Musical-Star Markus Schneider in Braunschweig unter Killer-Ladys

Braunschweig.  Markus Schneider fügt seinen vielen Musical-Rollen am Staatstheater Braunschweig nun den Anwalt in John Kanders „Chicago“ hinzu.

Musical-Sänger Markus Schneider.

Musical-Sänger Markus Schneider.

Foto: Andreas Berger

Alle kennen „Cabaret“, das Musical aus dem Berlin der 30er-Jahre, das mit Liza Minnelli ein grandioser Filmerfolg wurde. Der Komponist John Kander und Textautor Fred Ebb haben mit „Chicago“ aber noch einen zweiten Musicalklassiker geschaffen, der am Sonnabend im Staatstheater Braunschweig Premiere hat. Die männliche Hauptrolle spielt wieder Markus Schneider, der hier bereits als Sweeney Todd und Riff in der „West Side Story“ zu erleben war.

Worum geht’s in „Chicago“? Wie klingt die Musik?

Die Handlung ist etwas skurril. Es geht um Velma und Roxie, die ihre Männer umgebracht haben. Natürlich in „Notwehr“, aber eigentlich waren sie ihnen nur im Wege. Beide sind Vaudeville-Sängerinnen, und im Frauengefängnis ist entsprechend Stimmung. Sie nutzen ihre Verbrechen, um Publicity zu bekommen und eine Karriere nach dem Knast vorzubereiten. Ihre Auftritte sind immer zugleich große Show, das Ganze funktioniert ein bisschen wie Theater im Theater. Ich spiele den Verteidiger Billy, der Roxie mit einigen Tricks frei bekommt. Ironischerweise stiehlt ihr ein neuer Mordfall dann die Show. Die Musik ist geprägt von Jazz und Vaudeville und hat viel Drive.

Das amerikanische Rechtssystem erscheint hier ja recht absurd. Aber bei der Uraufführung 1975 ahnte man ja noch nichts von Donald Trump.

Man fühlt sich unweigerlich an die augenblickliche Realität erinnert, aber die Inszenierung nimmt keine Aktualisierungen vor.

Sie spielen die Rolle von Richard Gere in der „Chicago“-Verfilmung. Wie ist das, wenn man immer den schönen jungen Helden geben muss? Bei uns waren Sie ja auch schon Freddy (in „My fair Lady“), Claude (in „Hair“) und Riff (in „West Side Story“)...

Mein Spielalter ist meistens sehr jung, dabei bin ich auch schon 38. Aber den Billy in „Chicago“ würde man eigentlich noch reifer besetzen. Für den Professor Higgins in „My fair Lady“ bin ich wiederum noch zu jung, aber ich habe ihn auch schon gespielt. Wir haben die Beziehung zu Eliza, die bei ihm gehobene Sprache und Umgangsformen lernt, mehr über die kulturelle Distanz erklärt, das ging dann auch, ohne sich allzu viel älter zu schminken.

Mit Billy oder erst recht Sweeney Todd, dem Schlachterbarbier aus Rache, sind Sie ja schon ins Skurrilere ausgewichen.

Ich spiele solche Typen fast lieber als die verliebten Helden. Sweeney Todd war dabei auch stimmlich eine Herausforderung, der liegt eher auf Bassbariton, und ich bin eigentlich Tenor. Aber ich mag das Schauspielen. Deshalb ziehe ich auch die wechselnden Produktionen an den Stadt- und Staatstheatern den großen Ensuite-Musicals vor. Ich habe hier den Eindruck, dass ich mehr in die Gestaltung meiner Rolle einbringen kann, statt genau den Vorgaben Disneys oder dem Typ meines Vorgängers entsprechen zu müssen.

Wann hat sich das Interesse an Theater und Gesang bei Ihnen zuerst gezeigt?

Ich komme aus Rosenheim, da war erstmal nicht viel Theater zu sehen. Aber ich habe im Schultheater mitgemacht und mich früh fürs Singen interessiert. Das war aber nur so zur Gitarre, um Dampf abzulassen. Und ich hatte Spaß an Bewegung, habe so ziemlich jeden Sport gemacht: Laufen, Skifahren, Surfen, Gleitschirmfliegen.

...im Sturzflug von der Kampenwand?

Dicht daneben. Eigentlich mag ich gar nicht so in die Tiefe springen, und selbst beim Gleiten wackelt das Gerät ganz schön, aber faszinierend ist es eben doch. Jedenfalls habe ich nach meinem Zivildienst gleich angefangen, Sport und Englisch auf Lehramt zu studieren. Aber ich hatte inzwischen auch zwei Musical-Workshops in Graz mitgemacht, weil sich da Singen, Spielen, Bewegen so schön vereint. Ein Dozent von der Essener Folkwang-Schule ermutigte mich daraufhin, dort vorzusprechen. Ich bin da ganz locker hin, weil ich ja mein Lehramtsstudium hatte und nur wissen wollte, wie das so läuft. Und dann hat mir das so viel Spaß gemacht, dass ich in den Runden immer weiter gekommen bin, und nach drei Tagen gehörte ich zu den sechs Musical-Studenten des neuen Jahrgangs.

Musical war dabei immer Ihr Traum, oder würden Sie auch mal Schauspielrollen oder Operettentenor interessieren?

Ich war während des Studiums an allem interessiert und konnte gar nicht genug bekommen. Tatsächlich habe ich anschließend zunächst für Schauspiel vorgesprochen, und hätte auch ein Festengagement bekommen. Aber genau das wollte ich nicht, sondern mich reizten die wechselnden Rollen an wechselnden Orten. Ich bin gern unterwegs.

Wenn man genug Gastengagements findet...

Ja, man muss überall in Kontakt bleiben. Und man sagt immer ja. 3 Produktionen im Jahr wären gut. Ein Jahr hatte ich, inklusive Wiederaufnahmen, 7, da habe ich nur im Zug gelebt. Meine Bahn-Card-100 hat sich da voll rentiert. Wenn man tagsüber probt, aber abends dann woanders Vorstellungen zu spielen hat, schlaucht das ganz schön. Das war dann doch etwas zu viel.

Wie bringt man sich denn dann immer wieder auf die Höhe der Emotion, besonders in Liebhaberollen?

Man schöpft aus seinen Erfahrungen, auch emotional. Mit dem Kostüm zieht man irgendwie auch die Figur an, verwandelt sich. Ich schmeiß mich gern ganz rein in einen Charakter. Trotzdem nimmt man den Tag schon auch mit in seinen Text. Umgekehrt färbt aber auch die Rolle ab: In der Zeit, als ich Sweeney Todd spielte, war ich irgendwie auch privat düsterer drauf.

Welches Rollenangebot würden Sie gern noch bekommen?

Mir fehlt immer noch der Tony in der „West Side Story“, der wird ja meist mit einem Operntenor besetzt. Natürlich wird man dann den ganzen Tag vor den hohen Tönen in „Maria“ zittern, aber es muss auch ein tolles Gefühl sein. Die „Dreigroschenoper“ würde mich auch schauspielerisch interessieren. Und dann gibt es so kleine Kammermusicals für zwei Personen, da wäre auch viel Schauspiel verlangt. Singen könnte ich ja dann in einem Song-Abend: John Kander, Cole Porter, George Gershwin...

Premiere am 30. November, 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters Braunschweig. Karten unter (0531) 16606 und an anderen bekannten Vorverkaufsstellen.

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