Verzicht, Vernunft, Vorsicht und Verantwortung

Salzgitter.  Der KSB-Vorsitzende Clemens Löcke vertraut in der Corona-Krise weiter auf die Kreativität der Vereine und denkt schon an das Jahr 2022.

Bilder wiederholen sich: Bereits im März musste KSB-Vorsitzender Clemens Löcke vor einem gesperrten Sportplatz posieren. Die Gefahr eines erneuten Sport-Lockdowns ist derzeit sehr hoch.

Bilder wiederholen sich: Bereits im März musste KSB-Vorsitzender Clemens Löcke vor einem gesperrten Sportplatz posieren. Die Gefahr eines erneuten Sport-Lockdowns ist derzeit sehr hoch.

Foto: ksb

Steigende Infektionszahlen, Spielabsagen und Saisonverschiebungen – die Corona-Pandemie hat auch das sportliche Geschehen seit dem Herbstanfang wieder voll im Griff. Salzgitter zählt derzeit mit Inzidenzwerten weit jenseits der kritischen 50 Infizierten pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen zu einem sogenannten Corona-Hotspot. Erste Verbände haben bereits am Dienstag reagiert. So haben sowohl die Handballer der Region Süd-Ost Niedersachsen als auch die Basketballer den Spielbetrieb bis zum 30. November mit sofortiger Wirkung eingestellt. Nicht ausgeschlossen, dass weitere Absagen im Laufe der Woche folgen. Mit Spannung wird auch im Sport das Bund-Länder-Treffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch in Berlin erwartet, bei dem neue Maßnahmen folgen dürften. Auch Clemens Löcke, Vorsitzender des Kreissportbundes Salzgitter (KSB), verfolgt die Gespräche der Politik sehr aufmerksam. Mit ihm hat Lokalsportredakteur Michael Hahn über die aktuelle Situation gesprochen.

Herr Löcke, in Salzgitter ist der kritische Inzidenzwert von 50 Infizierten pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche weit überschritten. Private Feiern sind stark eingeschränkt, der Sport findet jedoch weiterhin statt. Wie passt das zusammen?

Für mich gilt aktuell das Gesetzt der vier großen „V“ – Verzicht, Vernunft, Verantwortung und Vorsicht. Deshalb müssen wir derzeit die feiern, die nicht feiern – sprich: ihre sozialen Kontakte weitestgehend herunterfahren und auf sie verzichten. Dabei gibt es für mich einen Unterschied zwischen der Familie und dem sozialen Leben im Sportverein. Seit dem ersten Lockdown im März und April sind viele alte Leute vereinsamt und viele junge Menschen sportlich sehr inaktiv geworden. Dem müssen wir als Sportvereine in Salzgitter entgegenwirken und wieder kreativ werden, was die Trainings- und Spielgestaltung unter den Hygiene- und Kontaktauflagen angeht. Dabei haben die Verantwortlichen in den Vereinen eine große Verantwortung und eine wesentlich schwerere Aufgabe als im Frühjahr, da in der kalten Jahreszeit der Sport an der frischen Luft größtenteils als Alternative wegfällt. Gleichzeitig braucht es die Vernunft der Sporttreibenden, die aktuellen Regeln einzuhalten. Eines steht für mich nach wie vor fest: Nicht die Profiklubs sind systemrelevant, sondern wir – der Breitensport. Deshalb sehe ich den Sport als ein sehr wichtiges soziales Element an, dass es so lange wie möglich zu schützen gilt.

Wie gehen die Vereine in Salzgitter mit den derzeit rasant steigenden Corona-Zahlen um?

Die Bandbreite ist sehr groß. Es gibt Vereine, die haben den Betrieb vorerst komplett eingestellt. Die große Mehrheit trainiert jedoch unter gut erarbeiteten Hygienekonzepten weiter. Dabei gilt es immer die Vorsicht walten zu lassen.

Sehen Sie die Vereine bei einem zweiten Sport-Lockdown in Gefahr?

Es gibt Sportvereine, die ihre Existenz bei einem zweiten Sport-Lockdown gefährdet sehen. Allerdings betrifft das die Vereine in Salzgitter nicht. Der Sport in Salzgitter stützt sich auf das Ehrenamt und das ist gegen das Virus größtenteils immun. Clubs, die hauptamtlich Tätige beschäftigten, haben größere Probleme. Wichtig ist, dass die Mitglieder wie schon in der ersten Corona-Welle im Frühjahr ihren Vereinen treu bleiben. Das hat in der ersten Jahreshälfte hervorragend funktioniert und ich appelliere nun wieder an alle Sportlerinnen und Sportler, ihren Vereinen nicht den Rücken zu kehren. Denn wenn ein Impfstoff gefunden ist und das soziale Leben wieder halbwegs normal läuft, wird die Sportlandschaft mehr denn je gebraucht. Denn die Sportvereine sind die sozialen Tankstellen unserer Gesellschaft.

Wie sieht Ihre Prognose für das kommende Sportjahr aus?

Wir hatten bis jetzt keine Austrittswelle in den Vereinen Salzgitters, zumindest wurde noch nichts an mich herangetragen. Doch das große Problem sind die fehlenden Eintritte in den vergangenen und kommenden Monaten. Auch hier müssen die Vereinsverantwortlichen kreativ werden und versuchen, Mitglieder zu akquirieren, obwohl der Sportalltag kein normaler ist. Mein Blick geht allerdings noch einen Schritt weiter.

Wohin genau?

In das Jahr 2022. Denn ich hoffe, dass wir dann durch sind mit dem Corona-Virus beziehungsweise es im Griff haben. Dann werden wir sehen, wer die Krise überstanden hat und wer nicht. Dann wird es auf politischer Ebene darum gehen, wo Mittel eingespart werden können, um den enormen finanziellen Aufwand, den man betrieben hat, wieder auszugleichen. Dann müssen wir als Sportgemeinschaft vorbereitet sein. Das heißt, wir müssen frühzeitig mit der Politik in Gespräche gehen, um gemeinsam gute Lösungen zu finden, dass der Sport am Ende nicht zu den großen Verlierern der Krise gehört.

Zu den Verlierern gehören in diesem Jahr sicherlich die Großveranstaltungen – unter der Woche wurde bekannt, dass der Silvesterlauf rund um den Salzgittersee nicht stattfinden wird. Wie sehr trifft Sie diese Nachricht?

Sie trifft mich sehr. Ich bin seit über 30 Jahren in verschiedenen Funktionen am Silvesterlauf beteiligt und ich leide mit den Veranstaltern und Organisatoren. Vor einigen Jahren mussten wir den Lauf wegen eines Schneesturms absagen. Das tat auch weh und die Sorge war, ob man nach einem Jahr Pause wieder in Tritt kommt und die Teilnehmer wieder motivieren kann. Wir haben es damals geschafft und ich bin mir sicher, dass das Organisationsteam es auch 2021 schaffen wird. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass nicht nur die 1300 Läuferinnen und Läufer, sondern auch die vielen tausend Zuschauer am Silvesternachmittag kurz an den Lauf denken und einen symbolischen Start vollziehen werden, bevor sie ihre Feierlichkeiten zum Jahreswechsel beginnen.

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