Erich Kühnhackl: Der Kleiderschrank auf Kufen wird 70

Essen  Erich Kühnhackl ist deutscher Eishockeyspieler des Jahrhunderts. An diesem Samstag wird der Ausnahmesportler 70 Jahre alt. Eine Würdigung.

Mit Dynamik und Torgefahr: Eishockey-Legende Erich Kühnhackl 1977 im Trikot des Kölner EC.

Mit Dynamik und Torgefahr: Eishockey-Legende Erich Kühnhackl 1977 im Trikot des Kölner EC.

Foto: imago

„Wenn wir zwei in die Ecke gehen, dann bin ich derjenige, der am Ende da wieder herauskommt.“ Dieser Satz verrät nicht alles, aber doch sehr vieles über Erich Kühnhackl. Natürlich hat der Mann seinen Gesprächspartner, einen Fernsehjournalisten, in einem Interview nicht ernsthaft bedroht. So ganz sicher sein konnte sich Kühnhackls Gegenüber da aber nicht. Der damals 68-Jährige hatte in deftiger Wirtshausatmosphäre gerade so viel kerniges Augenzwinkern in seinen Satz gelegt, dass deutlich wurde: Hier spricht einer, der seiner selbst sehr gewiss ist. Und der im Zweifelsfall meint, was er sagt. Das mag überholt, unangemessen archaisch wirken, ist aber für seine Generation und erst recht für seine niederbayrische Heimat typisch.

Erich Kühnhackl: Beeindruckende Titelsammlung

Die Eishockey-Legende Erich Kühnhackl wird an diesem Samstag 70 Jahre alt. Nun werden Sportler in dieser Zeit inflationär zu Legenden erklärt. Bei Kühnhackl stimmt der Begriff. Sogar ganz offiziell. Der Jubilar ist seit 2000 Deutschlands Eishockeyspieler des Jahrhunderts. Auch wenn er selber darauf hinweist, dass es viele andere gute Spieler gab, ist es sein Name, der in den Siebziger Jahren ehrfürchtig genannt, ach was: geraunt wurde, wenn Kinder und Jugendliche einen Eishockeyspieler benennen sollten.

Selbstverständlich gibt es bei einem Sportler dieses Kalibers eine lange Liste von Titeln und Auszeichnungen. Vorneweg steht der Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck. Dazu gab’s vier nationale Meistertitel und ein Pokalsieg. Als Spieler stellte er in 774 Liga-Spielen diverse Torjäger-Rekorde auf und schaffte es in nationale wie internationale Ruhmeshallen des Sports.

Wer Erich Kühnhackl näher kommen will, muss weit in die Vergangenheit, in seine Kindheit, schauen. Er wurde 1950 im damals noch tschechoslowakischen 1000-Einwohner-Dorf Citice geboren, wuchs in sozialistisch einfachen Verhältnissen auf, bis seine deutschstämmigen Eltern mit dem damals 17-Jährigen 1968 während des Prager Frühlings ins deutsche Landshut flohen.

Erinnerungen an die Tschechoslowakei

Auf die Zeit in der Tschechoslowakei angesprochen, kommt er dennoch ins Schwärmen, verliert er sich in Kindheitserinnerungen. Kühnhackl erzählt vom Schulsport, durch den er zum Eishockey gekommen sei. „Schulsport war in der Tschechoslowakei Eishockey. Sonst nichts“, stellt er kurz fest, berichtet von seiner kleinen Schule, die gegen größere überaus erfolgreich gewesen war, von einem Torwart der nicht Schlittschuh laufen konnte – „in den Drittelpausen mussten wir den zu zweit packen und vom Eis schieben“ – und von Märschen durch die Nacht, weil nach Auswärtsspielen in der Hauptstadt weder Busse noch Bahnen gefahren seien: „Wenn uns dann langweilig war, haben wir auf dem Heimweg noch einmal die Eishockeysachen rausgeholt und gespielt.“

Stiftung für den Eishockey-Nachwuchs

In Deutschland fand der Flüchtlingsjunge einer anderen Zeit schnell Aufnahme, er fasste in Landshut, fasste im Sport Fuß. Eishockey bestimmt seither sein Leben. Nach der aktiven Zeit arbeitete er bis 2007 als Trainer, er war auch Bundestrainer, wurde später Vizepräsident des deutschen Eishockey-Bundes. Seit einigen Jahren steht er auch für eine Stiftung. Die fördert, da schimmern unverhohlen Kindheit und Karriere durch, Nachwuchsmannschaften und Spieler aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Das David-gegen-Goliath-Thema, dieser unverbesserliche Glaube an die Chance, wenn man eigentlich keine hat, war prägend: Auch Dekaden nach der Bronzemedaille weist er darauf hin, dass ihnen vorher „keiner auch nur den Hauch einer Chance eingeräumt“ hatte, die Mannschaft aber genau das motiviert habe. „Ich habe in diesem Sport, in meinem Leben versucht, alles, was ich mache, richtig zu machen. Ich habe immer versucht, das Beste zu geben. Das ist in mir drin“, sagte er dem Eishockey-Magazin.

Heimatverbundener Weltenbummler

In die USA hat er es nicht geschafft. Er verzichtete, so die offizielle Lesart, wegen der Familie nach einem Trainingscamp in New York auf ein karrierekrönendes Engagement in der nordamerikanischen Profiliga NHL und kehrte in seine Heimat zurück. Vielleicht war ihm die Fremde aber auch nicht ganz geheuer: „Ich habe in New York, Prag, Moskau und Köln gelebt, aber ich ziehe die Kleinstadt der Hektik und Anonymität der Metropolen vor“, zitierte ihn einst das Magazin Brand1. Seine aktive Zeit von 1968 bis 1989 verbrachte der Mann mit der Günter-Netzer-Frisur, der wegen seiner damals noch außergewöhnlichen 1,96 Metern Körpergröße „der Lange“ war, daher abgesehen von kurzen Ausflügen zum Kölner EC und zum EHC Olten (Schweiz) beim EV Landshut.

In die USA reist er heute dennoch regelmäßig: Seine drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne, spielten beziehungsweise spielen alle Eishockey. Der jüngste, Tom, ist in der NHL aktiv, gewann zwei Mal den Stanley-Cup, die begehrteste Eishockey-Trophäe. Kühnhackl Senior schaut sich regelmäßig Spiele an.

Und um noch einmal auf die vermeintliche Drohung aus der Lokal-TV-Sendung mit dem passenden Namen „Auf ein Bier mit“ zurückzukommen. Der „Gang in die Ecke“ steht beim Eishockey für den Zweikampf. Dem ist Kühnhackl, der seit seiner aktiven Zeit den Spitznamen Kleiderschrank auf Kufen weg hat, nie aus dem Weg gegangen. Die „Schnelligkeit, aber auch die Aggressivität“ machten, sagt er, Eishockey unvergleichlich. Die Zweikämpfe aber, die dürfe man nur führen, wenn man dem „Gegner dabei in die Augen sehe“. Alles andere sei erstens verboten und zweitens, ohne dass der kernige Bajuware das explizit ausspricht, hochgradig unanständig. Auch das zeichnet den großen Sportsmann aus.

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