Ernährung

Superfruits: Wie super sind die Trendfrüchte wirklich?

| Lesedauer: 6 Minuten
Fünf mal Obst und Gemüse pro Tag

Fünf mal Obst und Gemüse pro Tag

Gemüse und Obst ist gesund. Es gibt konkrete Richtwerte, wie viel pro Tag konsumiert werden solle – dabei ist sogar die eigene Handgröße entscheidend.

Beschreibung anzeigen

Berlin.  Goji, Acerola, Moringa: Die Liste gehypter Obstsorten wird immer länger. Die Produkte haben zwar viel Vitamine, doch stehen auch in der Kritik.

Sie ist rot und schrumpelig, schmal und kaum länger als ein Fingernagel. Weich ist ihre Haut, klebrig ihre Konsistenz. Beim Kauen muss man mit der Zunge nachhelfen, um das Fruchtfleisch von den Zähnen zu lösen, während sie einen süßlichen, angenehm bitteren Geschmack im Mund entfaltet – irgendwo zwischen Dörrobst und getrockneter Aprikose. Und sie ist reich an Vitamin C und Kalzium: die Goji-Beere.

Man kann sie pur essen oder morgens in sein Müsli streuen. Der kleinen Frucht wird sogar nachgesagt, das Herz-Kreislauf-System zu unterstützen und für einen besseren Schlaf zu sorgen.

Die Goji-Beere stammt aus China, in Europa und Nordamerika wird sie seit einiger Zeit als „Superfruit“ angepriesen. Dadurch liegt sie mit Früchten wie Açai, Acerola, Haskap und Moringa voll im Trend. Gefeiert werden jene Lebensmittel wegen ihres hohen Gehalts an wertvollen Inhaltsstoffen, wie Antioxidantien, Mineralstoffe oder sekundäre Pflanzenstoffe.

Vor allem werden sie mit wundersamen Eigenschaften beworben: Sie sollen gegen Hautalterung wirken, zahlreiche Krankheiten vertreiben und generell das Wohlbefinden steigern. Bei Verbraucherinnen und Verbrauchern schlägt diese Vermarktung offenbar an. Längst haben Goji-Beeren und Co. ihren festen Platz im Supermarktregal. Um die vermeintlichen Wundermittel ist ein ziemlicher Hype entstanden. Ist er gerechtfertigt?

Verbraucherzentrale bezweifelt die angeblich positiven Eigenschaften

Rechtlich ist der Begriff Super­fruit nicht geschützt, es handelt sich um einen Marketingtrick, der seinen Anfang in den USA nahm. Theoretisch kann jedes Obst, jedes Gemüse zur neuen Superfrucht erhoben werden. Hier setzt die Kritik von Fachleuten an.

Viele der angeblich positiven Effekte seien wissenschaftlich nicht belegt, sagt Jana Fischer, Referentin für den Bereich Lebensmittel und Ernährung in der Verbraucherzentrale Hamburg. Werden gesundheitsfördernde Wirkungen versprochen, muss das durch die europaweite Health-Claims-Verordnung gedeckt sein, die sicherstellt, dass Angaben zu besonderen Produkteigenschaften nicht willkürlich erfolgen.

Fischer erklärt das raffinierte Vorgehen der Superfruit-Händler: „Früchte, die nicht in Deutschland wachsen und noch vor einigen Jahren wenig verbreitet waren, werden mit Anekdoten und Geschichten über Seltenheit oder eine traditionelle Nutzung beworben.“

Die Goji-Beere etwa wird seit Jahrtausenden in der klassischen chinesischen Medizin verwendet. „Die Erzählungen wecken die Hoffnung auf Produkte, die ‚mehr können‘ als die bekannten Obst- und Gemüse-Sorten aus der Region“, ergänzt Fischer. Auch interessant: Wie Lebensmittelhersteller bei den Produkten tricksen

Die Früchte werden als Nahrungsergänzungsmittel verkauft

Ernährungsberaterin Katrin Kleinesper zeichnet hier ein etwas anderes Bild. Für sie handelt es sich nicht ausschließlich um reine Marketingversprechen. Viele Superfrüchte hätten einen hohen Anteil an Vitamin C, wodurch nicht nur das Immunsystem, sondern auch das Bindegewebe gestärkt werde. „Ab einer bestimmten Menge tritt tatsächlich ein gewisser Anti-Aging-Effekt ein“, sagt Kleinesper. Lesen Sie auch: Wie sinnvoll ist eine Extraportion Eiweiß?

