Der Grizzlys-Fall Möser führt zu neuer Corona-Richtlinie

Wolfsburg.  Herzmuskel-Entzündung nach Covid-19-Infektion – DEL und Wolfsburgs Teamarzt reagieren mit medizinischem Leitfaden auf den Grizzlys-Fall Möser.

Janik Möser von den Grizzlys Wolfsburg steht im Mittelpunkt der aktuell brandheißen Diskussion um Folgeerkrankungen nach einem Corona-Infekt.

Janik Möser von den Grizzlys Wolfsburg steht im Mittelpunkt der aktuell brandheißen Diskussion um Folgeerkrankungen nach einem Corona-Infekt.

Foto: City-Press GmbH / Grizzlys Wolfsburg/oh

Die vermutlich durch Corona hervorgerufene Herzmuskelentzündung des Eishockey-Profis Janik Möser von den Grizzlys Wolfsburg könnte künftig anderen Leistungssportlern das Leben retten. Auf Initiative des Wolfsburger Mannschaftsarztes Dr. Axel Gänsslen und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) stellte diese am Mittwoch einen aktualisierten Algorithmus vor, der erläutert, welche medizinischen Maßnahmen die Klubs ergreifen sollen, nachdem einer ihrer Spieler mit Covid-19 infiziert war.

In einer stark nachgefragten Video-Pressekonferenz am Mittwochvormittag stellte DEL-Spielbetriebsleiter Jörg von Ameln zusammen mit Gänsslen und dem ebenfalls zugeschalteten Möser die neue medizinische Richtlinie vor. „Sie dient als Empfehlung für alle Klubs der DEL“, sagte von Ameln. Empfohlen wird, dass ein betroffener Spieler frühestens 17 Tage (inklusive der obligatorischen zehntägigen Isolation) nach Erhalt eines positiven Coronatests und nach anschließend erfolgten empfohlenen Untersuchungen wieder das Training aufnehmen darf.

Mindestens 17 Tage Pause

Die Mindestpause von 17 Tagen (zehn Tage Isolation plus mindestens sieben Tage „Return-to-Play-Programm“) gilt aber nur, wenn der Spieler keine Symptome gezeigt hatte beziehungsweise nach leichten Symptomen nach zehn Tagen wieder symptomfrei ist und die je nach Erkrankungsgrad unterschiedlich umfangreichen Untersuchungen mit unbedenklichen Ergebnissen abgeschlossen hat. Im Fall von schwereren Verläufen, Lungenentzündungen oder noch Schlimmerem wie in Mösers Fall wird die Pause entsprechend verlängert.

Innerhalb des „Return-to-Play-Programms“ ist vorgesehen, dass die Sportler während der Isolation überhaupt keinen Sport treiben (Stufe 1). Anschließend beginnen sie bei Symptomfreiheit und nach den oben erwähnten Tests mit einer mindestes zweitägigen Phase „leichter Aktivität“ (Stufe 2), bei der die maximal eine Viertelstunde währende Belastung aber unterhalb von 70 Prozent der Herzfrequenz gehalten werden muss. Treten keine Rückfälle auf, wird die Belastung im Ein- bis Zwei-Tage-Rhythmus langsam, aber stetig gesteigert. Bei Stufe 6 ist die Wettbewerbsfähigkeit wieder erreicht.

Vorgeschlagene Untersuchungen

Zu den – je nach Schwere der Erkrankung – empfohlenen medizinischen Untersuchungen gehören Ruhe- und Belastungs-EKGs, Ultraschalluntersuchungen des Herzens, Lungenfunktionstests, Computertomographie des Brustkorbs/der Lunge sowie Labortests mit Blut- und Urin-Untersuchungen.

Das Ziel der DEL mit der neuen Richtlinie, die in Kooperation mit Kardiologen erstellt worden sei, ist laut von Ameln: „Dass wir möglichst einheitlich vorgehen können und sich unsere 14 Klubs dementsprechend verhalten können. Besonders die kommende Spielzeit wird uns diesbezüglich sehr viel abverlangen.“

„Der Spieler entscheidet“

Trotzdem handelt es sich nur um eine Empfehlung, wie Gänsslen sagte. „Am Ende ist es die Entscheidung des Spielers. Ich als Arzt muss ihm aber erklären, dass er sich gefährdet, wenn er sich anders entscheidet als ärztlich empfohlen“, erklärte der Grizzlys-Mannschaftsarzt.

Dass sich Klubverantwortliche über die Empfehlungen hinwegsetzen und ihre Spieler zu früh wieder einsetzen, denkt Charly Fliegauf jedoch nicht. „Seit ich in Wolfsburg bin, hatten wir diesbezüglich noch nie ein Problem. Wir entscheiden im Kollektiv im Sinne des Spielers. Eishockeyspieler sind keine wehleidigen Sportler. Deshalb muss man aufpassen, dass sie nicht zu früh wieder anfangen. Aber ich sehe in der Frage eine Solidarität in der Liga“, sagte der Grizzlys-Manager.

DEL: Klubs verantwortungsbewusst

DEL-Spielbetriebsleiter von Ameln sieht ebenfalls keine Anzeichen für leichtfertige Handlungen der Klubs und verwies dabei auf die Erfahrungen mit der Kampagne „Schütz’ Deinen Kopf“, deren Mitinitiator ebenfalls Gänsslen ist. Mit dem Programm haben Mediziner auf Gehirnerschütterungen im Sport aufmerksam gemacht und Konzepte für die Reha-Phase erstellt, um Folgeschäden durch zu kurze Genesungsphasen zu verhindern. Mittlerweile sei das Verantwortungsbewusstsein der Klubs für die Gesundheit ihrer Spieler gestiegen. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagte von Ameln.

Für gänzlich unverantwortlich hält Gänsslen Profisport in Corona-Zeiten trotz teilweise noch unbekannter gesundheitlicher Folgen nach Infektionen nicht, wie er auf Journalisten-Nachfrage betonte. „Ein Spielbetrieb ist verantwortlich, zumal wir Eingangsuntersuchungen haben. Außerdem ist Covid-19 zunächst einmal auch nur ein Virus, der das Herz angreifen kann. Wir wissen nur noch nicht soviel darüber wie über andere Viren.“

„Leuten die Augen öffnen“

Deshalb war Möser auch sofort bereit, seinen Fall öffentlich zu machen und auf die Weise zur Sensibilisierung des Themas beizutragen. „Ich möchte den Leuten die Augen öffnen. Auch jüngere Menschen können betroffen sein.“ Und die merken es möglicherweise gar nicht. „Ich fühlte mich nach der Quarantäne nicht schlapp und war bereit zu trainieren. Ich hatte Glück, dass die Herzmuskelentzündung bei mir festgestellt wurde.“ Ansonsten hätte bei Belastung sogar der plötzliche Herztod gedroht. Laut Gänsslen ist die im lateinischen Fachjargon Myokarditis genannte Erkrankung „für Hochleistungssportler der Risikofaktor“ dafür.

Den hält Möser vorerst so klein wie möglich. „Ich trage zurzeit 24 Stunden am Tag eine Pulsuhr, um meinen Herzschlag zu kontrollieren. Sportliche Aktivitäten sind mir verboten. „Zum Glück ist das Wetter zurzeit schön und der Wald direkt vor meiner Wohnungstür, um ein bisschen spazieren zu gehen. Aber eigentlich ist es eher nur ein Frische-Luft-Schnappen“, erzählte er.

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