Familienmord in Wolfsburg: Ein Toter wird zum Angeklagten

Wolfsburg.  Crime-Serie: Der Wolfsburger Frauenarzt Dr. Brennecke wird im August 1956 von seiner Familie getötet. Es fällt ein Sensationsurteil.

Auf dem Tisch liegt der verbogene Regenschirm, mit dem Dr. Brennecke auf seine Frau einprügelte, außerdem die Tatwaffen. Daneben liegen Bücher über Mathematik und Roulette, die Brennecke intensiv studierte.

Auf dem Tisch liegt der verbogene Regenschirm, mit dem Dr. Brennecke auf seine Frau einprügelte, außerdem die Tatwaffen. Daneben liegen Bücher über Mathematik und Roulette, die Brennecke intensiv studierte.

Foto: Gerhard Dierssen / DPA

Sie waren zu viert, er war allein – es wurde eine Explosion der Gewalt. Der Mann, der sich selbst „Dr. Mabuse“ nannte, lag tot im Wohnzimmer, und um ihn herum standen seine engsten Verwandten. Der Brennecke-Prozess um einen Familienmord in Wolfsburg ist einer der größten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegszeit. Denn das Urteil schrieb Schlagzeilen: Nicht seine Mörder, der Ermordete selbst war schuld.

Er war der einzige Mann in ihrem Leben: 1931 in der Tanzstunde lernte die damals 15 Jahre alte Ruth den 16-jährigen Primaner Gerhard Brennecke kennen. In der Schule war er als Raufbold bekannt, doch sie faszinierte seine Klugheit. Ruth versprach zu warten, bis Gerhard sein Medizinstudium beendet hatte. Die glücklichsten Jahre waren in Helmstedt, 1938 wurde dort Tochter Doris geboren. Kurz nach der Währungsreform 1948 zog die Familie nach Wolfsburg. Der „Herr Doktor“ war der einzige Gynäkologe in der prosperierenden VW-Stadt. Doch das romantische Glück endete in einem blutigen Drama.

Schwiegermutter sticht mit Brotmesser auf Brennecke ein

Es ist der 14. August 1956: Dr. Brennecke rastete aus und schlug seiner Frau mit einem Regenschirm auf den Rücken. Sie griff sich eine wassergefüllte Weinflasche, knallte sie ihm an den Kopf. Er taumelte, er fiel auf die Couch, bäumte sich wieder auf, sie holte noch einmal aus, schrie um Hilfe. Aus der Küche eilte ihr Vater, in der Hand ein Bügeleisen, schlug Brennecke bewusstlos. Aus der Nachbarwohnung lief Ruths Mutter mit einem Brotmesser herbei. Siebenmal stach sie auf ihren Schwiegersohn ein, vier Stiche trafen ins Herz, der letzte in den Hals, und dort blieb das Messer stecken.

Schließlich stürzte sich die Tochter Doris auf den Toten und stach mit einem Brieföffner immer wieder in sein Gesicht. Es gab nur einen Zeugen, der nach der Tat in der Tür stand der Spross einer Wolfsburger Bäckerfamilie, die in der Nachbarwohnung wohnte. Doris war seine Jugendfreundin. Er sah die weinenden Frauen und den grausam zugerichteten Toten.

Weil das 18 Zentimeter lange Brotmesser nur Stunden vor der Tat angeblich als Schutz vor Brennecke gekauft worden war, ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen die vier Familienmitglieder wegen gemeinschaftlichen Totschlags. Die Anklage ging davon aus, dass die Bluttat planmäßig vorbereitet und vollendet wurde. Vor dem Schwurgericht beim Landgericht Hildesheim mussten sich im Dezember 1957 Ruth (41) und Doris (19) verantworten. Die Haupttäterin, die Großmutter, zur Tatzeit 69 Jahre alt, war verstorben, der 78-jährige Großvater war schwer krank.

Frauenarzt war süchtig nach Morphium und Alkohol

Die Bluttat blieb unbestritten. Entscheidend war, wie es dazu kommen konnte: Dr. Brennecke war in den Monaten vor der Tat zusehends dem Wahnsinn verfallen. Seit dem Krieg war er süchtig nach Alkohol, Morphium und Aufputschmitteln. Er hatte eine wirre Frisur, trug einen verdreckten Mantel, lief mit offenen Schnürsenkeln. Er bezeichnete sich als „Dr. Mabuse“, benannt nach der Buch- und Filmfigur des gleichnamigen Psychoanalytikers und Verbrechergenies. Brennecke beschwor „Gott ist Mathematik!“ Er glaubte, er könne Einsteins Relativitätstheorie weiterführen, und tüftelte an einem todsicheren Roulette-System. Dafür mussten seine Frau und seine Tochter in jeder freien Minute die Reihenfolge der gefallenen Zahlen in Spielbanken ausrechnen. Tatsächlich sind diese sogenannten Permanenzen sinnlose Informationen – Kugel und Scheibe haben kein Gedächtnis.

