Manager-Guru macht VW-Führungskräfte fit für den Wandel

Führungskräfte fallen nicht vom Himmel. Den Job kann man wie ein Handwerk erlernen, sagt Fredmund Malik.

Die obersten Etagen des Marken-Hochhauses sind das Ziel ehrgeiziger Führungskräfte. Doch mit dem Einzug in den Manager-Olymp ist es künftig nicht mehr getan.

Die obersten Etagen des Marken-Hochhauses sind das Ziel ehrgeiziger Führungskräfte. Doch mit dem Einzug in den Manager-Olymp ist es künftig nicht mehr getan.

Foto: Volkswagen AG

Wolfsburg. Gewohnt präzise hatte Volkswagen-Chef Herbert Diess vor Kurzem bei der Ausbildung des Management-Nachwuchses Luft nach oben konstatiert. Das wird sich ändern. Und helfen soll dabei ein ganz Großer der Zunft der Managementberater. Der 76-jährige Österreicher Fredmund Malik wird sich speziell um jene Talente kümmern, die noch am Anfang ihrer Volkswagen-Karriere stehen. Aber auch für bereits arrivierte Entscheider wird sich etwas ändern.

Diess freut sich auf hochmotivierte Führungskräfte

Das Konzept von Personalvorstand Gunnar Kilian findet Diess gut, wie er auf seinem LinkedIn-Account mitteilte: „Wir haben unsere Fortbildung für Manager neu aufgestellt - sehr gut! Ich finde das neue Programm sehr gut! Wir streben eine agile und moderne Führungsstruktur an, die weniger hierarchisch ist. Sie ist Teil unseres Kulturwandels, den wir nach der Dieselkrise begonnen haben. Ein modernes Führungsverständnis ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor in unserer sich schnell wandelnden Welt. Es freut mich, dass Prof. Malik uns auf diesem Weg mit seinem reichen Erfahrungsschatz unterstützt. Ich schätze ihn als Management-Experte sehr! Viel Erfolg bei der Umsetzung Gunnar Kilian – ich freue mich schon jetzt auf die daraus hervorgehenden hochmotivierten und hochqualifizierten Führungskräfte.“

Manager sollen als Vorbilder vorangehen

Der wortreich propagierte Kulturwandel bei Volkswagen hält bislang offenbar nicht Schritt mit dem scharfen technischen Transformationstempo. Während Konzern und Kernmarke eine große Herbstoffensive für Golf und Tiguan, vor allem aber für die reinen Elektrofahrzeuge gestartet haben, war zum Thema Führungskräfte und flachere Hierarchien lange nichts mehr zu hören. Diess hatte immer wieder betont, dass die Manager als Vorbilder vorangehen müssten. Jetzt wird das Thema angepackt.

Die Prägung soll in einer frühen Phase erfolgen

Im Karriere-Netzwerk LinkedIn haben Kilian und Malik ihr Projekt erörtert. Kilian sagt zur Ausgangslage: „Die Kompetenz von Führungskräften ist nicht erst seit heute von besonderer Bedeutung. In der aktuellen Phase der Transformation der Automobilindustrie brauchen wir aber neue Führungsfähigkeiten.“ An den Grundanforderungen für Manager habe sich zwar im Laufe der Jahre nichts elementar verändert. „Doch die Anforderungen, vor die uns Digitalisierung und E-Mobilität stellen, erweitern das Themenspektrum immens – besonders, was unser kulturelles Führungsverständnis betrifft. Deshalb gehen wir in der Führungskräfteentwicklung neue Wege. Besonders freue ich mich, dass wir Professor Malik für die Qualifizierung junger Managerinnen und Managern gewinnen konnten. Denn für mich steht fest: Die Prägung von Führungskräften findet in einer frühen Phase statt“, findet Kilian.

Der Guru aus Sankt Gallen

Der 76-jährige Malik gilt als Europas „Management-Vordenker“. Malik ist ein österreichischer Wirtschaftswissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt Managementlehre sowie Inhaber und Leiter eines Management-Beratungsunternehmens in St. Gallen. Malik verwendet unter anderem systemtheoretische und kybernetische Ansätze zur Analyse und Gestaltung von Managementsystemen (Quelle: Wikipedia). Einer seiner Kernsätze lautet: „Management ist erlernbar.“ Damit relativiert er die vor allem in Deutschland immer noch vertretende These, zum Bekleiden höchster Posten müsste man quasi geboren und reich mit Talenten gesegnet sein.

