Namenlose Werke: Städtische Galerie zeigt informelle Kunst

Wolfsburg.  In der vierten Fassung der Sammlungsschau verzichtet Kurator Michael Müller auf Beschriftungen. Die Werke wirken so stärker.

Susanne Pfleger vor dem Gemälde, das die Besucher in der Städtischen Galerie begrüßt. Es wurde 1962 von Fred Thieler geschaffen, in der Ausstellung ist das aber nicht zu erfahren.

Susanne Pfleger vor dem Gemälde, das die Besucher in der Städtischen Galerie begrüßt. Es wurde 1962 von Fred Thieler geschaffen, in der Ausstellung ist das aber nicht zu erfahren.

Foto: LARS LANDMANN / regios24

Ist es eigentlich wirklich wichtig, wer das Gemälde wann gemalt hat? Im Format 160 x 305 Zentimeter begrüßt es den Besucher der Städtischen Galerie mit erbarmungsloser Ausdrucksstärke. Man kommt hier nicht vorbei, ohne bewegt zu werden. Die Farben, das dunkle Magenta, Lila, Blau, ins Schwarz hineinreichende, vor hellem Hintergrund, fordern eine emotionale Resonanz. Ist es da wirklich wichtig, was der Maler, die Malerin, bei dem Schaffensprozess gefühlt hat? Oder ist allein wichtig, wie das eigene Herz bei diesem Anblick pulsiert, höher schlägt, Aufregung zeigt, Trauer, Hochgefühl, oder vielleicht auch in Andacht kurz still steht?

Diese Fragen stellt die vierte Fassung der Ausstellungsreihe „Deine Kunst“ von Michael Müller in der Städtischen Galerie im Schloss. Hinter dem gewohnt wortreich-sperrigen Titel „Informel, das / Stil, der – Das Schweigen der Bilder als stupide Zumutung oder Die Sprachlosigkeit“ verbirgt sich ein Blick in einen großen Werkblock der städtischen Sammlung. „Wir haben Gemälde von allen bedeutenden Künstlern des Informel im deutschsprachigen Raum“, sagt Direktorin Susanne Pfleger, „und Grafiken von den international bedeutenden.“ Das Inventar lese sich wie das Who-is-Who der westeuropäischen Malerei nach dem Krieg. Nachzulesen ist das in der Ausstellung allerdings nicht. Denn auf Beschriftungen der Werke hat Kurator und Künstler Michael Müller vollständig verzichtet.

„Die ersten Fassungen waren sehr theoretisch“, ordnet Pfleger die aktuelle Ausstellung in den Kontext der vorangegangenen ein, „jetzt hat Michael Müller eine Präsentation geschaffen, die direkt Bauch und Auge anspricht.“ Ohne sich auf Beschriftungen zu konzentrieren, könne der Betrachter offener auf die Werke zugehen, sie wirken lassen, ohne voreingenommen zu sein durch die Einordnung des Urhebers in den kunsthistorischen Kanon. Schummeln ist allerdings erlaubt – der Katalog zum informellen Werkblock der Sammlung aus dem Jahr 1995 liegt aus. Darin finden sich Namen wie Fred Thieler, Emil Schumacher, Karl Otto Goetz, Gerhard Hoehme oder Wols. Werke von Gerhard Richter und Michael Müller sind ebenfalls zu sehen.

Angeordnet hat Michael Müller die Kunstwerke in Künstlerräumen: Werke derselben Maler treten in den Kontext der Weiterentwicklung der Technik ihrer Urheber. Das ist spannend, wenn man beobachten kann, wie zunächst zweidimensionale Gemälde immer raumgreifender werden, schließlich skulpturale Elemente erhalten. Durch die Präsentation in den silbrig ausgekleideten Räumen der Galerie erhalten die Werke eine besondere Wirkung. „Sie entwickeln noch mal eine ganz eigene Kraft“, sagt Pfleger.

„Es ging den Malern des Informel um malerische Selbsterkundung, um rein emotionale Malerei ohne rationale Erklärung“, erläutert Susanne Pfleger. Entsprechend müsse sich der Betrachter ganz und gar einlassen auf die abstrakte, expressionistische Darstellungsform. Das Konzept des Verzichtes auf die Beschriftung geht auf: Grafiken und Gemälde nehmen sich ihren Raum, sowohl im realen Kontext der Ausstellung als auch im geistigen Auge des Betrachters. Es ist, wie Gerhard Hoehme es formulierte. Susanne Pfleger zitiert: „Das Gemälde ist in einem selbst.“

Die vierte Fassung der Ausstellungsreihe „Deine Kunst“ von Michael Müller unter dem Titel „Informel, das / Stil, der“ ist bis zum 9. August in der Städtischen Galerie im Schloss Wolfsburg zu sehen.

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