VW-Konzern verkauft 1,7 Millionen Autos weniger

Wolfsburg.  Der Absatz bricht im Corona-Jahr 2020 um 15 Prozent ein. Damit entwickelt sich VW besser als der Gesamtmarkt. Beim Verkauf von Elektro-Autos ist aber viel Luft nach oben.

Knapp 300.000 reine Elektro-Autos fehlen den Wolfsburgern, um zu Tesla bei den Verkäufen aufzuschließen. Der ID3 (Bild) verkaufte sich unter den E-Modellen des Konzerns am besten.

Knapp 300.000 reine Elektro-Autos fehlen den Wolfsburgern, um zu Tesla bei den Verkäufen aufzuschließen. Der ID3 (Bild) verkaufte sich unter den E-Modellen des Konzerns am besten.

Der Wolfsburger Autobauer Volkswagen verbucht auch für den Konzern einen Einbruch bei den Auslieferungen von rund 15 Prozent im vergangenen Jahr. Damit entwickelte sich das Unternehmen genauso wie die Marke VW, die im Corona-Jahr ebenfalls 15 Prozent weniger Autos verkaufte als im Vorjahr (wir berichteten). „2020 war durch die Covid-19-Pandemie ein extrem anspruchsvolles Jahr. Der Volkswagen-Konzern hat sich in diesem Umfeld gut behauptet und seine Marktposition gefestigt“, erklärte der Leiter des Volkswagen-Konzern-Vertriebs Christian Dahlheim am Mittwoch in einer Mitteilung.

Demnach konnte VW seinen Anteil am Automarkt weltweit leicht steigern, vor allem weil der Konzern in Europa und Südamerika Marktanteile hinzugewann. Diese Einschätzung bestätigt im Kern Branchenexperte Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Der weltweite Automarkt ist ihm zufolge im vergangenen Jahr um 16 bis 17 Prozent zurückgegangen. „VW ist im globalen Vergleich also nicht berauschend, aber ganz passabel durch die Krise gekommen“, sagt Bratzel.

Kopf-an-Kopf-Rennen mit Toyota

Insgesamt lieferte der Konzern 9,3 Millionen Autos von Januar bis Dezember aus. Besonders in den letzten Monaten des vergangenen Jahres schrumpfte der Absatzeinbruch im Vergleich mit den Vorjahresmonaten. So hat der Konzern weltweit im vierten Quartal „nur“ noch knapp 6 Prozent weniger Autos ausgeliefert, im Dezember waren es sogar nur noch 3,2 Prozent weniger Fahrzeuge als im Dezember 2019. Doch auch Dauer-Rivale Toyota legte 2020 einen Schlussspurt hin. Bei den bisher bekannten Verkaufszahlen bis November lieferte der japanische Hersteller 8,5 Millionen Autos aus, allein im November 930.000. Gelingt Toyota das auch im Dezember – wovon auszugehen ist – haben die Japaner die Nase vorn und sind 2020 wieder der größte Autobauer weltweit. 2019 hatte VW ihnen diesen Rang abgelaufen, damals lieferte Toyota 10,55 Millionen Autos aus, Volkswagen 10,71 Millionen Fahrzeuge.

Verkäufe in China unter Gesamtmarkt

Der größte und wichtigste Markt für den VW-Konzern ist China. Dort gingen die Verkäufe von Januar bis Dezember um 9,1 Prozent zurück auf 3,8 Millionen Fahrzeuge. Damit lag der Autobauer unter dem Niveau des Gesamtmarkts, der in China um 6,8 Prozent zurückging auf 19,6 Millionen verkaufte Fahrzeuge. Viel heftiger brach der Absatz in dem ebenfalls großen Markt Westeuropa ein – um 21,6 Prozent auf knapp 3 Millionen ausgelieferte Pkw. Laut Frank Schwope, Auto-Analyst der Nord-LB, verzeichnete China „seit April eigentlich nur ordentliche oder gute Verkaufsmonate“ und stützte damit die Verkaufszahlen des VW-Konzerns.

In Deutschland setzte VW rund eine Million Fahrzeuge ab, 19,5 Prozent weniger als im Vorjahr. In der Region Nordamerika gingen die Auslieferungen um mehr als 17 Prozent auf 785.800 Autos zurück. Schaut man auf die Auto-Marken des Konzerns, mussten die spanische Tochter Seat (minus 25,6 Prozent), VW Nutzfahrzeuge mit Sitz in Hannover (minus 24,4 Prozent) und der tschechische Autobauer Skoda (minus 19,1 Prozent) die größten Einbußen bei den Absätzen hinnehmen. Am besten kam die Premium-Marke Porsche durch das Jahr – sie verlor mit 272.200 verkauften Sportwagen nur 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch der Absatzrückgang bei Audi war mit 8,3 Prozent (1,7 Million verkaufte Autos) noch vergleichsweise moderat.