In Deutschland sind die angepriesenen Früchte hauptsächlich als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Sie werden in Kapsel- und Pulverform angeboten, zu Marmeladen und Säften verarbeitet. „Dabei geht jedoch ein Teil von Mikronährstoffen wie empfindliche Vitamine verloren, wenn sie mit Sauerstoff, Hitze und Licht in Kontakt kommen“, merkt Kleinesper an. „Wenn jemand kaum Obst oder Gemüse isst oder sich sehr einseitig ernährt, können Nahrungsergänzungsmittel helfen, ein Nährstoff-Defizit auszugleichen.“

Sinn der Sache sei es dennoch nicht, reihenweise Kapseln zu schlucken, die zwar hochkonzentrierte Nährstoffe enthalten würden, „aber auch jede Menge Zusatzstoffe, wie Füllstoffe, Antioxidationsmittel, Trennmittel.“

An dieser Stelle warnt Jana Fischer von der Verbraucherzentrale: „Eine Überdosierung kann bei einigen Stoffen gesundheitsschädlich sein.“ Alles andere als gesund seien zudem getrocknete Früchte und Säfte, bei denen der Zuckergehalt teilweise über 50 Prozent läge. Für eine nährstoffreiche Ernährung eigneten sich unverarbeitete Früchte weiterhin am besten.

Diese Vitamine sind für unseren Körper wichtig

Vitamin Funktion Enthalten in
Vitamin A Sorgt für die Bildung neuer Zellen und ein robustes Immunsystem. Karotten, Kürbisse, Aprikosen, Eier, Butter, Feldsalat und Tomaten
B-Vitamine Sind überwiegend für den Stoffwechsel verantwortlich, schützen aber auch die Herzmuskulatur. Kartoffeln, Magerquark, Thunfisch, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte oder Fisch, grüne Bohnen und Milch
Vitamin C Stärkt Knochen, Zähne und fängt freie Radikale ab. Paprika, Brokkoli, Rosenkohl, Spinat, Zitrusfrüchte und Kiwi
Vitamin D Hilft ebenfalls für einen gesunden Knochenbau und fördert die Aufnahme von Kalzium im Darm. Vitamin D wird primär durch den Einfluss von Sonnenstrahlen über die Haut gebildet. Geringere Mengen sind in Pilzen und Käse enthalten.
Vitamin E Schützt die Zellen vor schädlichen Fetten. Pflanzliche Öle, Nüsse und Samen
Vitamin K Spielt eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung. Spinat, Salat, Kohl und Hülsenfrüchte
Quelle: Eigene Recherche

Neben zweifelhaften Versprechen und Zusatzstoffen stehen Superfrüchte auch wegen mangelnder Nachhaltigkeit in der Kritik. Zum einen sorgen die langen Transportwege, etwa aus Brasilien und den Anden, für eine schlechte Klimabilanz. Wer Maqui-Pulver und Acerola-Tabletten zu sich nimmt, vergrößert seinen CO2-Fußabdruck.

Zum anderen hinterlässt der Wunsch, seinem Körper mit exotischen Produkten etwas Gutes zu tun, in den Anbaugebieten Spuren. Dort treibt die Nachfrage die Preise in die Höhe. Die Folge: Für die Einheimischen werden die einst für den regionalen Konsum angebauten Früchte unbezahlbar.

Heimische Früchte als gesunde Alternative

Benötigen wir überhaupt Superfrüchte für einen gesunden Lebensstil? Die klare Antwort von Verbraucherschützerin Fischer: „Nein.“ Eine ausgewogene Ernährung basiere immer auf viel frischem Obst und Gemüse, „spezielle Superfrüchte sind nicht notwendig.“ Zudem stünden regionale Produkte ihren exotischen Partnern in keiner Weise nach.

Als Alternative zu Açai-Beeren empfiehlt Fischer Blaubeeren, die weisen zum Teil sogar einen höheren Gehalt an Anthocyanen auf. Schwarze Johannisbeeren haben weniger Zucker und mehr Vitamin C als die gleiche Menge getrockneter Goji-Beeren. Und wer gerne Avocados isst, kann auch zu Walnüssen greifen, die einen deutlich höheren Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren als die grüne Frucht enthalten.

Das sieht Katrin Kleinesper ähnlich. „Wir können uns mit unseren heimischen Obst- und Gemüsesorten wunderbar ernähren.“ Und wenn nicht gerade Saison ist, sagt sie, könnten wir auch bedenkenlos auf Tiefkühlfrüchte ausweichen.

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder