Viel mehr als ein Endspiel

Wolfsburg  Rettung oder Relegation: Samstag geht’s für den VfL in Hamburg um die Zukunft.

Ziemlich genau vor zwei Jahren stand der VfL Wolfsburg letztmals in einem Endspiel. Das DFB-Pokalfinale gegen Dortmund, das der VfL verdient 3:1 gewann, war zugleich ein Höhe- als auch ein Wendepunkt der Vereinsgeschichte. Seit diesem historischen Erfolg, in dessen Folge die Macher viele entscheidende Fehler begangen haben, verläuft der Wolfsburger Weg nur noch in eine Richtung: bergab. Das Relegationsendspiel gegen den Hamburger SV heute (15.30 Uhr, Volkspark) markiert den negativen Höhepunkt dieser Entwicklung. Vom Himmel in die Hölle – und dann wieder zurück?

Wolfsburg braucht ein reinigendes Gewitter für die Zukunft. Das ist vielleicht der einzig gute Effekt dieser Saison, die viele Wunden geschlagen hat. Und bald kommt die Zeit, diese zu heilen – und zwar ohne Spätfolgen. Der Kader wird im Sommer viele neue Gesichter erhalten, auf den wichtigen Stühlen des Klubs hat sich mit den Abschieden von Klaus Allofs und Thomas Röttgermann schon einiges getan, doch wird das für den dringend benötigten Neuanfang kaum genügen. Der VfL muss sich zudem mit der Frage beschäftigen, wofür er stehen will in der Zukunft. Der Klub braucht eine Philosophie, eine klare Strategie, ein Leitbild in perspektivischen wie in finanziellen Fragen – und das sogar losgelöst vom Ausgang des heutigen Spiels.

In den Köpfen der Kicker spielt dieser bevorstehende Selbstreinigungsprozess in den Momenten vor der HSV-Partie keine Rolle. Zu recht. Für Mario Gomez, Luiz Gustavo, Josuha Guilavogui und Co. darf heute nichts mehr Aufmerksamkeit erhalten als der nächste Pass, der nächste Lauf oder der nächste Zweikampf. Die Verantwortlichen um Sportdirektor Olaf Rebbe und Trainer Andries Jonker vermitteln seit Tagen glaubhaft, dass ihre wankelmütige Mannschaft den Ernst der Lage erkannt habe. Mit dem Rücken zur Wand habe sie in dieser Saison schon mehrfach bewiesen, einen Ausweg finden zu können. „Gegen Ingolstadt, in Frankfurt“, sagt Rebbe, habe sein VfL auch schon unter enormem Druck gestanden. „Und wir haben beide Spiele gewonnen. Wir kennen die Situation und können mir ihr umgehen.“

Der 39 Jahre alte Sportdirektor sieht den größeren Druck ohnehin beim Gegner. Der HSV muss den VfL schlagen, um die Klasse zu halten. Den Wolfsburgern reicht ein Remis zur Rettung.

Klappt diese heute nicht, stehen zwei weitere Endspiele an – und zwar gegen den Nachbarn aus Braunschweig. Erst Hamburg, dann im Stadion an der Hamburger Straße? Ein Horrorszenario. Völlig egal, wer in dieser Woche in einer offiziellen Gesprächsrunde auf die möglichen Relegationspartien angesprochen wurde, das Wort „Eintracht“ fiel nie. Trainer, Sportdirektor, Spieler: Alle umschifften das Thema, das die Region elektrisieren würde. Und auch hier gilt: zu recht. „Denn unser Fokus liegt nur auf dem nächsten Spiel, nur auf dem HSV“, sagen Rebbe und Jonker unisono. Wobei der Trainer zumindest zugibt, „Augen und Ohren offenzuhalten“ – in alle Richtungen.

Das größte Plus des VfL bleibt die Unterstützung seiner Fans, die zwar nicht immer großen Zuspruch für ihre Quantität erfahren, dafür aber seit Monaten mit Qualität überzeugen. Gestern verabschiedeten mehr als 400 Wolfsburger ihr Team mit großen Emotionen, heute werden mehr als 6000 Grün-Weiße in Hamburg erwartet. Erst einmal überhaupt strömten so viele Anhänger ein fremdes Stadion. Vor knapp zwei Jahren in Berlin. Danach bejubelten alle zusammen den Endspielsieg. Heute auch?

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