Corona-Ausflugstipp: Pfalz Werla zeigt die Macht der Ottonen

Der Archäologie- und Landschaftspark der Pfalz Werla bei Wolfenbüttel bietet ein Geschichtserlebnis im Niemandsland praktisch ohne Kontakte.

Der Westturm der Burganlage wurde im Jahr 2012 rekonstruiert. Das Gebäude veranschaulicht am eindrucksvollsten die Ausmaße der Anlage und bietet Hochzeitspaaren sogar ein Trauungszimmer.

Der Westturm der Burganlage wurde im Jahr 2012 rekonstruiert. Das Gebäude veranschaulicht am eindrucksvollsten die Ausmaße der Anlage und bietet Hochzeitspaaren sogar ein Trauungszimmer.

Foto: Henning Thobaben

Der kühle Herbstwind braust über die Landschaft. Zwei Frauen führen einen Hund Gassi. Später nutzt ein Paar die Wege, um mit dem Fahrrad voranzukommen. Ansonsten: Stille. Und Einsamkeit. Wer während des November-Lockdowns auf Kultur nicht verzichten möchte, kann an diesem Ort im Landkreis Wolfenbüttel – möglichst nicht zu dünn angezogen – in aller Ruhe und ohne Kontakte Geschichte erleben. Rund um die einstige Pfalz Werla ist vor einigen Jahren ein archäologischer Park entstanden, der Besucher bis zurück in das 10. Jahrhundert führt.

Der Chronist Widukind von Corvey überlieferte einst zwischen den Jahren 924 und 926 den Aufenthalt von König Heinrich I. auf seiner Burg Werla. Es ist die erste Erwähnung der Anlage, die Heinrich offenbar dazu dienen sollte, die Verteidigung Sachsens gegen die aus Osten angreifenden Ungarn zu koordinieren. Nachdem dem König und dessen Sohn Otto I. dieses Vorhaben geglückt war, wurde die Burg ausgebaut. Die Pfalz wurde zu einer der größten Befestigungen des 10. Jahrhunderts überhaupt.

Werlaer Schwerter wurden zum Kampf gegen die Sarazenen in Italien genutzt

Die Anlage stand repräsentativ für die Macht der Ottonen, hatte aber auch einen wirtschaftlichen Faktor. Archäologische Arbeiten haben hervorgebracht, dass an dem Ort Textil- und Metallverarbeitung betrieben wurde. Zumindest zu einem Teil könnten die Schwerter, mit denen die Ottonen ihre Krieger zum Kampf gegen die Sarazenen in Süditalien ausstatteten, hier geschmiedet worden sein.

Für viele Besucher am anschaulichsten ist der 2012 rekonstruierte Westturm der Anlage. Über eine Stahltreppe gelangt man zu einem Turmzimmer. Dort können sich Paare sogar trauen lassen. Laut Informationen des für die Internetseite des Archäologie- und Landschaftsparks verantwortlichen Fördervereins ist die Pfalz Werla der einzige Ort in Deutschland, an dem standesamtliche Hochzeitszeremonien in einer ottonischen Pfalz möglich sind.

Königsbau mit Estrich und Einbauschrank

Ansonsten lassen sich auf dem Gelände einige Original-Überreste der Pfalz entdecken. Etwa in dem nahe dem rekonstruierten Turm gelegenen Zentraltrakt von Westen. Laut Infotafel spielten die einst zweistöckigen Räumlichkeiten wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei Königsaufenthalten. Darin integriert, erfahren Besucher wenig später, war auch der sogenannte Estrichbau. Der beheizte Raum enthielt früher eine gemauerte Feuerstelle und sogar einen Einbauschrank. Und: Im Inneren des Raumes befindet sich einer der wenigen erhaltenen frühmittelalterlichen Fußböden Deutschlands.

Die Grundmauern der einstigen Kapelle indes waren bei den Ausgrabungen nur noch schlecht erhalten. Interessant jedoch: Im Bereich des Altars wurde eine im Boden vergrabene Steinkiste gefunden, die eventuell als Aufbewahrungsort für sakrale Gegenstände oder Reliquien diente.

Findlinge kamen mit dem Eis aus Nordeuropa

An anderer Stelle erfahren Interessierte, dass die Terrasse der Pfalz rund 16 Meter zum Okertal hin abfiel. Aus diesem Grund war kein zusätzlicher Graben zum Schutz notwendig. Auch die Frage, woher die Steine für den Bau stammten, wird beantwortet: Inlandseismassen schoben die Findlinge aus Nordeuropa bis zum nördlichen Harzrand. Ein kleiner Findlingsgarten im Archäologie- und Landschaftspark vertieft das erdgeschichtliche Thema. Auch über Nutzpflanzen, Ackerwildkräuter oder die Dreifelderwirtschaft können sich Besucher schlaulesen.

Schon nach dem Jahr 1000 wurde es übrigens deutlich stiller um die Burg – auch weil die neu gegründete Pfalz Goslar mehr Annehmlichkeiten bot und repräsentativer war. Schon ab dem Jahr 1200 verfiel die Burg, wurde als Steinbruch ausgebeutet. Irgendwann nahm kaum noch einer Notiz von ihr. Heute hält der Park die Erinnerung hoch – nur auf das Navigationsgerät im Auto sollte man sich bei der Anfahrt nicht zu sehr verlassen. Allzu leicht landet man in einer Sackgasse oder rauscht an dem etwas unscheinbaren Parkplatz an der L615 vorbei.

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