Ziel: ein robustes Vertrauensklima schaffen

In dem LinkedIn-Beitrag präzisiert Malik seinen Ansatz so: „In unserem Programm stelle ich die Kompetenz der Effektivität in den Mittelpunkt. Es ist die Fähigkeit, richtiges Denken und Handeln wirksam zu machen. Dazu gehört konsequente Ergebnisorientierung und die Konzentration auf Prioritäten. Effektive Führungskräfte geben den Menschen solche Aufgaben, wo sie ihre Stärken nutzen können und wo ihre Schwächen bedeutungslos sind. Sie schaffen ein robustes Vertrauensklima durch ihre eigene Integrität und Fairness und durch ihr eigenes Beispiel und Vorbild. Sie denken positiv und begegnen den Menschen mit Anstand und Wertschätzung.“

Mit alten Methoden ist VW nicht mehr zu steuern

Der lange noch nicht final aufgearbeitete Abgasskandal und diverse andere Skandale davor und danach haben die Schwachstellen des jahrzehntelang sehr starren Führungsbegriffes bei Volkswagen deutlich offengelegt. Auch der Betriebsrat wünscht sich eine Aufweichung desselben und beklagte mehrfach „Kamin-Karrieren“ – geradlinige Aufstiege in der jeweiligen Organisation, die nicht selten zu Betriebsblindheit führen. Damit lässt sich ein sich immer stärker diversifizierendes Unternehmen, das sehr schnell auf Veränderungen reagieren muss, nicht mehr steuern.

Schnellere Entscheidungen sind gefragt

Natürlich ist das eine plakative Einschätzung. Schließlich würde Volkswagen im operativen Geschäft nicht so erfolgreich sein, wenn das Management schlecht wäre. Kilian ist es wichtig, auch das zu betonten. Aber: „Wir haben bei Volkswagen schon heute viele Stärken im Management. Der stetige Erfolg unseres Konzerns belegt das. Aber wir sind jetzt in einer Phase, in der die Veränderungsgeschwindigkeit exponentiell zunimmt. Exemplarisch zeigen das unsere Produkt-Entwicklungszyklen. Den ID haben wir beispielsweise in einer Zeit von nur vier Jahren konzipiert und entwickelt. Das heißt: Fast doppelt so schnell, wie andere Modelle zuvor. Zudem befähigen uns jetzt digitale Tools, nun auch Verbesserungen, Ergänzungen und Updates „over the air“ liefern zu können. Für unser Management bedeutet das eine besondere Herausforderung, die unterstreicht: Wir befinden uns in einer der komplexesten Umbruchphasen, die unsere Industrie je erlebt hat. Und damit verändern sich jetzt auch wesentliche Parameter unseres Geschäftsmodells. Dazu brauchen wir mehr Kompetenzen im agilen Arbeiten, aber auch in der schnelleren Entscheidungsfindung und effizienteren Umsetzung.“

Malik: Management ist ein erlernbares Handwerk

Die Zusammenarbeit mit Malik hat ganz konkrete Folgen für die künftigen Führungskräfte. Malik erläutert seinen Ansatz so: „Heute wissen wir, dass man Management in großem Umfang lernen kann. Es ist gelungen, Management in vielen Punkten von einer Kunst zu einem Handwerk zu machen. Und das ermutigt die Menschen. Den nicht vorhandenen Talenten nachzutrauern, bringt nichts. Es macht aber Sinn, sich auf das Lernbare auszurichten. Das ist vergleichbar mit Training im Sport. Man kann große Fortschritte machen, wenn man richtig trainiert. Auch wenn es nicht ausreicht, um an die Spitze zu kommen, so kann man durch stetes Training große Leistungen erbringen.“

Bausteine für die Weiterentwicklung der Spitzenkräfte

Bei Volkswagen gab es in den vergangenen Jahren keine verpflichtenden Programmbausteine zur Weiterentwicklung des Management. Kilian wird das ändern: „Nur beim Sprung ins Management gab es eine Schulung und Prüfung. Für die Zeit danach nicht. Das haben Ralph Linde, Leiter der Volkswagen Group Academy, und ich für wenig zielführend erachtet. Deshalb haben wir mit unseren Teams eine stringente und zukunftsorientierte Managemententwicklung konzipiert. Vom Management über den Oberen Managementkreis bis hinein ins Topmanagement. Zwei Bausteine bilden dafür eine stabile Basis: Der eine ist das beschriebene Programm mit Herrn Professor Malik. Der andere Baustein ist ein Programm für diejenigen, die den Schritt in den Oberen Managementkreis gehen. Dieses Programm haben wir mit der Pariser Wirtschaftshochschule HEC und dem Hasso-Plattner-Institut in Potsdam konzipiert. Die Pilotphase lief bereits erfolgreich, jetzt gehen wir in den Regelbetrieb.“

Auch das ist besonders: Managerinnen und Manager aus allen Konzernmarken absolvieren diese Module gemeinsam. Und noch etwas ist neu: Es soll Rückmeldungen zwischen Teams und Führungskräften geben – in Form kurzer Befragungen über ein digitales Tool. C

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