger: Wenn die Knallknacker kommen

Salzgitter.  Bankräuber legen Gebäude in Trümmer und verursachen Schäden in Millionenhöhe. Wie Braunschweiger Ermittler versuchen, ihnen das Handwerk zu legen.

„Goldene Aussichten sind einfach“: Gegen 4.15 Uhr am Morgen des 10. Januar 2018 kommt es zu einer heftigen Detonation mitten in einem Wohnviertel im Quartier Fredenberg in Salzgitter. Diebe erbeuten mehr als 100.000 Euro. (Archivbild)

„Goldene Aussichten sind einfach“: Gegen 4.15 Uhr am Morgen des 10. Januar 2018 kommt es zu einer heftigen Detonation mitten in einem Wohnviertel im Quartier Fredenberg in Salzgitter. Diebe erbeuten mehr als 100.000 Euro. (Archivbild)

Foto: Rudolf Karliczek / BZV

Sie verschwinden so schnell, wie sie kommen – mit Taschen voll Geld . Gegen 4.15 Uhr am Morgen des 10. Januar 2018 erschüttert eine Detonation ein Wohnviertel im Quartier Fredenberg in Salzgitter. Zwei Geldautomaten in einer Sparkassenfiliale sind aufgesprengt, Zeugen sehen ein Fahrzeug, das sich mit hoher Geschwindigkeit vom Tatort entfernt. Die Täter fliehen mit mehr als 100.000 Euro , der Sachschaden liegt noch höher. So heftig ist die Wucht der Explosion, dass man befürchtet, das Gebäude könnte einstürzen. Im April 2018 kommt es im Herzen von Wolfenbüttel zu einem ähnlichen Fall. Die Beute dort ist noch größer. Zwei Fälle, wie sie in der Region – und darüber hinaus – beinahe alltäglich geworden sind. Auch weil Banken lange nicht genug unternahmen ?

Region von Sprengungen erheblich betroffen

Moderne Bankräuber arbeiten mit Gas oder Sprengstoff . Seit Jahren sind extrem professionellen
Kriminelle
vor allem im Westteil Deutschlands unterwegs. Sie üben an ausrangierten Geldautomaten, sind hoch spezialisiert und rücksichtslos. Bis Mitte Oktober 2020 versuchten Täter 37 Mal, Geldautomaten in Niedersachsen aufzusprengen. Im Jahr 2019 gab es 45, 2018 waren es 54 Taten, zeigen Zahlen des niedersächsischen Landeskriminalamtes. 2018 ist das Jahr, seit dem das Phänomen auch in der Region Braunschweig verstärkt auftritt. Inzwischen gehört der Bereich zwischen Harz und Heide neben der an die Niederlande angrenzenden Region zu den am stärksten betroffenen im Bundesland.

Sondereinheit in Braunschweig

Den arbeitsteilig vorgehenden, gut organisierten Kriminellen versucht die Polizei mit höherem Aufwand und zentralisierten Ermittlungen entgegenzutreten. Seit 2019 widmet sich das Fachkommissariat (FK) Banden der Zentralen Kriminalinspektion Braunschweig der Jagd nach Automatensprengern in der Region. Egal wo in der Braunschweiger Polizeidirektion sich die Tat ereignet hat. Zuvor waren die jeweiligen Dienststellen zuständig: Krachte es in Salzgitter , wurde hier ermittelt. Gab es eine Sprengung in Wolfenbüttel, übernahmen die dortigen Beamten.

Jede Tätergruppen hat „Fingerabdruck“

Doch wiederkehrende Tatmuster und Zusammenhänge blieben bei dieser lokal begrenzten Betrachtungsweise oft unbemerkt, sagt FK-Leiter Michael Bosse (59). Dabei hat fast jede Tätergruppe ihren eigenen Fingerabdruck, sagt der Kriminalhauptkommissar, „ihr ganz eigenes Vorgehen“.

Wie ausgeklügelt das aussehen kann, zeigt ein Überwachungsvideo aus dem Jahr 2018. Mehrere Maskierte dringen in den Vorraum einer regionalen Bankfiliale ein. Der erste fixiert die Tür und legt ein Zündkabel. Seine ebenfalls maskierten Mittäter folgen mit Gasflaschen und einer sogenannten Zündlanze. Alle tragen Handschuhe . Rasch ist die Tastatur eines Geldausgabegeräts aufgehebelt, die Lanze in das Automateninnere eingeführt. Die Maskierten verschwinden hinter der nächsten Häuserwand.

