Vier Gründe, warum der VfL Wolfsburg oben dranbleibt

Wolfsburg.  Form, Achse, Spirit, Personal: Der VfL Wolfsburg macht derzeit viel richtig. Doch es lauert auch eine Gefahr auf die Mannschaft.

Eine Jubeltraube: Maximilian Arnold und Joao Victor beglückwünschen Bartosz Bialek. Der 19 Jahre alte Pole hatte gerade das 5:3 für den VfL Wolfsburg gegen Werder Bremen erzielt: sein erstes Bundesliga-Tor. 

Eine Jubeltraube: Maximilian Arnold und Joao Victor beglückwünschen Bartosz Bialek. Der 19 Jahre alte Pole hatte gerade das 5:3 für den VfL Wolfsburg gegen Werder Bremen erzielt: sein erstes Bundesliga-Tor. 

Foto: Darius Simka / regios24

Gerade einmal sechs Wochen ist es her, da hatte der VfL Wolfsburg zwar einen respektablen Auftritt bei Borussia Mönchengladbach hingelegt, aber wieder nur unentschieden gespielt – 1:1. Mit vier Punkten aus den ersten vier Spielen dümpelte die Mannschaft von Trainer Oliver Glasner im unteren Drittel der Bundesliga herum. Einerseits ungeschlagen, andererseits ohne Sieg. Eine unbefriedigende Situation.

Nun, eineinhalb Monate später, sieht die grün-weiße Welt ganz anders aus. Ungeschlagen sind die Wolfsburger weiterhin, sie haben aus den jüngsten fünf Partien aber satte vier Siege geholt; zuletzt ein spektakuläres 5:3 gegen Werder Bremen, mit dem sie sich im oberen Tabellendrittel festsetzen. „Wir sind aktuell oben dabei“, sagt Sport-Geschäftsführer Jörg Schmadtke. Und Glasner meint: „Wir befinden uns in einer sehr positiven und angenehmen Phase.“ Diese soll noch anhalten. Warum der VfL oben dranbleiben wird, zeigt die Analyse.

Form : Vier Siege und ein Remis aus den jüngsten fünf Spielen – das ist eine bärenstarke Bilanz, nur der FC Bayern weist dieselbe auf. Zuletzt gab es für Glasners Team sogar drei Siege in Folge: erst gegen Hoffenheim (2:1), dann auf Schalke (2:0) und am Freitag gegen Bremen (5:3). „Die Mannschaft spielt mittlerweile auch nach vorne sehr ordentlich, und hinten haben wir eine gewisse Stabilität – das ist schön“, sagt Schmadtke.

Die drei Bremer Tore trüben die Bilanz zwar auf den ersten Blick. Doch bei der genauen Analyse wird klar, dass alle drei in die Kategorie „Gegner-Geschenk“ fallen. Erst patzte Maxence Lacroix, dann Jérôme Roussillon, dann John Anthony Brooks. Alles vermeidbar und nicht auf mannschaftstaktische Schwächen zurückzuführen.

Und der Angriff, seit geraumer Zeit schon ein Problemfeld Glasners, überzeugte über weite Strecken bereits gegen Hoffenheim sowie Schalke, zeigte sich aber erst gegen Bremen in Bestform. Ein herausragender Mittelstürmer mit Wout Weghorst, unterstützt vom konstant agilen Josip Brekalo, der seinerseits von einer höchst variablen Offensivreihe profitiert sowie von den unterstützenden Außenverteidigern Ridle Baku und Jérôme Roussillon. Die fußballerische Fortentwicklung ist unübersehbar.

