Der Golf – Familienmitglied und Hoffnungsträger

Wolfsburg.  Am Donnerstag wird in Wolfsburg die achte Generation vorgestellt. In Deutschland schwächeln in diesem Jahr die Verkäufe.

Ein Erlkönig des neuen Golf 8

Ein Erlkönig des neuen Golf 8

Foto: VW

Was ist dem Golf schon alles nachgesagt worden: Er hat VW bei seiner Einführung 1974 aus der Krise gezogen, er hat dem damals neuen Fahrzeug-Segment – der Golf-Klasse – seinen Namen geben, er holt Technik aus der Oberklasse ins Kompakt-Segment, er ist oft ein Familienmitglied und schlicht ein Stück deutsche Automobilgeschichte.

Die soll nun am Donnerstag eine Fortsetzung erfahren, wenn in Wolfsburg die achte Generation des Dauerläufers vorgestellt wird. Aus der einstigen durchaus sehenswerten Blechkiste der ersten Generation, die heute Kultstatus genießt, ist ein bestens ausgestattetes, hoch-komfortables Auto geworden. Die neuesten Generation wird so viele digitale Ausstattungsmerkmale haben wie nie zuvor. Weil die Digitalisierung des Autos ausgesprochen anspruchsvoll ist, mussten die Pläne für den Produktionsanlauf bereits nach unten angepasst werden.

An dem Golf arbeitet unsere gesamte Region mit. In Wolfsburg wird das Auto entwickelt und gebaut, aus Salzgitter kommen die Motoren, aus Braunschweig Komponenten wie Achsen, Bremsen und Lenkungen. Damit ist der Golf ein Produkt unserer Region, so wie es zuvor schon der legendäre Käfer war.

Bisher liefen knapp 35,4 Millionen Gölfe vom Band

Welche Bedeutung der Golf hat, zeigen folgende Zahlen. Seit dem Produktionsstart liefen knapp 35,4 Millionen Gölfe vom Band. Wird die Länge eines Golf 4 – etwa 4,30 Meter – als Mittelwert genommen, dann ergeben alle Gölfe hintereinander gereiht eine Autokette von mehr als 152.000 Kilometern. Sie würde sich also fast vier Mal um den Globus schlängeln.

Am häufigsten wurde der von 1974 bis 1983, in Südafrika sogar bis 2009 produzierte Golf 1 verkauft. 6,99 Millionen Exemplare fanden einen Abnehmer. Auf Rang zwei folgt die von 1993 bis 1994 hergestellte zweite Generation, von der 6,3 Millionen Exemplare ausgeliefert wurden. Vom aktuellen Golf 7 wurden seit 2012 rund sechs Millionen abgesetzt, das bedeutet Platz drei in der Rangfolge der stärksten Generationen.

Das Jahr 2015 war in der 45-jährigen Geschichte des Golf das bislang produktionsstärkste. Knapp
1,1 Millionen Autos liefen in dem Jahr, in dem der Abgas-Betrug aufflog, vom Band. Seitdem sinken die Zahlen auf zuletzt knapp 806.000 im vergangenen Jahr. Das liegt auch an der zunehmenden Konkurrenz – unter anderem aus dem eigenen Haus. So jagen zum Beispiel SUV wie der VW-Tiguan dem Golf Kunden ab. Kein Autosegment wächst weltweit so kräftig wie das der SUV.

Golf-Produktion wird in Wolfsburg gebündelt

In unserer Region bleibt der Golf eine feste Größe. Das Auto wird nicht nur weiter in Wolfsburg entwickelt und gebaut. Im Stammwerk wird sogar die Golf-Produktion gebündelt. Weil das Werk im sächsischen Zwickau auf die Fertigung des kompakten Elektro-Modells ID.3 umgestellt wird, übernimmt Wolfsburg zusätzlich die bisherige Golf-Produktion aus Zwickau. Außer in Deutschland wird der Golf noch im mexikanischen Werk Puebla sowie im chinesischen Werk Foshan produziert. Das Mittelklasse-Modell ist also eine Art Weltauto.

Und das hat im VW-Universum eine feste Rolle. Perspektivisch wollen die Wolfsburger mit den Modellen der elektrifizierten ID.-Familie herkömmliche Modelle mit Verbrennungsmotor zunächst ergänzen und dann ersetzen. Nur mit E-Autos wird es VW gelingen, die strenger werdenden Schadstoffvorgaben in Europa und in China zu erfüllen. Allerdings erfordert der Aufbau der Elektro-Mobilität Milliarden-Investitionen. Das Geld fließt nicht nur in neue Autos, sondern auch in die Entwicklung der Batterie-Technik sowie in den Ausbau der Infrastruktur, wozu Ladepunkte gehören.

Bis sich die Stromer zu echten Modellen für den Massenmarkt entwickelt haben und entsprechende Gewinne einfahren , müssen die bisherigen Verbrennermodelle die erforderlichen Investitionen verdienen. VW setzt dazu gezielt auf das boomende, aber zunehmend in die Kritik geratende SUV-Segment. Aber auch bestens etablierte Autos wie der Golf sollen und müssen in dieser Strategie ihren Beitrag leisten.

Mit großem Aufwand wurde in den zurückliegenden Monaten die Präsentation des Stromers ID.3 auf der Internationalen Automobil-Austellung in Frankfurt im September vorbereitet. Dass der Golf 8 nun einige Wochen später seinen eigenen Auftritt in Wolfsburg bekommt, ist bewusst geplant. Beide Autos sollen sich nicht kannibalisieren – auch im Marketing nicht. Gleichwohl bleibt es eine Herausforderung, die neuen E-Modelle der ID.-Familie anzupreisen, ohne dass konventionelle Modelle wie der Golf abgewertet werden und altbacken wirken.

Auf seinem Heimatmarkt Deutschland ist der Golf bei den Neuzulassungen zwar nach wie vor mit großem Abstand das gefragteste Modell seiner Klasse. Das zeigen die monatlich veröffentlichten Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes. Allerdings verliert der Platzhirsch an Kraft. Mit Ausnahme des Septembers sind die monatlichen Neuzulassungen in diesem Jahr bisher in jedem Monat rückläufig.

Am moderatesten fiel der Rückgang im Juni aus, als er 4,1 Prozent betrug. Am stärksten verlor der Golf im August – 34,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Zwar gab es im September ein Plus von 117,3 Prozent, das liegt aber an den Problemen mit der Umstellung auf das neue Verbrauchs- und Abgas-Prüfverfahren WLTP im Vorjahr. Damals konnte die Wolfsburger wegen fehlender Freigaben viele Modelle nicht ausliefern.

In der Wolfsburger VW-Zentrale wird nun darauf gesetzt, das die achte Generation des Golf verloren gegangenes Terrain zurückerobert und erneut ein Kassenschlager wird. Der Golf ist also – wieder einmal – für Volkswagen ein Hoffnungsträger. Angesichts der wachsenden Konkurrenz ist das Auto in der jüngeren Vergangenheit aber auch zu einer Art Sorgenkind geworden. Diese Rolle war dem Golf bisher völlig fremd.

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