Wolfenbüttels Ex-Olympioniken finden Verschiebung richtig

Wolfenbüttel.  Jürgen Wohlers und Hans-Jörg Meyer fühlen aber auch mit jenen Sportlern, deren Vorbereitungen für das Großereignis jetzt abrupt beendet sind.

Hans-Jörg Meyer packte hier 2008 seinen Waffenkoffer für die Sommerspiele in Peking. Noch dabei: Die Luftmatratze für harte Betten und ein Glückstuch mit der Aufschrift „Zielsicher“.

Hans-Jörg Meyer packte hier 2008 seinen Waffenkoffer für die Sommerspiele in Peking. Noch dabei: Die Luftmatratze für harte Betten und ein Glückstuch mit der Aufschrift „Zielsicher“.

Foto: Agentur Hübner

Die Olympischen Spiele in Tokio, die im Juni hätten starten sollen, sind wegen der Corona-Pandemie auf das kommende Jahr verschoben worden. Auch die früheren Wolfenbütteler Olympioniken Jürgen Wohlers und Hans-Jörg Meyer begrüßen diese Entscheidung.

„Es ist die richtige Entscheidung und es ist gut, dass das jetzt frühzeitig bekannt ist. So können sich die Sportler darauf einstellen und müssen zum Beispiel keine Trainingslager mehr abhalten“, sagt Jürgen Wohlers. Der Basketballer hat die Mannschaft mit dem Bundesadler auf der Brust als Kapitän bei den Spielen 1972 in München vertreten.

Für die Sportler sei es einerseits gut, dass sie frühzeitig Bescheid wissen und nun Planungssicherheit haben. „Andererseits ist es natürlich immer schade, wenn man auf so ein Ereignis hin trainiert hat und es dann nicht stattfindet“, so Wohlers. Noch enttäuschender sei das seiner Meinung nach aber beim Boykott 1980 und 1984 gewesen. „Damals mussten die Sportler aus politischen Gründen auf Olympia verzichten“, erinnert die Wolfenbütteler Basketball-Legende.

Auch 1964 blieb zumindest die Basketball-Auswahl der DDR zuhause. „Damals wurden die Vertreter der Gesamt-Deutschen Olympia-Auswahl ermittelt. Wir mussten gegen die DDR ein Entscheidungsspiel austragen, das wir verloren haben“, erinnert sich Wohlers. Die ostdeutschen Basketballer wurden trotzdem nicht zu Olympia mitgenommen, weil ihre Siegeschancen gering waren. „Hätten wir das Entscheidungsspiel gewonnen, wären wir sicherlich mitgefahren, auch wenn wir ebenfalls keine Chance gehabt hätten“, so Wohlers.

1972 habe sich der 174-fache Nationalspieler kurz nach Bekanntwerden des Anschlags auf die Israelische Mannschaft für einen Abbruch der Spiele ausgesprochen. „Das ist wenige Hundert Meter von unserem Quartier entfernt passiert“, erzählt der Wolfenbütteler. Schon einige Stunden später habe er allerdings gesagt: „Es muss dennoch weitergehen.“ Er betont aber: „Diesmal geht es um die Gesundheit aller. Da ist es ganz klar, dass die Spiele nicht stattfinden können.“

Auch Hans-Jörg Meyer hält die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees für richtig und nennt den olympischen Gedanken als Hauptgrund: Es gehe um den Zusammenhalt. „Vor allem im olympischen Dorf. Das lässt sich nicht so einfach trennen“, sagt der Wolfenbütteler Pistolen-Schütze. „Es ist schon etwas Besonderes, wenn du mit dem Bundesadler auf der Brust losgehst. Wir wurden damals in Mainz eingekleidet und alle gemeinsam verabschiedet“, erinnert sich Meyer an das wohl schönste Jahr seiner gesamten Schießsport-Karriere mit der Teilnahme an den olympischen Spielen in Peking 2008.

Meyer war damals 34 Jahre alt. Der Sportler der SG Wolfenbüttel schoss zu der Zeit noch für den SB Broistedt in der Bundesliga. Auf dem Zenit seines Leistungsvermögens schoss er sich durch gute Ergebnisse bei EM, WM und Weltcups zum Traum eines jeden Sportlers. „2008 habe ich mich gefragt, wie lange ich wohl noch mithalten kann“, berichtet der Schütze. Heute könne es durchaus sein, dass einige Sportler ihre starken Leistungen des Jahres 2020 nicht bis 2021 aufrecht halten können. Nominiert werden die Sportler durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der dabei die „Quotenplätze“ auf die Empfehlungen der Fachverbände füllt. Vielleicht könnte das in einigen Sportarten und Disziplinen in 2021 ganz anders aussehen, fürchtet Meyer. „Was nächstes Jahr sein wird, das weiß man einfach nicht. Bei uns waren damals auch einige dabei, die schon älter als 35 waren. Für die zählt im Sport jedes einzelne Jahr“, weiß der heute 46-Jährige.

Über die gesamte Zeit der Spiele verweilte Meyer in Peking. „Andere hatten einen schlechten Wettkampf und sind dann gleich am nächsten Tag in den Flieger nach Hause gestiegen. Für mich kam das nicht in Frage“, erklärt Meyer. Er schaute sich viel an, verpasste aber leider eines der wichtigsten Events: Das Einlaufen der Teams ins Pekinger „Vogelnest“ am ersten Abend.

Meyer war bereits am nächsten Tag um 11 Uhr vormittags gefordert und hatte von seinem Verband eine frühe Bettzeit verordnet bekommen, um bei seinen ersten Schüssen fit zu sein. Sportlich lief es für den amtierenden Deutschen Meister mit der freien Pistole sehr ordentlich: In seiner Disziplin belegte er am 50-Meter-Stand unter 45 Teilnehmern den 13. Platz.

Er könne sich gut vorstellen, wie sich die für 2020 qualifizierten Athleten aktuell fühlen müssen. Für ihn gehören zu Olympia nicht nur die Wettkämpfe vor Ort, sondern die gesamte Vorbereitung. „Ein ganzes Jahr vor Peking wusste ich, dass das mein Ziel ist. Und ich wollte alles dafür machen“, erinnert sich Meyer.

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