Coronavirus: So funktionieren die Antigen-Schnelltests

Berlin.  Antigen-Tests liefern ein Ergebnis in wenigen Minuten. Doch ihr Einsatz hat noch Grenzen. Wir zeigen, wie sie funktionieren.

AstraZeneca unterbricht Tests von Corona-Impfstoff

Der britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca hat vorläufig seine klinischen Tests eines Corona-Impfstoffs unterbrochen, weil es bei einem Probanden zu noch ungeklärten gesundheitlichen Problemen gekommen ist. Der Konzern will nun überprüfen, ob es sich um eine Nebenwirkung des potenziellen Wirkstoffs handelt.

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  • Von den Corona-Schnelltests versprechen sich viele Politiker und Forscher einen großen Nutzen
  • Doch die innerhalb wenigen Minuten ein Ergebnis anzeigenden Tests haben auch ihre Schwächen
  • Was muss man über die Antigentests wissen? Wie funktionieren sie?

Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), hat das Thema mit Bedeutung aufgeladen: Antigen-Tests, sagte er in einem Podcast des NDR, hätten das Potenzial, die Corona-Situation entscheidend zu verändern: „Darauf warten und hoffen sehr, sehr viele Leute.“ Mit dem Schweizer Unternehmen Roche hat der erste Pharma­riese angekündigt, noch in diesem Monat einen solchen Test, der in Minuten ein Ergebnis liefert, auf den europäischen Markt zu bringen. Das Produkt der Firma Nal von Minden aus Moers ist sogar schon zugelassen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie funktionieren dies Antigen-Tests?

Ein Antigen-Test weist in Abstrichproben aus Nase oder Rachen Proteine nach, die strukturell oder funktionell Bestandteile eines Krankheitserregers sind – in diesem Fall von Sars-CoV-2. Entsprechend gibt es eine Ja- oder Nein-Aussage: ob jemand akut infiziert ist oder nicht.

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Dieser Nachweis kann auf verschiedene Arten geschehen. Manchmal – etwa bei Nal von Minden – braucht es dafür ein kleines tragbares Lesegerät, manchmal – wie bei Roche – reicht ein Teststreifen aus Papier. Laut den Herstellern soll medizinisches Fachpersonal die Tests durchführen. Grund dafür ist der Abstrich im Nasen- oder Rachenraum. Wird er falsch ausgeführt, ist der Test wertlos.

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Antigen-Test: Was sind die Vor- und Nachteile?

Vorteil ist, dass das Testergebnis innerhalb von Minuten vorliegt. Die Proben können vor Ort genommen und ausgewertet werden. Das Verschicken in ein Labor entfällt, die Kosten sind deutlich geringer, die Kapazitäten können sehr schnell hochgefahren werden. Roche will im September 40 Millionen Tests produzieren, Nal van Minden 20 Millionen. Von den bisher verwendeten PCR-Tests sind in Deutschland aktuell nur etwa 1,1 Millionen pro Woche machbar.

Ein Nachteil der Antigen-Tests sind Zweifel an der Sensitivität. Je höher diese ist, desto sicherer erfasst der Test die Erkrankung. Hersteller Roche erklärt: „In zwei Studien mit 426 Proben ist eine Sensitivität von 96,52 Prozent erreicht worden.“ Das würde bedeuten, dass es bei etwa vier von 100 Tests ein falsches negatives Ergebnis gäbe. Die Firma Nal von Minden gibt für ihren Test eine höhere Sensitivität an: 97,56 Prozent.

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Keinen Zweifel gibt es daran: Antigen-Tests sind ungenauer als PCR-Tests. Diese finden sogar Reste des Virus, was auch von Nachteil sein kann. Weil Antigen-Tests eine bestimmte Viruslast brauchen, um anzuschlagen, haben sie eher das Potenzial, eine Aussage über die mögliche Ansteckungsgefahr zu treffen, die von einem getesteten Menschen ausgeht.

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Corona: Wie sicher sind die neuen Tests?

Die Tests sind Medizinprodukte. Sie müssen in Europa – anders als ein Medikament – kein behördliches Zulassungsverfahren, sondern ein Konformitätsbewertungsverfahren durchlaufen. Dabei muss der Hersteller nachweisen, dass sein Produkt sicher ist und die versprochenen technischen und medizinischen Leistungen erfüllt, so das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).

Hersteller können das Verfahren in Eigenregie durchführen und am Ende selbstständig eine CE-Kennzeichnung aufbringen. Ohne diese Kennzeichnung darf ein Medizinprodukt in Deutschland nur in befristeten Ausnahmen in den Verkehr gebracht werden.

Wie werden die Tests in Zukunft vertrieben? Und wer kann sie kaufen?

Apotheker dürfen keine Corona-Schnelltests an Endverbraucher abgeben“, teilt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände mit. Die Abgabe sei aufgrund von Verordnungen und Gesetzen nur an medizinische Fachkreise erlaubt. Will ein Hersteller dies umgehen, muss er eine Ausnahme beim Robert-Koch-Institut beantragen.

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„Wenn ein solcher Antrag bei uns eingeht, würden wir prüfen, ob die Voraussetzungen vorliegen“, sagt eine Sprecherin. Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche will seine Tests an Groß- und Fachhändler sowie Bund, Länder und Gemeinden verkaufen, wie eine Sprecherin erklärt.

Zu Preisen wollte sie sich nicht äußern. Der Geschäftsführer von Nal von Minden, Roland Meißner, wird da deutlicher: „Die genauen Kosten werden gerade kalkuliert, es wird aber nur ein einstelliger Eurobetrag sein“, sagt er. Ein PCR-Test kostet derzeit etwa 40 Euro.

Wie könnten Antigen-Tests in eine Teststrategie eingespeist werden?

Zunächst könnten Ärzte, Kliniken oder Altenheime Personal, Patienten, Besucher oder Angehörige regelmäßig testen, um Risikogruppen noch besser zu schützen. Darüber hinaus könnte der Test in der bevorstehenden Erkältungssaison helfen, um schneller die Ursachen von Symptomen abzuklären.

Langfristig gibt es bei Virologen auch die Vorstellung, dass die Tests von Privatpersonen durchgeführt werden können, etwa von Lehrern oder Eltern. So seien regelmäßige Tests von Schul- oder Kitakindern möglich, sagt Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt/Main. Entsprechende Studien seien in Vorbereitung. Würde dies gelingen, hätten Antigen-Tests das Potenzial, die Gefahr von Massenausbrüchen besser einhegen zu können.

Tests sind kein schnelles Allheilmittel

Ein schnelles Allheilmittel dürften die Tests aber nicht sein. Denn die rechtliche Lage ist komplex. Laut Gesetz kann in Deutschland nur eine Ärztin oder ein Arzt eine Infektion nachweisen. Und: Nicht nur die Erkrankung selbst, sondern auch der Corona-Verdacht ist meldepflichtig.

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„Auch nach einem positiven Antigen-Test sollten die entsprechenden Hygiene- und Isolationsregeln eingehalten werden“, sagt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Zudem sollte das Gesundheitsamt informiert werden – ein enormer logistischer Aufwand also.

Wie genau die Tests künftig angewendet werden sollen, sei offen. Im Austausch mit Experten, Forschung und Industrie werde die nationale Teststrategie derzeit überarbeitet, so der Ministeriumssprecher weiter. „In diesem Zusammenhang spielt auch der Einsatz von Antigen-Tests eine Rolle.“

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