Kurz darauf wird das Bild dunkel. Rauch durch die Explosion vernebelt die Aufnahme. Schemenhafte Gestalten sind zu erahnen, dazu Geldkassetten . Drei Minuten dauerte der ganze Spuk.

Jedes Details kann den Durchbruch bringen

Um den Tätern auf die Spur zu kommen, ist Detailarbeit gefragt. Jede Spur kann den Durchbruch bringen. Im Falle der beiden Explosionen in Salzgitter und Wolfenbüttel kam man durch DNA-Spuren an der Innenseite des Klebebands um die Sprengvorrichtungen auf je einen mutmaßlichen Mittäter. Beide Männer wurden aufgrund dieser Partikel verurteilt . Der eine stammt aus den Niederlanden , der andere aus Hannover. Ob sie am Tatort waren, ist unklar. Möglicherweise bauten sie nur die Zündvorrichtungen.

Reisende Banden agieren in wechselnder Besetzung

Bei den Tätergruppierungen handelt es sich nur in Ausnahmefällen um fest gefügte Organisationen, erklärt eine Sprecherin des Landeskriminalamts Niedersachsen. „Vielfach wirken die Täter für die Begehung einer einzelnen Tat oder Serie zusammen und treten dann für längere Zeit nicht mehr in Erscheinung.“ Über die akribische Sammlung von Kerninformationen wie Tatzeit , Tatort, Typ des Geldautomaten, Anzahl und Bekleidung der Beteiligten sowie etwaige Videoaufnahmen versucht die Kriminalpolizei, die Schlinge enger zu ziehen.

Die rücksichtslose „Audi-Bande“

In den Niederlanden sitzt die größte Gruppierung von Tätern, die aufgrund ihrer bevorzugten Tatfahrzeuge oft als „Audi-Bande“ bezeichnet wird. Sie agiert, neben osteuropäischen Gruppen und regionalen Tätern, auch in der Region Braunschweig . Mit gestohlenen PS-starken Wagen oder Motorrollern fahren sie vor – und sind ebenso schnell verschwunden. Die gute Verkehrsanbindung über die Autobahnen ist es nach Sicht der Braunschweiger Ermittler denn auch, die die Region für die verschiedenen Gruppen von „Knallknackern“ so reizvoll macht, wie derartige Täter in Holland genannt werden.

Täter auf „Champions-League-Niveau“

Als Täter vom Niveau „ Champions League “ bezeichnet ein Münchener Polizist nach Medienberichten einmal die „Audi-Bande“. Weil sie erfolgreich sind – und rücksichtslos. Bei Verfolgungsjagden mit Tempo 250 rammen die Bankräuber auch schon einmal Einsatzfahrzeuge. Mit großen Gefahren für Beamte und Unbeteiligte. So geschehen im Raum Goslar. „Diesen Leuten drohen lange Haftstrafen“, sagt der Braunschweiger Ermittler Stefan Brackmann. „Die haben viel zu verlieren.“

Luxus-Waren bei Bauhelfer sichergestellt

Aber offenbar lohnt das Geschäft. Bei einem verurteilten Tatbeteiligten der Sprengung in Wolfenbüttel fand man in dessen holländischer Wohnung Luxuskleidung , verschlüsselte Handys, auf dem sich Nachrichten selbst löschen, zwei Schusswaffen mit Munition sowie Ammoniak, um Spuren zu verwischen. Dabei handelte es sich angeblich um einen Bauhelfer.

Hier finden Sie die Podcastfolge zum Fall: "Tatort Niedersachsen": Geldautomaten-Sprengungen

Rund 15,2 Millionen Euro sollen bei Geldautomatensprengungen im Vorjahr bundesweit erbeutet worden sein, meldet das Bundeskriminalamt . 2020 stiegen die Zahlen vielerorts erneut. Um den Tätern Herr zu werden, setzt die Polizei auf Vernetzung. Beim niedersächsischen Landeskriminalamt gibt es eine Sonderkommission, zudem einen direkten Kontaktpunkt, an den sich Ermittler aus anderen Bundesländern wenden können. Da sich Täter nicht an Grenzen halten, muss die Polizei nachziehen.

Braunschweiger Ermittlern gelingt Coup

Durchaus mit einzelnen Erfolgen. Der Braunschweiger Kommissariatsleiter Michael Bosse berichtet von einem aktuellen Coup: Gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt kamen er und seine Mitarbeiter einem mutmaßlichen Täterduo aus der Region auf die Schliche. Spezialkräfte nahmen im Sommer einen Salzgitteraner und einen Mann aus Gifhorn fest. Das Duo soll zwischen 2018 und 2020 für insgesamt 20 Sprengungen im gesamten Bundesgebiet verantwortlich sein und dabei weit über eine Million Euro gestohlen haben. Offenbar hatten sich die Tatverdächtigen auf Automaten der Postbank spezialisiert. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig arbeitet derzeit an der Anklage.

