Trotz Lockdowns verbucht das Ordnungsamt eine Rekord-Bilanz

Wolfsburg.  Millionen für die Stadt vor allem dank Autofahrern, die Wolfsburgs Straßen mit Rennpisten verwechseln.

Blitzer „Herbert“ stand Mitte April an der Braunschweiger Straße und wurde Opfer einer
Sprühattacke.

Blitzer „Herbert“ stand Mitte April an der Braunschweiger Straße und wurde Opfer einer Sprühattacke.

Foto: Darius Simka / Regios24

Das Ordnungsamt der Stadt Wolfsburg zieht Bilanz für 2020. In Zeiten klammer Kassen durfte Kämmerer Andreas Bauer Einnahmen aus Verwarn- und Bußgeldverfahren in Höhe von 3.644.712 Euro verbuchen – das sind 255.602 Euro (plus 7,5 Prozent) mehr als im Vorjahr und überhaupt der Spitzenwert in den vergangenen fünf Jahren.

Das Aufgabenspektrum der Mitarbeiter des Sicherheits- und Ordnungsdienstes hat sich vergangenes Jahr erweitert. Die Frauen und Männer wachen nunmehr auch über die Einhaltung der Corona-Verordnungen des Landes und der Allgemeinverfügungen der Stadt. Vergangenes Jahr wurden 1208 sogenannte Gruppenverstöße und Nicht-Einhaltungen des Mindestabstands (zur Erinnerung: 1,50 Meter) registriert, außerdem 525 Verstöße gegen die Maskenpflicht sowie 340 Betretungsverbote. Ein solches galt beispielsweise im Frühjahr unter anderem im Allerpark und an den Teichen ebenso wie in der Kneipenmeile Kaufhof, was in der Bürgerschaft nicht nur für Beifall sorgte.

30 Verstöße bei Gewerbebetrieben wurden angezeigt. Erfreulich: Im Zusammenhang mit dem Feuerwerksverbot an Silvester berichtet die Bilanz von keinem einzigen Fall. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 2128 Verfahren wegen Corona-Verstößen geführt. Dies ist wohl die eine Erklärung, warum die Gesamtzahl aller Verfahren von 133.195 in 2019 auf 137.076 in 2020 (plus 2,9 Prozent) angestiegen ist.

Eine weitere Erklärung könnte lauten, dass das Ordnungsamt nach dem ersten mobilen Blitzer „Herbert“ im Jahr 2018 dann im vergangenen Herbst den zweiten in Betrieb genommen hat. Dieser wurde auf den Namen „Hildegard“ getauft. Beides sind althochdeutsche Namen: „Herbert“ bedeutet so viel wie der „strahlende Krieger“, Hildegard „die schützende Kämpferin“. Die Hersteller-Bezeichnung der Blitzer lautet hingegen „Enforcement-Trailer“, zu Deutsch etwa „Vollzugs-Anhänger“. Kernige Namen!

Die Autofahrer sollten sich jedenfalls vergewissern, dass diese lasergesteuerten Geschwindigkeitsüberwacher ihr Tagesprogramm stur abliefern – ihre Batterie ermöglicht fünf Tage Messbetrieb am Stück. Dies hat den Nebeneffekt, dass die die Mitarbeiter des Streifen- und Ordnungsdienstes von der Überwachung des fließenden Verkehrs eher abgezogen werden konnten, um stattdessen bei Corona-Streifen eingesetzt zu werden.

Weniger Verkehr durch Lockdown – mehr Tempoverstöße

Nun hätte man annehmen können, dass aufgrund zweier Corona-Lockdowns und betrieblich verordneter Homeoffice, die für Teile der Arbeitnehmerschaft nun schon seit Mitte März andauert, weniger Betrieb auf den Straßen ist und dementsprechend weniger Geschwindigkeitsverstöße gemessen werden. Das Gegenteil ist der Fall: Zwar wurde tatsächlich deutlich weniger Verkehr auf den Straßen gesichtet, wie Ordnungsamtsleiter Axel Piepers in der Pressemitteilung der Stadt bestätigt.

Allerdings nahm die Anzahl der Tempoverstöße deutlich zu. Zum Vergleich: Im 2017 wurden noch 45.147 Tempoverstöße festgestellt. 2019 waren es 77.824 und vergangenes Jahr 92.936 (plus 105 Prozent von 2017 zu 2020, plus 19,4 Prozent von 2019 zu 2020). Die Tempokontrollen führten zu Verwarnungs- und Bußgeldern in Höhe von 2.479.430 Euro. 2019 waren es 2.108.838 Euro (plus 17,5 Prozent). Rechnet man mit Anschaffungskosten in Höhe 150.000 Euro je mobilen Blitzer, hat sich „Hildegard“ wohl schnell amortisiert und „Herbst“ wohl schon längst.

