Wolfsburg: Diese Themen bewegen Naturschützer und Landwirte

Wolfsburg.  Im Interview mit unserer Redakteurin Barbara Benstem sprechen ein Naturschutzbeauftragter und ein Landwirt über die Landwirtschaftspolitik.

Das Symbolfoto zeigt einen Trecker beim Grubbern in der Nähe von Nordsteimke. Bodenverdichtung ist ein Thema im Gespräch zwischen Landwirt Heiner Kasten und dem Naturschutzbeauftragten Michael Kühn.

Das Symbolfoto zeigt einen Trecker beim Grubbern in der Nähe von Nordsteimke. Bodenverdichtung ist ein Thema im Gespräch zwischen Landwirt Heiner Kasten und dem Naturschutzbeauftragten Michael Kühn.

Foto: Anja Weber

Fehlendes Grundwasser, Bauernproteste, zunehmende Flächenversiegelung – die Probleme in Wolfsburg und bundesweit nehmen zu. Michael Kühn, Naturschutzbeauftragter der Stadt und Dr. Heiner Kasten, Landwirt im Nebenerwerb und seit seiner Pensionierung als Agrar-Ökonom Berater im Bundeslandwirtschaftsministerium, beziehen im WN-Interview mit Redakteurin Barbara Benstem Stellung zu Bauboom und Ausgleich, Artensterben und intensiver Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion und Dürrefolgen.

Zunächst die Frage zum Sachstand der bundesweiten Bauernproteste. Was haben sie bisher gebracht?

Heiner Kasten Zuallererst, dass man miteinander redet, dass die Landwirte gehört werden. Es gab einen Bauerngipfel und jetzt auch den Lebensmittelgipfel. Die Sorgen der Bauern sind jetzt dahin gerückt, wo sie hingehören – in die Mitte der Gesellschaft. Die Landwirtschaft liefert unsere Lebensgrundlage, ebenso wie die Natur.

Michael Kühn Ich setze da auch große Hoffnungen in den Klimabeirat. Auch wenn es schade war, dass sein Start zunächst von der Frage, wer nun darin sitzen soll, überlagert war. Für mich ist es ganz klar, dass die Landwirte und der Naturschutz vertreten sein müssen.

Kasten Uns geht es auch bei diesem Gespräch, bei diesem Interview darum, dass diese Botschaft rüberkommt: Wir wissen, dass wir die Probleme, vor denen Wolfsburg steht, gemeinsam packen können!

Kühn Es gibt 100 Landwirte in Wolfsburg, das ist einhundertfaches Wissen.

Dennoch wurden ja in den zurückliegenden Monaten auch immer wieder die unterschiedlichen Interessen von Landwirtschaft und Gesellschaft betont. Intensive Landwirtschaft auf der einen Seite und der Wunsch aus der Bevölkerung, sich gesund zu ernähren und gesund zu leben auf der anderen. Und leider gab es auch Aktionen aus der protestierenden Bauernschaft, die sicher zu diskutieren sind. Ich meine die Aktion „Goldene Mistkarre“, bei der auch ein Redakteur unserer Zeitung Besuch einer eher überengagierten Gruppierung erhielt.

Kühn Das geht natürlich nicht. Es gab aber auch schon Aktionen von Umweltaktivisten, die auch nicht in Ordnung waren. Hier muss man dringend auf die Gruppierung zugehen und reden.

Also lieber heute gemeinsam für die gute Sache kämpfen?

Kasten Na klar. In gegenseitigem Respekt und im Übrigen auch ohne Medien-Bashing. Die Diskussion muss in ruhige Gewässer kommen. Aber da sind wir hier in Wolfsburg auf bestem Wege.

Ein Beispiel?

Kühn Im Januar fand zum Beispiel eine Veranstaltung zwischen Naturschutz und Bauern statt. Es ging

vordergründig um die Feldlerche, Lerchenfenster und weitere Maßnahmen des Artenschutzes. Es war super, wie viele Landwirte da waren, welches Wissen sie mitbrachten, welche Bereitschaft, am Artenschutz zu arbeiten. Und ich sage ganz klar: Wenn unsere Landwirte in den vergangenen Jahren nicht dafür gesorgt hätten, dass die Rauchschwalbe auf ihren Höfen eine Lebensgrundlage findet, wäre sie in Wolfsburg fast schon ausgestorben.

