Braunschweigs Vereinswirte müssen umdenken

Braunschweig.  In Rautheim hat die Sportplatz-Gaststätte einen Lieferservice integriert. Andere Vereine hadern – auch wegen der Corona-Pandemie.

Levent Özasan (Mitte), geht mit einem integrierten Bringdienst im Rautheimer Vereinsheim neue Wege. FC-Vorsitzender Jörg Witt (links) und Vorstandsmitglied Helge Ahlborn (rechts) freuen sich darüber. 

Levent Özasan (Mitte), geht mit einem integrierten Bringdienst im Rautheimer Vereinsheim neue Wege. FC-Vorsitzender Jörg Witt (links) und Vorstandsmitglied Helge Ahlborn (rechts) freuen sich darüber. 

Foto: Henning Thobaben

Es gibt ihn einfach, den falschen Zeitpunkt im Leben. Als Levent Özasan im Winter als Pächter in das Vereinsheim des FC Rautheim einzog, war er voller Tatendrang. Doch dann kamen die Rückschläge: Ab Mitte März war die Sportanlage durch den Lockdown wie leer gefegt. Und dann brachen Unbekannte im Sommer auch noch die Tür der Gaststätte auf, die Versicherung zahlte nur einen Teil des Schadens. Doch jetzt ist der 35-Jährige mit seiner „Burgerbox“ voll auf der Spur. Öcasan macht mit seinem Lokal mit integriertem Bringdienst vor, wie Sportgaststätten in Zukunft überlebensfähig sind.

Gelitten haben die Pächter auf den Anlagen vor allem seit März. Aber die Probleme brachte nicht erst das Virus. Praktisch jeder Verein, jeder Trainer einer Mannschaft, kann ein Lied davon singen: Nach dem Training springen die Spieler oft schnell unter die Dusche. Kurzes Abklatschen mit den Kameraden – und ab nach Hause. Auch in Rautheim ist der gesellschaftliche Trend nicht zu übersehen. „Viele wollen lieber zu Hause auf der Konsole zocken oder zu ihrer Familie. Weil viele mit dem Auto kommen, gibt es hier höchstens noch eine Cola. Manche fahren danach auch lieber in die Stadt“, sagt Vereinsvorsitzender Jörg Witt. Nach Training oder Spiel mit den Mannschaftskameraden lange zusammensitzen, trinken, quatschen und die Spiele von anderen Teams auf der Anlage verfolgen – das ist mittlerweile eher die Ausnahme.

Viele Klubs sind froh, wenn sie ihre Gaststätte verpachten und dadurch Pachteinnahmen erzielen können. Außerdem lassen sich Besucher leichter zu den Spielen locken, wenn Bratwurst und Bier locken. Manche Vereine ohne Pächter oder Vereinsgaststätte auf dem eigenen Gelände suchen sich stattdessen Ehrenamtliche, die sich an den Grill stellen oder Flaschen aus Kisten herausgeben. Doch einfacher und gemütlicher ist’s mit Gaststätte und Wirt. Nur: Vom Spielbetrieb alleine kann kaum noch ein Pächter leben.

Deshalb ist es wichtig, größere Kundenkreise zu erschließen – weswegen Levent Özasans Ansatz mit Imbiss und Bringdienst sinnvoll erscheint. Die gleiche Kombination unterhielt er schon in einem Gebäude nicht weit entfernt vom Sportplatz. Um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen, ist er mit dem Betrieb in den Lindenberg umgezogen. In Rautheim bietet er Burger in sämtlichen Variationen an, dazu Grill- und Nudelgerichte sowie Klassiker wie Currywurst, Schnitzel und Pommes. Mit seinem Sky-Angebot will der Gastronom Eintracht-Fans zu den Zweitligaübertragungen locken. Durch ein neues Darts-Angebot wird sich in Rautheim vielleicht sogar eine eigene Abteilung für den Wurfsport gründen. Auch Spielautomaten hat Özasan aufgestellt. „Das lief nicht ohne Kritik ab. Aber anders ist es eben nicht möglich“, meint Vorstandsmitglied Helge Ahlborn.

Pächter mit so viel Engagement und neuen Ideen dürften sich auch viele andere Klubs wünschen. Viele sind mit herkömmlichen Konzepten gescheitert. Laut Stadt gibt es auf nur 4 von 18 von der Stadt verwalteten und betriebenen Sportanlagen einen Pächter für die Vereinsgastronomie. Lediglich in Einzelfällen klappt es mit der Konzentration auf das eigentliche Kerngeschäft, den Trainings- und Spielbetrieb. In Lehndorf etwa, wo der TSV-Pächter bereits im dritten Jahr am Werk ist.

Immer öfter aber wird die Verpachtung zu einem munteren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. So zum Beispiel beim TV Mascherode, bei dem die Pächter in den vergangenen Jahren kamen und gingen. „Versprochen wurde immer viel, gehalten wenig“, berichtet Schatzmeisterin Vera von Ohlen. Weil viele Menschen im Wald rund um die Sportanlage unterwegs seien, habe der Verein einst einen Biergarten errichtet, um Besucher von außen anzulocken. „Aber die Angebote müssen dann auch beworben werden“, sagt von Ohlen.

In Rautheim ist das alles längst geschehen, die Burger-Idee kommt an. Und trotzdem freut sich Levent Özasan, dass auch auf der FC-Anlage der Ball rollt. Die erste Mannschaft wird traditionell von vielen Besuchern unterstützt. Und die sind nicht nur hungrig auf Siege.

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