Verleiten Wolfsburgs teilweise großzügig ausgebaute und aktuelle weniger frequentierten Straßen dazu, aufs Gaspedal zu treten? Das Ordnungsamt listet die letztjährigen Negativrekorde auf: Autofahrer, denen man nichts anderes als Vorsatz, vielleicht sogar schon kriminelles Handeln unterstellen muss, weil sie wissentlich das eigene Leben und das anderer Verkehrsteilnehmer aufs Spiel setzen.

Problemstrecke in Detmerode: die Frankfurter Straße

So wurde ein PS-Protz am St. Annen-Knoten/Berliner Ring mit einer Spitzengeschwindigkeit von 137 Km/h gemessen – dort gilt Tempo 50! Hätte sich auf der Strecke plötzlich eine Gefahrensituation ergeben, hätte das Auto laut einer gängigen Formel 41 Meter zurückgelegt, eher der Fahrer die Lage erfasst und in die Eisen hätte steigen können und dann noch weitere 94 Meter, bis sein Auto zum Stehen gekommen wäre – insgesamt hätte es also eine Gesamtstrecke von 135 Metern zurückgelegt.

Ein Einzelfall? Mitnichten: Ebenfalls Berliner Ring/St. Annen-Knoten beschleunigte ein Rennfahrer auf hoch auf Tempo 131. In der Dieselstraße wurde ein anderer Fahrer mit Tempo 126 statt 50 geblitzt. Auf der Braunschweiger Straße wurde ein Auto mit Tempo 125 statt erlaubtem 50 erwischt. In der Straße Allerwiesen, dort wo viele Fußgänger und Vereinsangehörige unterwegs sind und Tempo 30 gilt, erhielt ein Fahrer ein Erinnerungsfoto, weil er 106 km/h fuhr.

Problemstrecke Nummer 1 in Wolfsburg ist die autobahnähnliche Frankfurter Straße in Detmerode. Dort wurden 2020 die meisten Geschwindigkeitsverstöße registriert. Danach folgen die Heinrich-Nordhoff-Straße, die Braunschweiger Straße, die Heßlinger Straße, die Berliner Brücke, der St.-Annen-Knoten, der Berliner Ring, die Brechtorfer Straße, die B188 und die Nordsteimker Straße. Da das Ordnungsamt die Problem-Strecken in ihrer Pressemitteilung so gewissenhaft auflistet, dürfen Autofahrer gewiss sein, dass an diesen Straßen gut getarnt hinter Bäumen und Büschen auch künftig „Herbert“ und „Hildegard“ auf der Lauer liegen werden.

Der St.-Annen-Knoten ist als Unfallschwerpunkt bekannt. 19 Unfälle mit acht Verletzten wurden allein im Jahr 2019 registriert. Jegliche Zweifel an der Aufstellung der beiden Blitzersäulen (Kosten: 200.000 Euro) im April 2020 wischt die Ordnungsamt-Bilanz beiseite: Die neue Anlage überführte 1428 Rotlichtsünder. Davon leuchtete in 134 Fällen das Rotlicht schon länger als eine Sekunde. Die Autofahrer bekamen nicht nur ein erhöhtes Bußgeld in Höhe von 200 Euro aufgebrummt, sie bekamen außerdem ein einmonatiges Fahrverbot verpasst. Bei all dem muss man bedenken: Die beiden Blitzersäulen wurden für Rotlicht-Verstöße erst Mitte August scharf geschaltet. Zuvor dokumentierten sie lediglich Geschwindigkeitsverstöße.

Corona-Knick bei Parkverstößen

Zur ureigensten Aufgabe des Ordnungsamtes gehört die Kontrolle von gebührenpflichtigen Parkplätzen. Hier wird der Corona-Knick deutlich: Nachdem 2019 37.324 Parkverstöße registriert wurden, waren es im vergangenen Jahr 29.388 Verfahren (minus 21,2 Prozent). 3563 Bußgeld- und Kostenbescheide wurden erlassen (2019: 4253). Aus den Verfahren resultierten 480.968 Euro Einnahmen (2019: 560.875, minus 14,2 Prozent).

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