Das klingt nach großer Harmonie und Entschlossenheit. Gleichwohl klagen hiesige Landwirte immer wieder über Unverständnis und Groll, der ihnen aus der Bevölkerung entgegenschlägt. Beispiel: Insektizide. Bauern klagen, dass sich Menschen ihren Traktoren entgegenstellen, dass sie beschimpft werden, wenn sie auf den Feldern Pflanzenschutzmittel einsetzen.

Kasten Ja, und sie ziehen sich auch Unmut zu, wenn sie mit dem Gülletraktor durchs Dorf fahren. Vielen Bürgern stinkt das wohl.

Kühn Da bin ich auch gespannt, wie sich das Projekt Grüne Mitte im Sonnenkamp mit Rinderhaltung und Wohnbebauung nebeneinander bewähren wird.

Kasten Vielleicht sollten wir zur Verwendung von Pflanzenschutzmitteln etwas erklären. Zunächst muss jeder Landwirt eine Berechtigung dazu haben. Ich musste gerade meinen Schein dazu bei einer Fortbildung wieder erneuern. Die Richtlinien sind streng, und das ist gut so. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, wie es mit Lebensmitteleinfuhren von Produkten aus Ländern ist, die weniger strenge oder gar keine Auflagen haben. Osteuropa oder Südamerika sind da Beispiele. Beim Einsatz der Mittel geht es darum, das Beikraut, also das Unkraut so klein wie möglich zu halten. Diese Mittel sind auch auf die Insekten abgestimmt. Den Marienkäfer erhalten ist dabei so ein Ziel, denn er kann Blattläuse fressen.

Gleichwohl geht es ja derzeit auch wieder um Pestizide, die ins Grundwasser gelangt sind, diesmal am Harz. Die Sorge ist, dass sie wegen niedriger Wasserstände und schlechten Chancen, dass sie ausgeschwemmt werden, ins Trinkwasser gelangen.

Kasten Da bin ich als Landwirt kritisch, was die Verursacher betrifft. Wir haben in Wolfsburg keine Landwirtschaft mit Massenproduktion. Ich gehe eher davon aus, dass wir selbst durch unsere Lebensweise, durch unseren Medikamentenkonsum und die Wechselwirkung, die all diese Stoffe im Wasser entwickeln, gefährdet sind. Obwohl es eigentlich genug Mikro-Organismen geben sollte, die das wegfressen. Aber bei zurückgehenden Wasservorkommen wird das immer problematischer.

Kühn Womit wir beim Wasser und der Wassermenge sind. Bei ausreichenden Vorkommen ergeben sich manche Probleme nicht. Aber ich fürchte, da haben wir auch in Wolfsburg die ganz großen Probleme noch vor uns. Und da sind wir mit den Landwirten schon im Gespräch. Es muss möglich sein, dass tieferliegende Weiden, auf denen sich das Wasser gut sammeln kann, zu Reservoiren werden. Die Bauern, denen dann diese Wirtschaftsfläche fehlt, müssen natürlich einen Ausgleich erhalten. Ich habe da übrigens in den etlichen Gesprächen mit den Landwirten schon einiges über ihre Betriebsführung gelernt. Und das ist ein wesentlicher Punkt: Wir müssen bereit sein, uns zuzuhören und voneinander zu lernen und sehen, dass keiner die Kosten für Nachhaltigkeit und Naturschutz allein trägt.

Kasten Absolut. Und auch wenn wir uns nicht immer einig sein werden, muss es weitergehen. Es ist eine

Tatsache, dass weltweit immer weniger Flächen pro Kopf zur Verfügung stehen, die landwirtschaftlich, also zur Lebensmittelproduktion genutzt werden. Und das bei weiter steigenden Bevölkerungszahlen. Wo die Lebensmittelpreise bei uns liegen, wissen wir, allerdings sehe ich die Rohstoffpreise auch eher als das Problem an. In jedem Fall muss ein Landwirt immer billiger produzieren, um ein Familieneinkommen zu sichern. (Anmerkung der Redaktion: Im Wolfsburger Raum sind es vorrangig Weizen, Roggen, Gerste, Raps, Kartoffeln, Silomais, Gemüse, zudem Milchwirtschaft, Rinder- und auch noch Schweinehaltung, obwohl letztere stark rückgängig sind.)

Ist das der Grund, warum 70 Prozent der hiesigen Landwirte das nur noch im Nebenerwerb sind?

Kasten Ja, sicherlich, aber ich würde gar nicht „nur“ sagen. Im Zuge der neuen Baugebiete und der Pflege aller Grünanlagen, die da entstehen sollen, sind zum Beispiel jetzt auch die Nebenerwerbslandwirte gefragt.

