Bringt uns die Corona-Impfung das normale Leben zurück?

Berlin.  Viele hoffen darauf, dass mit einem Corona-Impfstoff das normale Leben wieder Einzug hält. Doch wie wahrscheinlich ist dieses Szenario?

"Sicherheitsbedenken": Versuche mit Antikörper-Cocktail gestoppt

Der Konzern Eli Lilly unterbricht die dritte Testphase mit seinem Corona-Impfstoff ACTIV-3. Grund seien Sicherheitsbedenken. Sie kommen damit einer Empfehlung der Expertengruppe DSMB nach. Trump ist mit einem ähnlichen, noch nicht zugelassenen Wirkstoff behandelt worden.

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  • Auf der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Corona ruhen viele Hoffnungen. Mehrere Kandidaten sind in einem Rolling-Review-Verfahren, dass die Zulassung beschleunigen soll
  • Doch nach der Zulassung steht mit der Verteilung des Impfstoffs eine logistische Großaufgabe an
  • Bis genügend Menschen geimpft sind, um Herdenimmunität zu erreichen, kann es Jahre dauern

Es ist halb Zeitangabe, halb Beschwörungsformel: „Wenn der Impfstoff da ist ...“ Mit diesen Worten werden Pläne gemacht, Termine verschoben, Nerven beruhigt. Sie tragen die Hoffnung auf ein Ende der Abstands- und Hygieneregeln – auf eine Rückkehr zum Leben vor Corona.

Doch wie weit sind wir noch von einem Impfstoff entfernt? Und was wird, wenn er kommt? Unsere Redaktion beantwortet die wichtigsten Fragen.

Welche Impfstoffkandidaten sind am weitesten?

Die Weltgesundheitsorganisation listet mit Stand 15. Oktober mehr als 40 Impfstoffprojekte auf, die bereits mit Freiwilligen getestet werden – zehn von ihnen durchlaufen derzeit die dritte und letzte klinische Studienphase vor einer möglichen Zulassung. Für drei der Impfstoffkandidaten haben die Entwickler im Rahmen des sogenannten Rolling-Review-Verfahrens eine Zulassung beantragt.

Dabei werden noch während der klinischen Studien kontinuierlich Daten an die Zulassungsbehörden geschickt, die diese bereits prüfen können. Auf diese Weise soll der Zulassungsprozess beschleunigt werden, ohne Sicherheitsrisiken einzugehen.

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Unter den drei Kandidaten sind auch die Impfstoffe des Mainzer Unternehmens Biontech und des US-Pharmariesen Pfizer. Anfang Oktober hatte die Europäische Arzneimittelbehörde EMA bestätigt, dass der Zulassungsprozess für den Wirkstoff BNT162b2 begonnen habe. Auch der Hoffnungsträger der britischen Universität Oxford und des Pharmaunternehmens AstraZeneca, AZD1222, befindet sich im Rolling-Review-Verfahren.

Für ein Zulassungsverfahren müssen Tausende, manchmal Zehntausende Seiten mit Daten begutachtet werden. Dafür hat die EMA, bei der die Anträge auf Zulassung eines Corona-Impfstoffs eingereicht werden, normalerweise 210 Tage Zeit. Bei den Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 kann das Verfahren jedoch auf 150 Tage verkürzt werden.

Wer wird zuerst geimpft?

Bis genug Menschen geimpft sind, um die Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung ausreichend zu verlangsamen, wird es dauern. Die ersten Dosen eines möglichen Impfstoffs sollen deshalb nach herrschender Meinung in Politik und Wissenschaft an zwei Gruppen gehen: Erstens an diejenigen, für die das Virus besonders gefährlich ist – also ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen, zweitens an medizinisches Personal. Doch auch mit dieser Eingrenzung muss innerhalb der Gruppen priorisiert werden. Nach welchen Kriterien das gehen soll, erarbeiten Vertreter der Nationalakademie Leopoldina, des Deutschen Ethikrats und der Ständigen Impfkommission (Stiko). Ergebnisse soll es Ende Oktober geben.

Bevor aber klar sei, welche Impfstoffe zugelassen werden, sei eine Reihenfolge innerhalb der Risikogruppen schwer festzulegen, mahnt Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. Da die Vakzine auf unterschiedlichen pharmakologischen Prinzipien beruhten, werde es welche geben, die etwa bei älteren Menschen nicht wirkten oder nicht so sicher seien wie andere. „Ich wäre dagegen, jetzt schon eine Subdifferenzierung in immer feinere Verästelungen vorzunehmen“, sagte Montgomery unserer Redaktion.

