Mütter und Väter in Not

Salzgitters Eltern fordern Nachmittagsbetreuung für Schüler

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Anna Corvino und Stephanie Rüstig haben Unterschriften gesammelt, um die Fortsetzung der Nachmittagsbetreuung an der Grundschule Lesse zu erreichen.

Anna Corvino und Stephanie Rüstig haben Unterschriften gesammelt, um die Fortsetzung der Nachmittagsbetreuung an der Grundschule Lesse zu erreichen.

Foto: Michael Kothe

Lesse.  Eltern in Lesse kämpfen darum, dass es an der Grundschule vor Ort wieder Mittagessen und Nachmittagsbetreuung gibt. Doch das ist schwierig.

Eltern in Lesse sind in Not. Mittagessen und nachmittägliche Betreuung – ein verlässliches Angebot für rund 30 Kinder, die die örtliche Außenstelle der Grundschule Lichtenberg besuchen, ist im Sommer 2021 überraschend eingestellt worden. Und eine Ersatzlösung ist nicht in Sicht.

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Eltern fühlen sich allein gelassen

Betroffene Mütter wie Anna Corvino oder Stephanie Rüstig sind verärgert, fühlen sich alleingelassen und haben 102 Protestunterschriften gesammelt, die sie kürzlich im Rat Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) übergaben. Auch die SPD und der Ortsrat Nordwest haben sich inzwischen eingeschaltet. Doch Schuldezernent Dirk Härdrich stellt unmissverständlich klar: Die Stadt kann rechtlich erst eingreifen, wenn in Lichtenberg die geplante Ganztagsschule entstanden ist. Doch das dürfte frühestens 2025 der Fall sein.

So reagiert die Stadt

Nur Ganztagsschulen, die 2026 verpflichtend eingeführt werden, so Härdrich, könnten die Nachmittagsbetreuung selber einrichten. Die nötigen pädagogische Mitarbeiter würden über ein Budget des Landes bezahlt werden. Der Grund: Die Verantwortung liege dann bei der Schule und alle Teilnehmer seien über eine Unfallversicherung rechtlich abgesichert.

An allen anderen Schulen ende der Betrieb nach der letzten Stunde. Eine Nachmittagsbetreuung dürfe aber nicht in deren Verantwortung angeboten werden – das sei die Rechtsauffassung des Regionalen Landesamtes für Schule und Bildung, betont Härdrich. Die Stadt hatte dennoch bis 2021 Nachmittagsbetreuung an Grundschulen organisiert, dies aber aufgegeben, weil der Gemeindeunfallversicherungsverband Braunschweig (GUV) mitgeteilt hatte, dass kein Unfallversicherungsschutz bestehe.

Beim Mittagessenangebot sei es ähnlich. Dies werde außerhalb von Ganztagsschulen nicht angeboten. Härdrich: „Hier mangelt es im wesentlichen an Räumen, die unter lebensmittelhygienischen Gesichtspunkten geeignet wären“. Bis 2021 hatte die Grundschule in Lesse mit der örtlichen Kirchengemeinde kooperiert. An Ganztagsschulen werde dagegen das Mittagessen durch Cateringunternehmen angeboten. Die Stadt als Schulträger schaffe lediglich die räumlichen Voraussetzungen und unterstütze die Schule bei der Suche nach einem Caterer.

An der Grundschule Lichtenberg findet eine Nachmittagsbetreuung über eine Kooperation mit dem MTV Lichtenberg statt. Ein solches Modell, so Härdrich, sei jedoch in Lesse nicht zustande gekommen.

