Wolfsburgs Sportlerin des Jahres: Schiefers langer Weg

Wolfsburg.  Rollkunstlauf-Ass des TV Jahn ist fast fünf Jahre zwei Stunden täglich zum Training gependelt. Dann zog die Familie ihretwegen nach Wolfsburg.

 Wolfsburgs Sportlerin des Jahres Anne Sophie Schiefer ist fürs Rollkunstlaufen fünf Jahre lang fast täglich gependelt, ehe ihre Familie dem Sport zuliebe ganz von Haldensleben nach Wolfsburg zog.

Wolfsburgs Sportlerin des Jahres Anne Sophie Schiefer ist fürs Rollkunstlaufen fünf Jahre lang fast täglich gependelt, ehe ihre Familie dem Sport zuliebe ganz von Haldensleben nach Wolfsburg zog.

Foto: privat / oh

Mit Anne Sophie Schiefer wurde erstmals eine Rollkunstläuferin Sportlerin des Jahres in Wolfsburg. Mit großem Abstand votierten die Bürgerinnen und Bürger online für das Toptalent des TV Jahn. Dass die 16-Jährige überhaupt in Wolfsburg lebt, war nicht unbedingt maßgeblich für diese Auszeichnung. Die Geschichte dazu ist aber durchaus kurios. Bis zur Kür hatte sie einen langen Weg hinter sich. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn eigentlich stammt Schiefer aus Haldensleben in Sachsen-Anhalt, wo sie 2009 auch mit dem Rollkunstlauf begonnen hatte. Doch beim dort ansässigen HRV waren die Möglichkeiten, ihren Sport mehr als nur als Hobby auszuüben, begrenzt. Und Schiefers Talent war schon früh zu sehen. So schaute sich die Familie nach Alternativen für die Tochter um – und wurde etwa eine Autostunde entfernt bei dem Klub vom Klieversberg fündig.

75 Kilometer zum Training und zurück

2011 begann das Pendeln, Vater Arnold Schiefer übernahm die meisten Fahrten – 75 Kilometer hin und nach dem Training wieder zurück. Und das ganze bis zu siebenmal in der Woche. Keine Selbstverständlichkeit, wie auch Anne weiß: „Ich kann mich mehr als glücklich schätzen, dass meine Eltern mir das ermöglicht haben“, sagt sie. Mehr als vier Jahre ging das so. „Hausaufgaben habe ich eigentlich immer im Auto gemacht“, erzählt das Jahn-Talent und fügt schmunzelnd hinzu: „Meine Geometrieaufgaben sahen dann dementsprechend aus...“

Die Pendelei, sie konnte irgendwann nicht mehr weitergehen. Erst recht nicht, als der Familienrat tagte und sich vor Augen führte, welche Kosten da aufgelaufen sind. Als dann auch noch die Kinderklinik in Haldensleben schloss, an der Mutter Suzanne Knauer-Schiefer als Ärztin arbeitete, fasste die Familie einen Entschluss. Für Wolfsburg, und vor allem für die sportliche Zukunft von Tochter Anne. „Und dann“, erzählt diese, „haben wir das einfach gemacht.“

Kaum Unterstützung für Rollkunstlauf

Geschichten wie diese mögen nicht komplett ungewöhnlich sein. Vor allem nicht in Sportarten, in denen Talente die Aussicht auf eine Profi-Laufbahn haben, die obendrein hoch vergütet sein kann. Im nicht-olympischen Rollkunstlauf ist das nicht denkbar. Nennenswerte Unterstützung gibt es allenfalls für Mitglieder des Nationalkaders. Schiefer gehört trotz ihrer zwei DM-Titel 2020 in Solotanz und Kür aber keinem an, was durchaus überraschend ist.

2016 zog die Familie schließlich aus dem Bördekreis an den Mittellandkanal. Die Mutter machte sich mit einer Praxis selbstständig, Anne wechselte aufs Ratsgymnasium und hat seitdem nur noch kurze Wege, um zum Training zu kommen. Die fast täglichen und langen Autofahrten vermisst sie nicht. Aktuell sind die Wege ganz kurz. Zum Sport geht’s nur noch in den Keller, denn wie fast alle Sportarten befindet sich der Rollkunstlauf im Lockdown. Ein paar Treppenstufen statt Stunden im Auto - auch das ist eine wenig befriedigende Situation.

Fitness über den Jahreswechsel erhalten

„Zu Weihnachten gab’s ein Laufband“, berichtet die 16-Jährige. Das ist fast täglich in Benutzung, auch ohne Rollkunstlauf-spezifisches Training will sie so ihre Fitness halten. Denn die ersten Wettkämpfe sind – zumindest wenn die Pandemie-Situation es zulässt – in Sicht. Für den 23./24. April ist die deutsche Meisterschaft im Solotanz geplant, für Schiefer gilt es hier, den ersten Titel zu verteidigen. Das Programm, das sie laufen will, steht. Das hatte sie mit den Jahn-Trainern schon vor der neuerlichen Schließung der Trainingshallen Anfang November entwickelt.

In diesem Jahr will sie in drei Varianten ihrer Sportart durchstarten. 2020 hatte sie in Solotanz und Kür die DM gewonnen, die nationalen Pflicht-Titelkämpfe waren wegen Corona ausgefallen. „Mein Ziel ist es, in allen drei Disziplinen gut zu sein, meine Leistungen aus dem vergangenen Jahr noch zu toppen“, sagt sie über ihre sportlichen Ziele für 2021. Wichtiger ist ihr aber etwas anderes: „Ich würde mir wünschen, dass wir wieder eine halbwegs normale Trainingsatmosphäre hätten.“ Der direkte Austausch fehlt auch hier. Damit der Kontakt nicht komplett abreißt, gibt es beim TV Jahn Patenschaften. Schiefer, die zu den Älteren zählt, gibt regelmäßig via Videochat Tipps an eine jüngere Vereinskollegin weiter.

Teilnahme an einer WM als Fernziel

Das Fernziel der 16-Jährigen ist die Teilnahme an einer WM oder an den World Roller Games, die etwa den gleichen Stellenwert wie eine Weltmeisterschaft haben. „Inwieweit das realistisch ist, weiß ich allerdings nicht“, gibt Wolfsburgs Sportlerin des Jahres ehrlich zu. Für Familie Schiefer war der Umzug von Haldensleben nach Wolfsburg aber auch ohne internationale Meriten die richtige Entscheidung.

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