Offen ist bislang auch die rechtliche Grundlage der Verteilung. Eine Entscheidung von dieser Tragweite müsse gesetzlich geregelt werden, sagt Professor Josef Franz Lindner, Medizinrechtler an der Universität Augsburg. Nur so schaffe man Rechtssicherheit und Verbindlichkeit. Würde man eine Priorisierung gesetzlich festschreiben, so Lindner, hätten Ärzte auch eine plausible Grundlage, mit der sie im Falle einer Impfstoffknappheit gegenüber jenen Patienten argumentieren könnten, die nicht unter die Empfehlungen fallen. „Tut man das nicht, überlässt man allein den Ärzten die Verantwortung, wer eine Impfung erhält und wer nicht. Das wäre aus meiner Sicht verfassungsrechtlich problematisch.“

Lesen Sie hier: Biontech: Zulassungsverfahren für Corona-Impfstoff gestartet

Wie lange wird es dauern, bis alle geimpft sind?

Genau vorhersagen lässt sich das kaum, bevor sich herausgestellt hat, welchen Impfstoff es gibt und ab wann. Einen Anhaltspunkt liefert eine Rechnung, die Matthias Schrappe, ehemaliger Vizevorsitzender des Sachverständigenrats für Gesundheit, gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern aufgemacht hat. In einem Thesenpapier zur Corona-Pandemie haben die Autoren eine Modellrechnung aufgestellt.

Darin gehen sie von 60 Millionen Menschen aus, die geimpft werden müssten. „Wenn man es schaffen würde, pro Arbeitstag 60.000 Impfdosen zu verabreichen, würde man 1000 Arbeitstage brauchen, also etwa vier Jahre“, sagt Schrappe. „Das ist wahrscheinlich noch zu optimistisch.“ Impfprogramme in der Vergangenheit – wie etwa gegen Pocken oder Polio – hätten Jahrzehnte gedauert.

Wo wird geimpft?

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) denkt da groß: Geimpft werden solle am Anfang nicht in Arztpraxen, sondern in Impfzentren, und das seien „eher keine Turnhallen, sondern eher Messehallen“. Solche Zentren seien eine Möglichkeit, sagt auch Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. „Damit haben wir bei der Schweinegrippe gute Erfahrungen gemacht.“

In jedem Fall müssten die Gesundheitsämter mit im Boot sein, sagt sie – doch sie bräuchten personelle Unterstützung, wenn sie noch anderen Aufgaben nachkommen sollen. „Die Leute, die impfen, können nichts anderes machen“, erklärt Teichert. „Das Gesundheitsamt kann nur impfen oder Kontakte nachverfolgen, beides gleichzeitig geht nicht.“ Auch interessant: Macht Corona-Impfstoff krank? AstraZeneca unterbricht Tests

Kehren wir mit der Impfung zu unserem alten Leben zurück?

Ein zugelassener Impfstoff bedeutet nicht das Ende der Pandemie – jedenfalls nicht sofort. Die Unternehmensberatung McKinsey hat für die USA in mehreren Szenarien durchgerechnet, wie lang es dauern könnte, bis Maßnahmen aufgehoben werden. Die Autoren des Papiers nennen verschiedene Einflussfaktoren: Zulassung, Wirksamkeit und Annahme eines Impfstoffs in der Bevölkerung, den Anteil der Menschen, die bereits immun sind, oder auch regionale Unterschiede.

Im optimistischsten Szenario wäre für die USA demnach Herdenimmunität im zweiten Quartal 2021 erreichbar, im pessimistischsten erst 2022 oder später. An diesem Punkt könnten viele Notfallmaßnahmen enden, heißt es im Papier.

Keine Prognosen, wann Deutschland zum Normalzustand zurück kann

Für Deutschland wagt noch niemand derart konkrete Prognosen. Noch sei unklar, ob Impfstoffprodukte, die vor einem schweren Verlauf von Covid-19 schützen, „auch in der Lage sein werden, die Weitergabe der Infektion von Mensch zu Mensch effektiv zu unterdrücken“, heißt es vom Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesinstitut für Impfstoffe. „Falls Letzteres nicht oder nur teilweise erreicht wird, könnten AHA-Regeln weitergeführt werden.“

Deutlicher wird das Robert-Koch-Institut in einem Papier von vergangener Woche. Vor allem zu Beginn werde die Impfung allein nicht ausreichen im Kampf gegen die Pandemie. Gewisse „Modifikationen des Miteinanderseins“ müssten deshalb weiter Bestand haben. Übersetzt heißt das: Maske tragen, Abstand halten, andere Menschen so viel wie möglich draußen treffen. Es wird dauern, bis Normalität eintritt.

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