Achse : „Jede Mannschaft“, sagt Schmadtke, „braucht eine stabile Achse. Davon lebt sie.“ Beim VfL ist diese mittlerweile äußerst gefestigt: Koen Casteels hat sich nach einem für seine Verhältnisse schwächeren ersten Halbjahr 2020 erholt und strahlt wieder Top-Qualität im Tor aus. Brooks lieferte gegen Bremen ein defensives Meisterstück ab – wäre da nicht sein Eigentor zum zwischenzeitlichen 3:3 gewesen. Dennoch: So stark wie derzeit war Brooks in Wolfsburg noch nie. Davor im zentralen Mittelfeld hat sich das Duett Xaver Schlager und Maximilian Arnold festgespielt. Der Österreicher führt das Gegenpressing an, sein Partner ist für den spielerischen Vortrag zuständig. Und ganz vorne trifft Weghorst – mittlerweile sogar regelmäßig per Kopf. Die Achse steht.

Spirit : Allein das Bremen-Spiel hielt drei Rückschläge für den VfL bereit. „Doch davon lassen wir uns nicht mehr zu Boden bringen“, sagt Marcel Schäfer. Der Sportdirektor, der das Ohr ganz nah an der Mannschaft hat, weiß, dass diese einen gefestigten Kern hat. Das zeigte sich nicht nur in dieser wilden Partie, sondern schon zweifach im noch jungen Saisonverlauf.

Zunächst war da das bittere Ausscheiden in der Europa-League-Quali bei AEK Athen, von dem sich die Spieler zwar verständlicherweise getroffen zeigten, aber nicht zu Boden bringen ließen. Sie blieben in der Bundesliga unbesiegt und arbeiteten sich schrittweise vorwärts.

Dann kam der Zwist zwischen Schmadtke und Glasner, den der Trainer vor der Hoffenheim-Partie in der Pressekonferenz in die Öffentlichkeit getragen hatte. Die Mannschaft jedoch zeigte sich davon unbeeindruckt und fertigte einen direkten Konkurrenten ums internationale Geschäft ab. Das Team hat den richtigen Geist. Das zeigt sich innerhalb solcher Partien wie gegen Bremen und beim Blick aufs Drumherum.

Personal : Gegen Bremen fehlten dem VfL nur Daniel Ginczek, Marin Pongracic, die aber schon wieder mit dem Team trainieren, und Josuha Guilavogui. Der Kapitän hat muskuläre Probleme und wird wohl noch brauchen, bis er wieder mitspielen kann. Aber: Der Rest ist fit. Glasner hat Optionen auf allen Positionen.

Ein weiterer Pluspunkt mit Blick auf die Gegner ist deren Vielbeschäftigung. Die Top 3 aus München, Dortmund und Leipzig sind noch in der Königsklasse vertreten, Mönchengladbach ebenfalls, Leverkusen versucht sich in der Europa League. Vollbeschäftigung im engen Fußballkalender, die der VfL nicht hat. War das Europapokal-Aus im September noch ein Stimmungskiller, kann es jetzt zum entscheidenden Positiv-Faktor werden. Denn Personalsorgen haben die Wolfsburger nicht – im Gegensatz zu all ihren Konkurrenten.

Darüber hinaus können sie unter der Woche Trainingseinheiten nutzen, um sich fußballerisch zu entwickeln. Nicht nur Coach Glasner sieht darin einen großen Vorteil. Denn er weiß: Wenn man unter Mehrfachbelastung hauptsächlich Physis und Frische der Spieler berücksichtigen muss, bleibt wenig Zeit fürs fußballerische Vorankommen. Das musste der VfL in der Vorsaison erfahren, die Konkurrenten bemerken es jetzt. Und in Wolfsburg spüren sie: Die Übungseinheiten machen uns besser.

Gefahren : Schmadtke wird vom Warner, den er zuletzt noch wegen der unbefriedigenden Auftritte und Ergebnisse geben musste, zum Mahner. „Jetzt lauern andere Gefahren als noch vor ein paar Wochen“, sagt er. „Jede Situation hat ihre eigenen Herausforderungen. Nun ist es wichtig, auf Spur sowie giftig und gallig zu bleiben und das nächste Spiel immer so anzugehen als wäre es das letzte. Ich habe“, sagt der Sportchef, „keine Bedenken bei unserer Mannschaft. Aber es verändert sich natürlich etwas.“

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