Betreuung endete abrupt

So endete 2021 nach 15 Jahren die Nachmittagsbetreuung in Lesse, an der zuletzt 22 Kinder teilnahmen. Sie umfasste ein Mittagessen, dann von 13.30 bis 15 Uhr die Betreuung. Die Eltern haben davon laut Rüstig erst drei Tage vor dem Aus erfahren. Für sie hatte dies ungeahnte Folgen. „Wir mussten uns komplett umorganisieren, die Arbeitgeber um andere, kürzere Dienstzeiten bitten“, sagt Corvino. Die 37-jährige Ingenieurin Rüstig wurde nach eigenen Angaben nur deswegen entlastet, weil ihr Mann in die Frühschicht wechseln und so die achtjährige Tochter rechtzeitig von der Schule abholen konnte.

Das ist die Situation der Eltern

Corvino, die täglich bis 12 Uhr arbeitet, kann sich seitdem keine Überstunden mehr leisten, muss aber damit rechnen, dass sie mitunter für die Sekretärin einzuspringen hat, die bis 14 Uhr arbeitet und 2023 in den Ruhestand wechselt.

Nun haben sich die Mütter am Mittwoch im Ortsrat Nordwest Gehör verschafft, die SPD-Ratsfraktion will mit einer Anfrage zusätzlich für Klarheit sorgen. Doch egal, wie kreativ die möglichen Lösungen sind – es fehle, sagt Corvino, vor allem an geeigneten Räumen: „Wir treten da“, klagt sie, „auf der Stelle“.

An Lösungen wird derzeit an vielen Stellen gefeilt, bislang aber ohne Erfolg. So laufen im Kindergarten in Lesse laut Corvino Gespräche mit dem pädagogischen Abteilungsleiter vom Kirchenverband Ostfalia. Er prüfe, ob der frühere Kindergartenraum für einen Hort genutzt werden kann. Bedingungen seien, dass maximal 20 Kinder betreut werden, auch in den Ferien.

Ab Frühjahr könnte eine Tagesmutter aus Lesse zur Verfügung stehen. Doch hier könnten allenfalls zehn Kinder aufgenommen werden.

Momentan unterstützt der TSV Lesse von 1945 die Eltern. Der Verein bietet dreimal wöchentlich ein Sportprogramm von 12.45 bis 13.45 Uhr an. Doch eine Kooperation kam laut Corvino nicht zustande, weil der finanzielle Rahmen ungeklärt war. Stadt und Vorstand wollen aber offenbar noch verhandeln.

Lesse ist kein Einzelfall

Für Dezernent Härdrich ist Lesse kein Einzelfall. Auch in Thiede, Ringelheim und Hallendorf bestehe Nachfrage. Derzeit prüfe die Stadt, welcher Umbau für Mensa und Nachmittagsbetreuung in Lesse nötig wäre. Härdrich spricht von mindestens sechsstelligen Kosten.

Doch angesichts des ab 2026 geltenden Anspruchs auf Ganztagsplätze scheut er Interimslösungen. Er empfiehlt den Lesser Eltern daher, einen eigenen Verein zu gründen und das nötige Personal einzustellen – die Stadt werde sie beraten, Zuschüsse seien möglich.

Das Jahr 2026 im Blick

Doch Härdrichs Hauptaugenmerk gilt der Zeit in drei Jahren. 7 von 16 Grundschulen in Salzgitters seien noch keine Ganztagsschulen. Der Neubau für Lichtenberg sei in Planung, die im Bau befindliche Grundschule Nord entstehe 2024 als Ganztagsbetrieb. Für Ringelheim werde die Erweiterung der Mensa geplant, auch bei der Grundschule am See sei solcher Bau nötig. Für die Grundschule Am Ostertal werde geprüft, ob sich eine Mensa in den Zwischentrakt einfügen lasse, für Thiede und Hallendorf gebe es derzeit noch keine Lösung.

Schwierige Personal-Suche

Was Härdrich größere Sorgen bereitet, ist die Suche nach qualifiziertem Personal. Denn dafür sei die Jugendhilfe der Stadt zuständig. Bis zu 70 zusätzliche Mitarbeiter, ahnt er, seien allein für weitere Ganztagsschulen nötig, die bis 2026 in Salzgitter ihren Betrieb aufnehmen.

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