Mord im Wolfsburger Bordell: Warum musste Romery sterben?

Wolfsburg.  Seit dem Prostituiertenmord in Vorsfelde sind vier Jahre vergangen. Ermittler stellten 320 Spuren sicher – doch keine führte bislang zum Täter.

Gespenstisch mutete die Szenerie rund um das Bordell „Sandy“ am alten Vorsfelder Bahnhof an jenem Freitagabend vor vier Jahren an, als Ermittler nach dem brutalen Mord an einer 33 Jahre alten Prostituierten bis tief in die Nacht Spuren suchten.

Gespenstisch mutete die Szenerie rund um das Bordell „Sandy“ am alten Vorsfelder Bahnhof an jenem Freitagabend vor vier Jahren an, als Ermittler nach dem brutalen Mord an einer 33 Jahre alten Prostituierten bis tief in die Nacht Spuren suchten.

Foto: Regios24 / Helge Landmann

Dieser 11. November 2016 hat sich ins Gedächtnis von Kriminalhauptkommissarin Helena Karwath eingefräst. Es war kurz nach 15 Uhr – sie war mit ihrem Partner, ebenfalls einem Polizisten, auf der Heimfahrt – als der Anruf aus der Wache kam: „Wir haben eine Leiche. Eine Prostituierte.“ Für die beiden im Auto hieß das: Umdrehen und zurück zur Dienststelle in Wolfsburg.

„Romery“ wurde im Vorsfelder Bordell „Sandy“ ermordet

In solchen Fällen werden sofort alle Kräfte mobilisiert – eine Mordkommission (Moko) wird gebildet. Es darf keine Zeit verloren gehen, die ersten Stunden nach einer Tat sind die entscheidenden, die Spuren noch frisch. Es geht darum: Wer ist das Opfer? Wie lange war die Prostituierte in Wolfsburg? Gibt es einen Zuhälter? Hat sie Freunde hier, Bekannte, vielleicht einen Partner - oder Kontakt zu anderen Prostituierten? Was ist das für ein Objekt, in dem die Frau starb? Und wer waren ihre letzten Freier?

Helena Karwath, die an jenem ersten Tag die Leitung der Mordkommission innehatte: „Man wusste am Anfang gar nichts. Nur, dass 80 bis 90 Prozent solcher Morde Beziehungstaten sind. Vielleicht hatte sich ein Freier in die Frau verliebt – sie gestalkt, und es kam zum Streit. Vielleicht kannten sich Täter und Opfer aber auch vorher gar nicht.“ So beginnt an jenem Freitag die schier unendliche Suche nach jeder kleinsten Spur – von Zeugenhinweisen über die Tatwaffe, Fingerabdrücke und Kondome der Freier bis zu einer Whatsapp-Gruppe, in der sich die Prostituierten gegenseitig austauschen. In der Hoch-Zeit der Ermittlungen werden 30 Beamte in der Moko im Einsatz sein. 320 Spuren sind am Ende gesichert, deren Dokumentation heute über 30 Aktenbände füllt.

Die Moko „Bahnhof“ der Polizei Wolfsburg stellte 320 Spuren sicher

Seite für Seite lässt sich ein grausames Verbrechen rekonstruieren, nur der Täter fehlt bis heute: „Romery“, 33 Jahre alt, kam aus der Dominikanischen Republik nach Deutschland – wie so viele der rund 50 Prostituierten in Wolfsburg. Sie tingelte von Ort zu Ort, war nie mehr als eine Woche in einer Stadt. In Wolfsburg hatte sie im „Bordell Sandy“ am alten Bahnhof in Vorsfelde Station bezogen, warb dort als „Monika Atombusen“ für sich und ihre Dienste. Hatte sie auch an ihrem Todestag noch Freier zu Gast?

Kurz nach 15 Uhr jedenfalls erhielt die Polizei von einem Fremden einen Anruf. Die Einsatzkräfte entdeckten die Frau in dem heruntergekommenen Gebäude – gefesselt in ihrem Blut liegend. Wenig später erlag Romery ihren schweren Verletzungen, jemand hatte mit stumpfer Gewalt auf sie eingeschlagen und sie auf übelste Weise malträtiert.

