Orientierungslauf – kleines gallisches Dorf trotzt dem Virus

Wolfsburg.  Es sind Sportler des TV Jahn Wolfsburg, die trotz der Corona-Krise ihren Sport weiter ausüben können. Ihre „Sportstätte“ ist nicht geschlossen.

In Skandinavien ist Orientierungslauf Volkssport. In den weiten Wäldern Norwegens, Finnlands oder hier Schwedens lässt es sich vortrefflich auf moderne und sportliche Schnitzeljagd gehen. Aber auch in Deutschland hat die Sportart ihre Anhänger.

In Skandinavien ist Orientierungslauf Volkssport. In den weiten Wäldern Norwegens, Finnlands oder hier Schwedens lässt es sich vortrefflich auf moderne und sportliche Schnitzeljagd gehen. Aber auch in Deutschland hat die Sportart ihre Anhänger.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Bildbyran

Der Sport liegt brach in Zeiten von Corona/Covid-19. Die Kontaktsperre und die aus dem Grund gesperrten Spiel- und Trainingsstätten verhindern selbst den Übungsbetrieb. Eine Sportart aber ist das kleine gallische Dorf, das dem Virus trotzt: der Orientierungslauf. Vernünftigerweise finden auch hier zwar keine Wettkämpfe statt. Aber wenn einzelne Orientierungsläufer ihren Sport in reduzierter Form ausüben, verstößt das gegen keine der derzeit geltenden Beschränkungen.

Thorsten Weigert ist einer der engagiertesten Wolfsburger Orientierungsläufer. Neben seinen Ämtern als Übungsleiter der Sparte beim TV Jahn und Lehrwart des beim Niedersächsischen Turner-Bund angesiedelten Landesfachausschusses Orientierungslauf ist er auch begeisterter Aktiver. 2019 gewann er die niedersächsische Landesrangliste Herren (H) 35. Er sagt: „Ja, wir haben weiterhin die Möglichkeit, Orientierungsläufe zu machen.“

Allerdings nicht als Wettkampf. Selbstverständlich hat die Verbandsspitze – wie in allen anderen Sportarten – alle Veranstaltungen abgesagt. Und auch das Vereinstraining findet nicht statt. Doch die ausdrückliche Erlaubnis, individuell draußen in der Natur Sport zu treiben, kommt Weigert und einigen seiner Vereinskollegen entgegen. „Wir treffen uns nicht und haben auch sonst mit niemandem Kontakt, trotzdem kommt man nicht ganz aus der Übung“, sagt er.

Als Weigert das erzählt, zögert er einen Moment. Grund: „Wir wollen auch kein schlechtes Vorbild sein in der aktuellen Lage.“ Aber tatsächlich ist der Orientierungsläufer zumindest auf den langen und mittleren Distanzen durch den Wald mit Kompass und Karte ganz auf sich allein gestellt. Im Flachland beträgt eine Wettkampfstrecke Luftlinie 12 bis 14 Kilometer. „Der direkte Weg ist nicht immer der schnellste. Deshalb ist die tatsächliche Laufstrecke meist 20 Prozent länger.“

Der Reiz der Sportart liegt für Weigert in der Kombination von „Bewegung in der freien Natur und schnell zu treffenden Entscheidungen unter hoher körperlicher Belastung“. Im Unterschied zu reinen Lauf-Sportarten ist Kondition nicht alles. Es komme auch aufs Lesen der Karte und aufs Navigieren an. „Für die Wald-Disziplinen sollte man schon eine gewisse Fitness mitbringen, drei Viertel macht hier das Laufen schon aus. Aber bei den Sprintdisziplinen liegt die Dichte der Orientierungsentscheidungen deutlich höher.“

Auf die Weise eignet sich Orientierungslauf für alle Leistungs- und Altersklassen. Wolfsburgs Aushängeschild ist Birgitt Michel (Jahrgang 1944), die „Grande Dame“ des TV Jahn, wie Weigert seine Vereinskameradin nennt. In der Altersklasse Frauen 75 führte sie 2019 sogar die Bundesrangliste an und nahm auch bereits an Weltmeisterschaften teil. „Birgitt ist die mit Abstand erfolgreichste Orientierungsläuferin unserer Stadt“, lobt der Jahn-Abteilungsleiter stolz.

Wolfsburg als kleine Hochburg des Orientierungslaufs

Aber auch die Erfolge der Familie Weigert können sich sehen lassen. Die Töchter Jule (Altersklasse D12) und Anna (D14) sowie Ehefrau Claudia (D35) waren im vergangenen Jahr ebenfalls top in Niedersachsen. Überhaupt ist der TV Jahn mit seinen 26 Aktiven eine kleine Orientierungslauf-Hochburg. Marco Urzua-Wöhrer (H14/1. Platz), Sandra Wöhrer (D40/2.), Erik Urzua-Wöhrer (H12/2.), Sven-Guido Schulze (H14/2.) und Paulo Urzua Torres (H40/2.) belegten auch Top-3-Plätze in der Landesrangliste.