E-Auto-Auslieferungen verdreifachen sich

Während die Wolfsburger also durch die Bank weg Rückgänge – außer beim Marktanteil – verzeichnen müssen, verdreifachten sich 2020 die Auslieferungen von Elektro- und Hybid-Fahrzeuge. weltweit übergab der Konzern 231.600 vollelektrische Fahrzeuge an Kunden (Top 5 siehe Faktenkasten). Hinzu kamen 190.500 Plug-In-Hybride. Die insgesamt mehr als 420.000 Stromer machen einen Anteil an den gesamten Auslieferungen von 4,5 Prozent aus. Die reinen Stromer haben einen Anteil von 2,5 Prozent.

Während VW-Verstreibschef Dahlheim es als „besonders Erfreulich“ bezeichnet, dass VW bei der E-Offensive trotz Corona-Pandemie „voll durchgestartet“ ist, nennt Nord-LB-Analyst Schwope die Zahlen enttäuschend. Schwope: „Der Volkswagen-Konzern war noch im September 2020 von einer Elektroauto-Quote von 3 bis 4 Prozent für 2020 ausgegangen, was rund 280.000 bis 370.000 Elektro-Fahrzeugen entsprochen hätte.“ Auch Auto-Experte Bratzel mahnt das Tempo bei den Elektro-Fahrzeugen an: „VW kommt langsam in die Puschen“, sagt er und erinnert daran, dass Tesla mit fast 500.000 verkauften reinen Stromern in 2020 deutlich die Nase vorn hat. Weltweit gehöre VW im Bereich Elektromobilität inzwischen aber dennoch wohl in die Top 5 der Hersteller, sagt Bratzel.

„Plug-In-Prämie ist peinlicher Regulationsfehler“

Kritisch ist der Automobil-Professor in Bezug auf die Plug-In-Hybride. „Sie sind umstritten, weil sie sozusagen nicht artgerecht sind, wenn sie vorrangig als Benziner genutzt werden und nicht für Kurzstrecken im Batterie-Modus“, erklärt Bratzel. Dass der Kauf von Plug-Ins auch gefördert würde sein ein peinlicher Regulationsfehler. Denn sinnvoll sei langfristig aus Klimaschutzgründen nur die reine Elektro-Mobilität. Volkswagen bringt nach eigenen Angaben in diesem Jahr zehn neue Elektro-Modelle von insgesamt fünf verschiedenen Marken heraus. Der ID4, ein Elektro-SUV der Marke VW, der nun auch auf die Märkte kommen soll, ist eines davon.

Die SUV-Verkäufe liegen im Konzern um ein vielfaches höher als die Verkäufe der Elektro-Autos, 2020 stiegen sie von 31,8 Prozent (2019) auf 36,5 Prozent. Bratzel nennt diese Entwicklung – klimaschonende E-Autos neben viel verbrauchenden Geländelimousinen – eine „Umwucht“. „Der hohe SUV-Anteil ist nicht unkritisch zu sehen, VW kann sich dem Trend aber nicht entziehen“, betont er. Langfristig muss seiner Auffassung nach eine ordnungspolitische Bonus/Malus-Regulation dafür sorgen, dass Fahrzeuge entsprechend ihres CO₂-Fußabdrucks besteuert würden.

Schweres erstes Quartal

VW möchte seinen Anteil an Elektro-Fahrzeugen jedenfalls deutlich steigern auf bis zu acht Prozent. Das erste Quartal dieses Jahres dürfte für alle Autohersteller infolge der gegenwärtigen Lockdowns in zahlreichen Ländern aber noch einmal starke Herausforderungen mit sich bringen, erklärt Nord-LB-Analyst Schwope.

„Sollte die Corona-Pandemie infolge der Impfungen besiegt werden, rechnen wir mit einer Rückkehr zum Absatzniveau des Jahres 2019 trotzdem erst wieder im Jahr 2022. Für das laufende Jahr 2021 kalkulieren wir mit einem Absatzvolumen des Volkswagen-Konzerns in einer Spanne von 9,5 bis 10 Millionen Fahrzeuge“, erklärt er. Für das Geschäftsjahr 2020 rechnet Schwope mit einem operativen Ergebnis im mittleren einstelligen Milliarden-Bereich. VW plant die Jahres-Bilanz im März vorzustellen.

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