Sie denken da auch an die Grüne Mitte im Riesenbaugebiet Sonnenkamp?

Kasten Auch daran. Denn es ist ja besonders spannend, was die Stadt dort vorhat. Den Ausgleich für die versiegelten Flächen auf dem eigenen Neubauareal umzusetzen ist ein eigener Ansatz. Es ist ohnehin sehr, sehr positiv, dass die Stadt nach den Jahren, in denen die Frage des Ausgleichs offensichtlich nicht so wichtig erschien, jetzt mit Engagement daran arbeitet.

Kühn Ja, da hat unser aktueller Stadtbaurat einiges geerbt. Aber der Naturschutz hat jetzt allen Grund, optimistisch zu sein. Und wir wollen auch die Bevölkerung in die Pflicht nehmen. Wer unsere Grüne Stadt erhalten will, muss daran mitarbeiten. Das Thema Verschotterung der Gärten ist da so ein Punkt. Hier kann jeder Gartenbesitzer etwas für das Klima und gegen den Artenschwund in Wolfsburg tun. Es wird dieses Jahr eine große Kampagne für mehr Natur im Garten geben. Wir haben mehr als guten Grund, optimistisch zu sein. Bei all unseren jüngsten Aktionen waren mehr Leute da, als wir geglaubt haben. Bei der letzten Heckenpflanzung in Hehlingen hat es gegossen wie aus Eimern. Ich dachte, wir stehen da mit zwei Teilnehmern – es waren aber 20 Helfer, die mitmachten! Ich glaube, es hat ein Umdenken eingesetzt. Und wenn es die Erwachsenen nicht sind, die wegen des Klimawandels und den daraus resultierenden Problemen ihr Verhalten ändern wollen, sind es die Kinder. Das stellen die Naturschutzverbände auch in Wolfsburg zunehmend fest. Viele Menschen haben sich von der Natur entfremdet, das muss man erstmal zur Kenntnis nehmen.

Produktionsintegrierter Ausgleich ist ein Schlagwort, das im Zuge von Flächenversiegelungen immer wieder genannt wird.
Ist das nur ein Feigenblatt oder tatsächlich nachhaltiges Wirtschaften?

Kasten Das Thema wird tatsächlich immer wichtiger. Ein Beispiel: Durch das Anlegen von doppeltem Reihenabstand entsteht auf dem Acker mehr Luft und Durchlässigkeit für bestimmte Arten. Die Feldlerche oder auch das Rebhuhn brauchen eher übersichtliche Flächen für die Futtersuche und das Nisten. Und das Anlegen von Blühstreifen bringt Schutz und Rückzugsraum für Insekten und Vögel. Zudem können solche Schutzstreifen auch als Puffer zu Gewässern angelegt werden.

Kühn Gesetzlich geforderte Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen können teilweise durchaus auch mit dem Modell des produktionsintegrierten Ausgleichs in der Landwirtschaft umgesetzt werden. Allerdings ist es entscheidend, dass die Maßnahmen gesetzeskonform sind und der Nutzen für die Natur dauerhaft abgesichert ist. Das muss die Stadt durch das Umweltamt sicherstellen. Eine Aufwertung von landwirtschaftlichen Flächen für mehr Naturschutz kann in verschiedenen Projekten sehr sinnvoll sein. Das ist genau so ein Zukunftsprojekt, wo Landwirte und Naturschützer sich sehr gut ergänzen können.

Kasten Wir sehen uns da jedenfalls auf einem guten Weg, in den auch die Jägerschaft und die Holzwirtschaft eingebunden sind. Natur- und Klimaschutz kann nur als Gemeinschaftsaufgabe gelingen.

Noch mal zur Stadt. Es klang schon durch, dass Sie einige Hoffnungen in den Klimabeirat setzen, der ein wichtiges Steuerungsinstrument werden soll.

Kasten: Auf jeden Fall, von mir aus könnte er auch Nachhaltigkeitsbeirat genannt werden, aber das ist am Ende nicht wichtig. Und die Landwirte gehören da auch rein, auch wenn manche das anders sehen.

Kühn Das kann nur gemeinsam gelingen, mit der Stadt und ihren Landwirten und ihrer Forstwirtschaft. Ich glaube dabei, dass das Wasser die große Klammer sein wird. Denn auch wenn man glaubt, dass der Regen der vergangenen Wochen schon viel war – da hat sich noch nicht viel verändert. Unser Wasser zu schützen, das wird eine unserer großen Aufgaben sein.

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