Tunnelschänke – Die Zukunft der VW-Kultkneipe ist ungewiss

Wolfsburg.  Der Pachtvertrag läuft nur noch ein Jahr. Pläne für das Nordkopfquartier könnten das Aus bedeuten.

Seit 1996 führt Bruno Corigliano die Tunnelschänke. Geschlossen hat die Kultkneipe nur von 2 bis 5 Uhr in der Nacht.

Seit 1996 führt Bruno Corigliano die Tunnelschänke. Geschlossen hat die Kultkneipe nur von 2 bis 5 Uhr in der Nacht.

Foto: Helge Landmann / regios24

Tja, wie alt mag die Tunnelschänke sein? Welcher Wirt hat hier das erste Bier gezapft und welcher durstige VW-Mitarbeiter hat es getrunken? Fragen über Fragen – aber keine Antworten. Bruno Corigliano weiß es auch nicht. Er ist seit 1996 Herr über die Zapfhähne der Tunnelschänke und kann mit Bestimmtheit sagen, dass sein Pachtvertrag für die legendäre Immobilie am Eingang zum Volkswagen-Tunnel 17 gerade bis zum 31. August 2021 verlängert wurde. Und dann? Die Zukunft der Tunnelschänke samt Kiosk und benachbartem Friseur ist mindest ebenso ungewiss wie die Vergangenheit nebulös bleibt. „Ich weiß nur, dass die Tunnelschänke eine der ältesten Kneipen in Wolfsburg ist. Und inzwischen die einzige für die Mitarbeiter von Volkswagen“, legt sich der 68-Jährige fest, der seit 1973 in Wolfsburg lebt.

Niedergang der Kneipenkultur

Der Blick auf die gegenüberliegende südliche Seite der Heinrich-Nordhoff-Straße verdeutlicht den allgemeinen Niedergang der klassischen Kneipenkultur auch in Wolfsburg und insbesondere im direkten Dunstkreis der Riesenfabrik am Mittellandkanal. Dort gab es mit der Lokalität „Bei Anna“ eine ähnlich urige und beliebte Kneipe für alle, die vor oder nach dem Gang zur Arbeit noch ihren Durst löschen wollten. Gab, denn „Bei Anna“ ist schon seit Jahren geschlossen. Inzwischen gibt es dort einen Imbiss und Büros. Ob der Tunnelschänke dieses Schicksal erspart bleibt?

Dem Wandel widerstanden

Bislang hat das Ensemble, das wie kein zweites eine lange Phase des „klassischen“ Industriezeitalters und seiner gesellschaftlichen Prägungen in der jungen Geschichte Wolfsburgs spiegelt, alle Umbrüche überstanden, die mit der Entwicklung der Stadt und dem Wandel in der Automobilproduktion einhergingen. Legendär sind besonders die Zeiten, als die Massen unter anderem über die Wache Steg im festen Takt des Schichtbetriebes oder der Bürozeiten in die Fabrik und die Kneipe strömten. 1966 wurden die beiden Tunnel unterm Kanal gebaut. Die Kneipe gab es schon vorher.

Damals hatte auch auch schon fast jeder Volkswagen-Mitarbeiter ein eigenes Auto. Statt in die Pendlerbusse strömten die Menschen aus der Region zu ihren eigenen Autos. Im Laufe der Zeit konnte das schnelle Bier nach der Schicht dann auch an der Tankstelle gezischt werden. Und seit der Krise von 1993 mit der Einführung der Vier-Tage-Woche befand sich das prägende Schichtsystem mit festen kollektiven Arbeitszeiten in Auflösung. Das verändert auch die Formen der Geselligkeit und des gemeinsamen Trinkens maßgeblich. Doch erst das „New Volkswagen“ mit seiner radikalen Ausrichtung auf eine neue Mobilität unter dem Stern der Digitalisierung und Elektrifizierung könnte nun in Kombination mit den einschneidenden Folgen der Coronapandemie dem letzten architektonischen Ausdruck einer im besten Sinne proletarisch geprägten Freizeitkultur den Garaus machen. Kann man sich einen oder eine aus der Garde der jungen Softwareentwickler ernsthaft übers Laptop gebeugt am Tresen der Tunnelschänke vorstellen? Eher nicht.

Wirt Bruno würde natürlich auch sie bedienen. Wie die Werker oder die Fußballfans vom VfL, aus Hamburg, Berlin oder München, für die ein Besuch der Tunnelschänke ebenso zum Pflichtprogramm eines Wolfsburg-Gastspiels gehört wie für Journalisten, die eine Story über die Lage bei VW mit ein wenig uriger Atmosphäre würzen wollen. „Die Tunnelschänke ist Kult. Und sie muss erhalten werden“, legt sich Corigliano fest. Doch das schöne neue Wolfsburg frisst gnadenlos auch die heimeligen Ecken, die vor allem für ältere Wolfsburger ein Stück ihrer Geschichte symbolisieren. Es ist nicht ausgemacht, dass Schänke, Kiosk und Friseur „Figaro“ die nächste Stufe der Stadtentwicklung überstehen. Verwaltung, Volkswagen und der Investor Signa haben am Nordkopf große Pläne. In denen tauchen die so gar nicht hippen Läden nicht auf. Das Objekt gehört privaten Investoren (zuvor der Bahn), die einen hübschen Verkaufspreis mit Sicherheit nicht für ein Stück Industrieromantik opfern werden.

Die Stadt sieht es nüchtern

Die Stadt Wolfsburg sieht die Angelegenheit ebenfalls überaus unsentimental. „Die Tunnelschänke am Willy-Brandt-Platz 7 steht nicht unter Denkmalschutz. Das Objekt befindet sich auch im Bereich der Nordkopfplanung. Zum jetzigen Zeitpunkt kann noch keine Aussage zum Umgang mit der Tunnelschänke getroffen werden, weil sich die Planung noch in der Entwurfsphase befindet“, heißt es auf Anfragen unserer Zeitung. „Ich würde auf jeden Fall gerne weitermachen“, gibt sich Wirt Bruno kämpferisch. Schließlich hat er auch die mehrwöchige Corona-Schließung der Tunnelschänke und seiner Bar Azzurri auch irgendwie mit den Einnahmen aus dem Kiosk überstanden. Am Freitag werden die Kassen auf jeden Fall noch einmal klingeln. Zum Beginn der Werksferien feiert das alte Wolfsburg nämlich fröhliche Urständ – mit der Verabschiedung der Werktätigen durch das Volkswagen-Orchester und einem Abstecher in die Tunnelschänke.

Haben Sie Erinnerungen an die Tunnel-Schänke? Oder wissen Sie etwas über Gründung des Lokals oder einen der früheren Wirte. Wenn Sie Informationen oder alte Fotos haben, melden Sie sich bei den Wolfsburger Nachrichten (redaktion.wolfsburg@bzv.de) oder unter thomas.kruse@bzv.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)