“Faul wie die Waschbären“ – Corona-Werbespot erntet viel Kritik

Braunschweig.  Mit dem #besondereHelden will die Bundesregierung für die Corona-Regeln werben. Junge Arbeitnehmer in der Region fassen den Spot gar nicht gut auf.

Im Bett mit der Freundin liegen und einen Eimer Hähnchen verschlingen – so einfach wird man laut den neuen Corona-Werbespots zu einem Helden.

Im Bett mit der Freundin liegen und einen Eimer Hähnchen verschlingen – so einfach wird man laut den neuen Corona-Werbespots zu einem Helden.

Foto: Bundesregierung

Mit einem Eimer voller frittierter Hähnchenschenkel im Bett liegen oder den ganzen Tag fernsehen – und dafür als Held bezeichnet werden? Mit diesem Motto will die Bundesregierung junge Menschen bewegen, zuhause zu bleiben. Unter dem #besondereHelden hat die Regierung drei aufwendige Werbefilme erstellt, die junge Erwachsene in ihren Zwanzigern beim Nichtstun zeigen. „Wir waren faul wie die Waschbären“, sagt der Protagonist in einem der kurzen Videos. Das sehen viele junge Arbeitnehmer in unserer Region dagegen ganz anders.

Lob und Kritik im Netz

Im Netz fallen die Reaktionen auf die Videos, die eine Generation mit einem Augenzwinkern als faule „Fernsehjunkies“ und „Zocker“ darstellt, auf gemischte Reaktionen. Es gibt viel Lob und hagelt gleichzeitig Kritik – 24.000 Menschen gefällt der Spot der Bundesregierung auf der Plattform YouTube, 20.000 geben dagegen einen Daumen runter. „Eine absolute Frechheit. Oberflächlich und ohne Rücksicht auf Personen, die Existenzen verloren haben“, regt sich ein Nutzer auf dem Instagram-Kanal unserer Zeitung auf. Auf dieselbe Umfrage gibt es aber auch Lob und einen Seitenhieb auf die Kritiker: „Klasse. Viele Leute, die arbeiten gehen und nicht zu Hause rumhängen, nehmen es zu ernst“, schreibt uns ein weiterer Nutzer.

„Der Werbespot ist eine absolute Frechheit“

Bei der Gewerkschaft Verdi kommt die Kampagne dagegen gar nicht gut an. „Aus gewerkschaftlicher Sicht sind die Werbespots eine absolute Frechheit und werden der Lebensrealität von Auszubildenden und Studierenden Null gerecht“, schreibt Miriam Seedorf, Jugendbeauftragte bei der Gewerkschaft Verdi in Südostniedersachsen. Sie berichtet von wenig Verständnis von anderen Auszubildenden. „Kommt doch ins Krankenhaus und helft uns, die Leute zu waschen und zu betreuen“, habe eine Auszubildende aus dem Klinikum Gifhorn bezüglich des Spots gesagt, erzählt Seedorf. „Durch die Videos werden die Vorurteile gegenüber der ,jungen Generation’ geschürt und Menschen, die im Homeoffice arbeiten, diskreditiert“, ergänzt die Gewerkschaftssekretärin.

Viele junge Leute konnten sowohl beim ersten als auch beim zweiten Lockdown zudem nicht ins Homeoffice gehen, unterstreicht auch David Rösler, Jugendbeauftragter bei IG Metall Braunschweig. „Die meisten Auszubildenden und Dual-Studierenden waren das ganze Jahr über im Betrieb“, erklärt Rösler.

Reale Ängste und Nöte werden ignoriert

Und nicht nur in diesem Aspekt verfehle der Spot nach Ansicht der beiden Gewerkschaften die Lebensrealität der jungen Erwachsenen. „Völlig unberücksichtigt bleibt, dass jetzt bei vielen Auszubildenden im Winter die Übernahme nach der Ausbildung auf der Kippe steht“, gibt Rösler zu bedenken.

Zukunftsängste haben die Protagonisten der Clips beim Fernsehschauen nicht. Auch weitere Herausforderungen fänden kein Gehör, bemängelt Verdi-Gewerkschafterin Seedorf: Studierende, die lebensnotwendige Nebenjobs verloren haben, Eltern, die unter der Doppelbelastung von Studium und Homeschooling der Kinder ächzen, Auszubildende, die mit unzureichender Ausstattung übereilt ins Homeoffice ziehen mussten oder keine Praxisanleitung für den Umgang mit der Pandemie im Betrieb erhalten hätten.

„Schlag ins Gesicht“

Auch von der Stiftung der Wirtschaftsjunioren Braunschweig gibt es Kritik: „Erfolgreich wird man nicht durch Faulheit. Diese Botschaft ist genau kontraproduktiv“, sagt Doris Skala-Gast, Pressesprecherin der Stiftung der Wirtschaftsjunioren Braunschweig. Abgesehen davon, dass ständiges Nichtstun auch zu negativen Gedanken in der Krise führe, könne dies nicht die Botschaft sein, die die Bundesregierung übermitteln möchte. Auch der ständige Verweis auf Fast Food in den Videos sei „ein Schlag ins Gesicht für alle Gastronomen“, findet Skala-Gast. Zudem passe das Bild überhaupt nicht zu den jungen Menschen von heute. „Den Generationen Y und Z ist es total wichtig, dass sie sich gut ernähren, Zeit für Sport nehmen, sich bilden – das passt gar nicht“, kritisiert Skala-Gast das mangelnde Wissen über diese Generationen.

„Kreativität, nicht Faulheit ist in der Krise Tugend“

„Es ist eben eine typische Joko-und-Klaas-Produktion: Irgendwie unterhaltsam, aber ohne echten Realitätsbezug“, urteilt auch Florian Bernschneider, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Region Braunschweig. Da die Videos aus der Feder der Bundesregierung stammen, seien kritische Nachfragen durchaus zulässig. Auch kann er die „faulen Helden“ nicht im Alltag wiederfinden: „Ich erlebe nicht, dass Unternehmen und Mitarbeiter die Krise faul aussitzen. Dort werden gerade täglich Möglichkeiten gesucht, wie man trotz aller Einschränkungen das Geschäft stabilisieren und wieder in Fahrt bringen kann. Das zeigt, dass in der Krise Kreativität und nicht Faulheit die Tugend der Stunde ist“, ist Bernschneider überzeugt.

IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Rösler glaubt aber trotz Kritik daran, dass der Spot die Zielgruppe erreiche. „Die Art und Weise wie die Spots gedreht wurden, kommt gut bei der Zielgruppe an und wird einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten“, ist er überzeugt. Verdi-Gewerkschafterin Seedorf sagt dagegen: „Die Rückmeldungen zu dem Spot waren deutlich: Die Auszubildenden fühlen sich davon nicht angesprochen.“

Keine Generation, die die Füße hochlegt

Arbeitgeberverbandschef Bernschneider gibt stattdessen Anregungen, wie man nicht nur junge Menschen besser angesprochen hätte. „Unter dem Leitgedanken, dass man von zuhause aus ein Held sein kann, ließen sich jedenfalls unzählige echte Geschichten irgendwo zwischen Homeoffice und Homeschooling erzählen, die ans Herz gehen, und allesamt nichts mit Faulheit zu tun haben“, sagt er.

Oder wie es eine Logistik-Auszubildende aus unserer Region ausdrückt: „Wir sind keine Generation, die die Füße hochlegt.“

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