Verdächtige sollen Millionenbeute erlangt haben

Automaten der Postbank galten Ermittlern als schlecht gesichert. Was durchaus auch für andere Geldhäuser gilt, sagt ein Fachmann aus Braunschweig, der jahrzehntelang für die Sicherheit eine Bank verantwortlich war und anonym bleiben möchte. Er geht davon aus, dass man das Thema in der Branche stiefmütterlich behandelt – und das Phänomen hierzulande somit indirekt beförderte. Denn in den Niederlanden gebe es beispielsweise sehr viel weniger Automatensprengungen. „Das liegt an besseren Sicherheitsvorkehrungen “, sagt der Insider. Hauptkommissar Bosse pflichtet dem Mann in diesem Punkt bei. „Es gibt eine Verdrängung aus diesen Ländern – die Täter suchen sich ihre Ziele in Deutschland.“ Sie gehen den Weg des geringsten Widerstands.

Taten Banken lange Zeit zu wenig?

Jahrelang plädierte die Polizei für mehr Sicherheit. Bereits im Jahr 2016 wurde ein Konzept zum Schutz von Geldausgabeautomaten erstellt und den Betreibern zur Verfügung gestellt, heißt es seitens
des niedersächsischen Landeskriminalamtes. Doch laut dem Insider geschah wenig. Die Zahl der Automatensprengungen in Deutschland blieb hoch.

Oftmals handele es sich um alte Geräte mit niedrigen Schutzniveau, sagt Kriminalist Michael Bosse. Leichte Beute für Profis . Die Automaten waren abgeschrieben und warfen Geld ab, meint der Fachmann aus der Sicherheitsbranche. Zudem hätten die Versicherer im Schadensfall klaglos gezahlt. So hätten die Kreditinstitute offenbar wenig Handlungsbedarf gesehen. „Es tut nicht weh genug“, meint der ehemalige Banken-Insider. Er ist skeptisch, ob sich das ändert.

Neue Bankautomaten für mehr Sicherheit

Doch die Ermittler aus Braunschweig sehen einen Kurswechsel. „Ein regionales Bankhaus hat gerade seine Geräte erneuert“, schildert Bosse. Schwerer aufzusprengende Geräte. Zudem kommen vermehrt Money-Inking-Systeme zum Einsatz: Farbpatronen, die die Geldscheine beim Aufbrechen des Automaten unbrauchbar machen.

Allerdings sind noch weitergehende Maßnahmen nötig, glauben sowohl der Sicherheitsmann als auch die Polizisten. Die Täter suchen sich gern abgelegene Automaten, bei denen sie nicht gestört werden. Entweder auf dem Land oder in Einkaufszentren an der Peripherie. Bosse: „In den Niederlanden beispielsweise werden solche Geldautomaten zur Nacht geleert.“ Kein Geld – kein Ziel. Der Sicherheitsexperte aus Braunschweig regt zudem an, Geldausgabegeräte verstärkt an belebten Orten zu installieren. „Etwa an Kliniken oder Tankstellen.“

Alle Beteiligten sehen weiterhin erhebliche Gefahren durch die moderne Form des Bankraubs. Dass bisher selten Menschen zu Schaden kamen, sei dem bevorzugt nächtlichen Tatzeitpunkt geschuldet – und dem Zufall. Oft genug schon war es knapp.

Auch Täter rüsten auf

Die Braunschweiger Polizisten berichten von einem Fall aus dem Süden. Dort suchten sich „Knallknacker“ eine SB-Filiale aus, über der sich die Wohnung eines älteren Ehepaars befand. Durch die Sprengung brach ein Feuer aus. „Die beiden konnten noch gerettet werden. Ein paar Sekunden später und es wäre um sie geschehen gewesen“, schildert Hauptkommissar Stefan Brackmann.

Weil neuere Automaten schwerer zu sprengen sind, rüsten auch die Angreifer auf. Immer häufiger kommt Festsprengstoff Marke Eigenbau zum Einsatz – der explosiver ist als TNT. „Damit steigt das Risiko weiter“, sagt Polizist Michael Bosse. „Bis Schlimmeres passiert, ist es nur eine Frage der Zeit.“

„Tatort“: Die Crime-Serie der Braunschweiger Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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