Nur wenige Freier melden sich auf den Aufruf der Polizei

Wochenlang sind die Ermittler der Moko „Bahnhof“ am Tatort unterwegs, stellen diverse DNA sicher, forschen bis ins Unterholz nach Tatwaffe und Co., während ein kleines Team in der Polizeiinspektion Wolfsburg oft bis in die Nächte hinein versucht, aus all den Spuren die entscheidenden Details herauszukristallisieren. Doch die Ermittlungsarbeit gestaltet sich äußerst schwierig. Helena Karwath sagt: „Nur wenige Freier haben sich auf unseren Aufruf freiwillig bei uns gemeldet, um uns zu ermöglichen, mit Hilfe eines genetischen Fingerabdrucks die DNA-Spuren vom Tatort abzugleichen.“ Sie hält kurz inne und betont dann: „Dabei sind die Freier so wichtig für uns. Nur sie wissen, wie Romery arbeitete.“ Grad mal ein Drittel der Kondome, die die Polizisten in der Wohnung und auf dem Gelände gefunden haben, konnte bisher zugeordnet werden. Und daher geht auch heute – genau vier Jahre nach der Tat – nochmals der Appell der Ermittler an die Öffentlichkeit: „Melden Sie sich, wenn Sie bei Romery waren! Desto mehr Spuren können wir ausschließen - und dem Täter Stück für Stück näherkommen.“

Mehr zum Fall

Auch Aktenzeichen XY berichtet über den Fall

Auch das anonyme Hinweisgebersystem, bei dem die Anonymität jedes Anrufers technisch garantiert ist, kommt bei diesem Verbrechen zum Einsatz, Fallanalytiker sogenannte „Profiler“ werden hinzugezogen, „Aktenzeichen XY“ (ZDF) und „Ungeklärte Fälle“ (RTL II) berichten über den Fall. Es gibt immer wieder Hinweise, aber keiner führt zum Ziel. Was Helena Karwath bis heute umtreibt: „Warum meldet sich der Zeuge nicht, der an jenem Tag in der Nähe des Tatorts gesehen wurde und den wir sogar mit einem Phantombild öffentlich suchen? Der Kapuzenmann, zwischen 28 und 30 Jahren alt, circa 1,90 Meter groß und schlank.“ Auch da bietet jeder neue öffentliche Bericht den Hauch einer Chance.

Ein weiterer Ermittlungsansatz – eine Telefonnummer, von der neunmal auf dem Handy der Prostituierten Romery angerufen wurde, als sie in Vorsfelde war – bleibt ebenfalls ohne Ergebnis, genauso wie der ungewöhnliche Knoten an dem Kabel, mit dem das Opfer gefesselt wurde und der einem Seglerknoten ähnelt. Vom Täter fehlt jede Spur. Gesucht wird eine männliche Person, das steht für die Ermittler fest, denn, so Karwath: „Eine Frau greift zur Waffe und erschießt jemanden, diese brutale Gewalt aber spricht eher für einen Mann.“

Ermittlerin: „Zweimal dachten wir, nah dran zu sein“

„Zweimal, ja, da dachten wir, nah dran zu sein“, erinnert sich Karwath, und man spürt, wie sehr das Fahndungsfeuer noch in ihr lodert: Einmal ging es um den Mörder einer anderen Prostituierten, der 40 Jahre alten „Sissy“, die eine Woche zuvor an der B 494 bei Hohenhameln im Landkreis Peine in ihrem Lovemobil erstickt wurde. Der Mann, der mittlerweile zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, soll angeblich einem Kumpel verraten haben, dass er auch der Mörder von Romery sei. Doch stichhaltige Beweise – Fehlanzeige. Ein andern Mal ging es um den Mörder zweier Joggerinnen in der Gegend um Freiburg, der just an Romerys Todestag mit seinem Lkw von Hannover aus unterwegs war. Helena Karwath: „Das war eine richtig heiße Spur. Aber es passte dann zeitlich und von der Strecke doch nicht…“

Alle Spuren sind abgearbeitet, die Moko ist aufgelöst

Längst sind alle Spuren abgearbeitet, die Moko aufgelöst, die Akte geschlossen, sie liegt bei der Staatsanwaltschaft. Jedes Mal aber, wenn Helena Karwath über den Fall spricht, ist „wieder alles da“: „Man möchte den Täter einfach kriegen.“ Und Mord verjährt eben nie.

Zeugenaufruf der Polizei

Die Polizei sucht bis heute Zeugen rund um das Verbrechen am 11. November 2016 – insbesondere auch Freier, die die Prostituierte Romery in ihrer Zeit in Wolfsburg besucht haben. Auch die Belohnung in Höhe von 5000 Euro für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, bleibt bestehen. Bitte melden Sie sich unter folgender Nummer bei der Polizei: (0 53 61) 4 64 60.

„Tatort“: Die Crime-Serie der Braunschweiger Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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