Nach seinen Berechnungen mussten Doris, die er in die Spielbanken hineinschmuggelte, und Ruth an Spieltischen die Chips setzen. Er wollte das Glück erzwingen, indes wurden nur die Schulden immer größer. Seine Wut ließ Brennecke an Frau und Tochter aus. „Mein Vater sagte, ich bringe euch um, ihr Idioten. Er schlug uns beide, weil wir falsch gesetzt hätten“, berichtete Doris später im Prozess. „Ich legte mich mit offenen Augen aufs Sofa. Mutti stand. Gegen Morgen setzte sie sich auf die Bettkante. Dann sank sie zurück, weil Vater eingeschlafen war. Sie zog die Decke über sich und zitterte. Sie hatte wohl Angst, dass er wieder mit seinen Hosenträgern schlug. Vielleicht hat sie zehn Minuten schlafen können. Das war alles.“

Brennecke misshandelt seine Familie über Jahre

Nachbarn hörten die nächtlichen Schmerzensschreie, die Folgen der Gewalt räumten am nächsten Tag Hausangestellte beiseite. Aber niemand schritt ein, und die Opfer schwiegen. Immer öfter vernachlässigte Brennecke seine Praxis. Er benutzte glühende Nägel als Instrumentenersatz und unsterile Spritzen. Wenn seine Patientinnen mit Schmerzen zu ihm kamen, gab er ihnen harmlose Medikamente, das Morphium behielt er für sich. Seiner Frau befahl er: „Halt mir die Weiber vom Hals! Gib ihnen Bestrahlungen oder sonst was!“

Trotzdem traute sich niemand, den Herrn Doktor bei der Ärztekammer anzuzeigen, niemand beschwerte sich, dass an der einzigen frauenärztlichen Praxis in Wolfsburg immer öfter ein „Verreist“-Schild an der Tür hing. Rückblickend schrieb eine Journalistin des Hamburger Abendblatts über den Fall: „Keiner tat was. Unbegreiflich, dieses Schweigen!“

Im August 1956 eskaliert die Situation

Vor der Tat hatte Dr. Brennecke vier Tage und Nächte mit Frau und Tochter im Spielcasino von Travemünde verbracht und 9500 Mark verzockt. In rasender Fahrt ging es zurück von der Ostsee nach Wolfsburg. Brennecke drohte: „Der letzte Akt spielt in der Wohnung des Dr. Mabuse. Da bringt er euch alle um.“ Dort verprügelte er die völlig übermüdeten Frauen und ging mit dem Regenschirm auf Ruth los.

Im Prozess im Dezember 1957 vor dem Landgericht Hildesheim berichtete der Zeuge, auch er habe panische Angst vor dem Doktor aus der Nachbarwohnung gehabt. Der psychiatrische Sachverständige beschrieb Brennecke als eine abnorme psychopathische Persönlichkeit und über Ruth Brennecke sagte er: „Ihre Angst vor dem Mann wurde immer wieder von der Hoffnung abgelöst, dass er sich bessere.“ Bei der Obduktion der Leiche war festgestellt worden, dass der Tote noch ausgerissene Haare von Ruth in einer Faust hielt.

Oberstaatsanwalt bezeichnet Brennecke als Hauptschuldigen

Nach Abschluss der Beweisaufnahme folgte die Sensation: Der Oberstaatsanwalt forderte Freispruch: „Es gibt Situationen, in denen der Mensch, der tötet, ebenso unschuldig ist wie der Kessel, der explodiert.“ Er bekundete, er schäme sich aufs Tiefste für einen solchen „Mit-Mann“, der derartig an einer Frau handeln konnte. Die Taten der Frauen waren rechtswidrig, allerdings billigte er ihnen zu, dass sie im Augenblick der Tat nicht zurechnungsfähig waren.

Der Argumentation folgte das Schwurgericht, das keine Hinweise auf eine Verabredung zum Mord fand. „Die letzte Phase im Leben des Getöteten hat das Geschehen vorbereitet“, erklärte der Vorsitzende Richter, „Brennecke hat in den letzten Monaten eine von keinen sittlichen Normen mehr beherrschte Ehe geführt.“ Dabei sei der erste Schlag von Ruth Notwehr gewesen, der zweite hingegen nicht. Doch das Gericht attestierte ihr Schuldunfähigkeit, ebenso wie der Tochter, die ihre Mutter in Lebensgefahr wähnte und helfen wollte.

„Selten hat ein Urteil ein so leidenschaftliches Für und Wider ausgelöst wie der Freispruch der Frau Ruth Brennecke und ihrer 19-jährigen Tochter Doris“, schrieb eine Journalistin des Hamburger Abendblatts, „vielleicht hat kaum je ein Kriminalfall so tief in die Abgründe des Menschenherzens hineingeleuchtet.“ Ein Autor der Zeit stellte in seinem Artikel über den Prozess die Frage: „Wer wollte behaupten, dass hier ein bedenklicher Präzedenzfall geschaffen worden sei?“

Ein Axtmord im Schwarzwald

Das Sensationsurteil im Fall Brennecke sollte schon bald das Vorbild für ein weiteres Tötungsdelikt im Schwarzwald werden. Der Fall wurde 1959 vor dem Schwurgericht Konstanz verhandelt. Eine Frau hatte ihren Sohn dazu gebracht, ihren schlafenden Ehemann mit einer Axt zu erschlagen.

Dieser hatte die Familie auch jahrelang misshandelt. Die Frau hatte alle Artikel über den Brennecke-Prozess gesammelt und soll zu ihren Kindern gesagt haben: „Wenn wir den Alten umbringen, müssen wir ebenfalls freigesprochen werden. Er hat uns genauso gequält wie der Wolfsburger Frauenarzt seine Familie.“

Fälle wie der des Dr. Brennecke bezeichnen Juristen als Haustyrannenmorde – verzweifelte Ehefrauen, die nach langem Martyrium ihren Peiniger töten und für diese Tat mildernde Umstände zugebilligt bekommen. Unter anderem weil der Mordparagraph diese seltenen Fälle nicht richtig greift, wird seit Jahren eine Reform diskutiert.

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