Ein Wettkampf sieht wie folgt aus: Am Start erhalten die Teilnehmer eine Spezialkarte, die noch deutlich detaillierter ist als die übliche und als Messtischblatt bekannte topographische Karte. Darauf ist die Strecke verzeichnet, auf der in regelmäßigen Abständen die Standorte sogenannter Posten folgen. Jeder von diesen muss angelaufen werden. Der Chip, den jeder Teilnehmer bei sich trägt, wird an diesen Posten elektronisch registriert, um zu kontrollieren, ob die Läufer alle Stationen (in der richtigen Reihenfolge) absolviert haben.

In Wolfsburg hätte eigentlich demnächst ein großer Wettbewerb stattfinden sollen. „Am 26. April hätten wir die Landesmeisterschaften im Sprint-Orientierungslauf ausrichten sollen. Dafür war schon eine Strecke ohne Waldanteile im Stadtteil Detmerode in Absprache mit Ordnungsamt und Grünflächenamt ausgewählt worden.“ Corona machte einen Strich durch die Rechnung. So werden Wolfsburgs Orientierungsläufer vorerst weiter nur für sich zum Training zügig durch die heimischen Wälder streifen und ihre sportliche „Schnitzeljagd“ veranstalten.

Naturschutz und Sicherheit sind oberste Gebote

Dabei achten Weigert und Co. aber auch auf den Natur- und Umweltschutz. „Sensible und artenreiche Bereiche wie Naturschutz- und Feuchtgebiete zum Beispiel sind selbstverständlich tabu“, erklärt er. Auch in der Setz-, Brut- und Aufzuchtzeit (1. April bis 15. Juli) der Waldtiere gelten besondere Regeln. „Oft finden Wettkämpfe von vornherein nur in artenarmen Nutzwäldern statt. Die Veranstalter halten sich an die Vorgaben der örtlichen Revierförster.“ Auch werde bei der Festlegung von Strecken genau darauf geachtet, dass diese nicht zu nah an stark befahrenen Straßen verlaufen, falls doch einmal Wild aufgeschreckt werden sollte.

Wer Lust bekommen haben sollte, sich selbst einmal im Orientierungslauf zu versuchen, den ermutigt Weigert. Zumal die Ausrüstung für Anfänger erschwinglich ist. „Die Karte gibt es vom Veranstalter, der Preis für einen Daumen- oder Plattenkompass beginnt bei 15 Euro, statt der speziellen Laufschuhe tun es zu Beginn auch Mulitnockenschuhe, wie sie im Fußball zum Einsatz kommen. Eine lange Sporthose und ein nicht zu enges Lauf-Shirt reichen aus“, sagt der Jahn-Abteilungsleiter. Den Chip könne man sich anfangs beim Verein leihen.

Doch vorerst verhindert noch Corona einen geregelten Trainingsbetrieb, der winters in der Halle stattfindet und zu dem dann auch Theorie im Kartenlesen zählt. Schließlich verrät so manche unscheinbare Höhenlinie, dass ein Umweg zeitlich durchaus lohnt. Sobald das normale Leben nach hoffentlich bald überstandener Corona-Pandemie wieder Einzug hält, werden die Jahn-Orientierungsläufer Neuzugänge gern in ihren Reihen begrüßen.

Erst einmal aber muss der NTB-Landesfachausschuss Orientierungslauf mit seinem Lehrwart Weigert nach Ablauf der Kontaktsperre entscheiden, wann, wie und ob es überhaupt mit dem Wettkampfjahr 2020 weitergeht. Bis dahin bleibt nur, aber im Vergleich zu den meisten anderen Sportarten immerhin, individuelles Training.

Das wird Weigert gern absolvieren. Trotzdem gibt er zu: „Man macht es ein bisschen mit einem schlechten Gewissen, obwohl trotz Corona rational nichts dagegen spricht, einen Orientierungslauf zu machen. Ich bin froh, dass wir nur eine Kontakt-, keine Ausgangssperre haben.“ So kann das kleine gallische Dorf dem Virus weiter trotzen.

Orientierungslaufhistorie:

Orientierungslauf (OL) ist heutzutage eine von vier Orientierungssportarten neben Mountainbike-, Präzisions-Orientierung und Ski-Orientierungslauf. Der OL ist in vier Distanzen unterteilt: mittlere, lange und ultralange sowie Sprint.

Seine Ursprünge hat der OL laut Wikipedia in der wehrsportlichen Erziehung der Jugend und wird als solche bereits vom deutschen Pädagogen und Turn-Mitbegründer Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759 bis 1839) in dessen Turnbuch „Söhne des Vaterlandes“ (1817) vorgeschlagen. OL firmiert Mitte des 19. Jahrhunderts in Nordeuropa unter dem Begriff „Spähungsübungen“ und gilt als Verbindung zwischen Sport und Orientierung.

Vor allem in Skandinavien , von wo auch die im Winterpraktizierte Ski-Variante stammt, ist OL populär. 1897 gab es in Norwegen erste Wettkämpfe. In Schweden wurde OL bereits vor dem 2. Weltkrieg sogar zum schulischen Pflichtfach erklärt.

Seit 1963 finden deutsche Meisterschaften statt. 1977 erkannte das Internationale Olympische Komitee OL an. Seit 1986 veranstaltet der Weltverband IOF offiziell Welt-Cups und hat mittlerweile 79 Mitgliedsnationen. 1994 kam erstmals ein elektronisches Postenkontrollsystem zum Einsatz.

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